Sexuelle Gewalt im freikirchlichen Kontext

Vergib und vergiss...
Sexuelle Gewalt

Chameleonseye

Von klein auf war ihr vermittelt worden, dass sich Mädchen und Frauen nicht zu widersetzen haben, wenn Männer etwas wollen.

Sexuelle Gewalt

Nina B. wurde jahrelang von ihrem Halbbruder missbraucht. Bis heute, 30 Jahre danach, findet sie für ihr erlittenes Leid kein Verständnis in ihrer ultrafrommen Familie und der Kirchengemeinde.

Nina B.* hat als Kind jahrelang schwere sexuelle Gewalt erlebt. Der Täter war ihr Halbbruder. Er hat die Taten nicht bestritten und vor zwei Jahren eine hohe fünfstellige Summe Schmerzensgeld gezahlt. Auch in der Familie und in der Kirchengemeinde, die offenbar viel Einfluss auf die Familie hatte, streitet niemand die Taten ab. Warum stellen sich in der Familie immer noch viele schützend hinter den Halbbruder und nicht hinter sie? Warum beschimpft der Vater sie als "Hure" und ächtet nicht den Täter? Warum fragt keiner, wie es ihr geht und ob sie Hilfe braucht? Stattdessen empfiehlt ihr die Leitung der Gemeinde ihres Halbbruders heute, sie möge darüber nachdenken, dem Täter zu vergeben. Das biete ihr eine Möglichkeit, inneren Frieden zu finden.

Nina B. ist 41 Jahre alt, selbstbewusst und beruflich erfolgreich. Seit 20 Jahren arbeitet sie bei einem großen Automobilkonzern. Heute kann sie offen über das Geschehene sprechen, doch es fällt ihr schwer, damit abzuschließen.
Gern hätten wir sie persönlich getroffen, der Termin war ausgemacht. Gern hätten wir Gottesdienste in der freikirchlichen Kirchengemeinde besucht und mit den Verantwortlichen direkt gesprochen. Doch dann kam ­Corona. So haben wir mit Nina B. mehrere lange Tele­fonate geführt und über Zoom mit ihr gesprochen. Wir ­sahen eine gepflegte Frau mit schwarzem Jackett, Ohr­ringen und langen dunklen, nach hinten gebundenen ­Haaren. Wir konnten Mailwechsel und Anwalts­schreiben einsehen und haben die Kirchenverantwortlichen per Mail um Stellungnahme gebeten. Und wir haben mit ­Experten telefoniert, die sich auskennen mit sexueller ­Gewalt in kirchlichen Kontexten, mit Traumabewältigung und spirituellem Missbrauch.

"Es war eine Erziehung des ­Gehorchens und des Hinnehmens"

Nina B.s Eltern kamen in den 1970er Jahren aus Kirgistan nach Deutschland. Sie sind sogenannte Russland­deutsche. Der Vater hat vier Söhne und eine Tochter aus erster Ehe. Mit seiner zweiten Frau bekam er einen weiteren Sohn, Nina und ihre Schwester. Nina ist die Zweitjüngste von acht Geschwistern. Sie wuchs in ­einer Stadt in Norddeutschland auf, in einem großen Haus mit weitläufigem Garten, Maisfeld und Hühnerstall. Die Familie versorgte sich zum Teil selbst und lebte ein altmodisches, traditionelles Leben. Wenn die Kinder etwas falsch machten, habe der Vater sie im Keller mit einem Verlängerungskabel verprügelt. "Wer seine Rute schont, der hasst seinen Sohn; wer ihn aber lieb hat, der züchtigt ihn beizeiten", heißt es in der Bibel (Sprüche 13,24). Nina B. versteckte ein Handtuch in ihrer Hose, damit die ­Schläge nicht so wehtaten. "Es war eine Erziehung des ­Gehorchens und des Hinnehmens", sagt sie heute.

1989, sie war elf Jahre alt, bekam ihr damals 17-jähriger Halbbruder einen Computer und spielte Videospiele. Nina durfte zusehen. Plötzlich, sagt sie, bedrängte ihr Bruder sie körperlich. Sie habe instinktiv gespürt, dass das nicht richtig ist. Sie habe Schmerzen gehabt und ihm das auch gesagt, aber er habe weitergemacht: "Ich bin dein Bruder, ich darf das." Sie habe sich nicht getraut, ihm zu widersprechen und sich zu wehren. Denn von klein auf war ihr vermittelt worden, dass sich Mädchen und Frauen nicht zu widersetzen haben, wenn Männer etwas wollen. Und das hatte viel mit der baptistisch-freikirchlichen Gemeinde im Nachbarstadtteil zu tun.

Sie war Dreh- und Angelpunkt im Leben von Familie B. Die Gemeinde hatte wenige Hundert Mitglieder, die Familien kannten sich untereinander. Samstags gingen die Kinder in die Kinderstunde, sonntags kamen alle zum Gottesdienst zusammen, man feierte gemeinsam Hochzeiten und Gemeindefeste, unternahm Ausflüge und fuhr auf ­Kirchenfreizeiten. Hatte jemand in der Familie eine Be­ziehung zu jemandem außerhalb der Gemeinde, wurde das von den anderen Gemeindemitgliedern misstrauisch beäugt, erzählt Nina B. Die soziale Kontrolle sei hoch, und was der Pastor gepredigt habe, sei Gesetz gewesen.

"Ich dachte, Jesus hätte sie abgeholt und mich alleine zurückgelassen"

In der Kirche und zu Hause lernte Nina B.: Frauen sind da, um Kinder zu kriegen und den Haushalt ­zu machen, so erinnert sie sich. Über Sexualität wurde ­ nicht geredet, aber auch so war klar: Sex vor der Ehe ist eine Todsünde. Unverheiratete schwangere Frauen seien aus der Gemeinde ausgeschlossen worden, ­ Ninas Nichte sei das passiert. Die Frauen hatten sich ­"züchtig" zu kleiden. Zum Gottesdienst mussten sie ­Ende der 1980er ­lange Röcke tragen und die verheirateten Frauen Kopftuch.

Vermeintlich unchristliche Musik und Bücher waren in Ninas Kindheit verpönt, Kinobesuche galten als Sünde. Als Nina mit Freundinnen "Das Dschungelbuch" sehen wollte, warnte der Vater: Wenn sie da hingehe und Jesus komme, um die Eltern zu holen, dann werde er sie nicht mitnehmen! "Man muss sich das mal vorstellen", sagt Nina im Zoom-Chat, "ich sitze im Kino, schaue Mogli zu und frage mich, ob ich ein schlechter Mensch bin." Als sie heimkam, waren die Eltern weg. Nina geriet in Panik. "Ich dachte wirklich, Jesus hätte sie abgeholt und mich alleine zurückgelassen."

Ständig wurde Nina mit der Hölle gedroht. Wie sich die Hölle anfühlt, lernte sie an Informationsabenden in der Gemeinde, zu denen ihre Eltern sie mitnahmen. Da war viel von Feuer und Verdammnis die Rede, Bilder ­wurden dazu gezeigt. "Ich habe mich fest an meine Mutter ­ge­klammert", erzählt sie.

"Das Kind kann kein eigenes Gespür für Gut und Böse entwickeln"

In der Kinderbibelstunde und im Gottesdienst erzählte der Pastor die Geschichte vom verlorenen Sohn, und dass Jesus jedem verlorenen Schäfchen nachgeht. Die Aussage lief ­allerdings immer auf dasselbe hinaus: Allein Jesus könne die Menschen vor der Hölle retten. Wenn man selbst etwas Böses tue oder wenn einem etwas Böses angetan werde, müsse man deshalb zu Jesus gehen. Der heile das Herz, danach sei alles wieder gut.

"Dass es eine Verantwortung auch auf menschlicher Ebene gibt, wird so aber oft verschwiegen und geleugnet. Das ist billige Gnade und falsch verstandenes Evan­gelium", sagt Christian Rommert. Er ist Theologe, Buchautor und selbst Mitglied einer liberalen baptistischen Gemeinde. Er hat untersucht, welche Verhaltens- und Denkmuster in christlichen Gemeinden sexualisierte Gewalt und Missbrauch begünstigen, und versucht, Gemeinden durch ­Seminare und Vorträge für das Thema zu sensibilisieren. Er möchte helfen, sexuellen Missbrauch zu verhindern oder ihn aufzuarbeiten, falls er stattgefunden hat.
"Ein gängiges Motiv in konservativ evangelikalen ­Kreisen, das Eltern und Pastoren ihren Kindern gern vermitteln, ist, dass es wichtiger sei, Jesus in den Mittelpunkt des Lebens zu stellen, als selbst Verantwortung zu übernehmen", sagt Christian Rommert. "Das hört sich gut an, verhindert aber oft, dass Kinder lernen, ihren Gefühlen zu vertrauen."

Gerade der enge Zusammenhalt könne Missbrauch begünstigen. "Durch die familiäre Struktur in Freikirchen verwischen die Grenzen zwischen den einzelnen Familien und der Gemeinde als großer Familie", sagt Christian Rommert. "Der Vater gilt als Priester der Familie. Und alles, was der Pastor in der Gemeinde vorlebt, dient als Vorbild. Es darf nicht hinterfragt werden. Das Kind kann kein eigenes Gespür für Gut und Böse entwickeln." Auch das tabuisierte Verhältnis zur Sexualität, strikter Gehorsam und körperliche Gewalt in der Erziehung befördere Missbrauch und trage dazu bei, dass Taten verschwiegen und vertuscht werden. Nina B. ließ die Übergriffe des Halbbruders über sich ergehen und holte sich lange keine Hilfe. Obwohl sie gleich begriffen hatte, dass das, was ihr Halbbruder mit ihr machte, falsch ist. An wen hätte sie sich auch wenden sollen?

"Was ist denn dann eigentlich dein Problem?"

Ihre Mutter sei liebevoll gewesen, aber mit ihrem ­eigenen Unglück beschäftigt. Nachts hörte sie ihre Schreie, erzählt Nina B. Morgens saß die Mutter mit blauem Auge und geschwollener Lippe in der Küche. Sie habe sich mehr und mehr in sich zurückgezogen und sei psychisch krank geworden. Auch in der Kirchengemeinde kam niemand infrage, dem sie sich in ihrer Not hätte anvertrauen können.

Der Halbbruder habe sich im Keller des Elternhauses über sie hergemacht und auf kirchlichen Freizeiten in einem Haus der Gemeinde, sagt Nina B. Sie möchte ­keine Details schildern, verweist aber auf Paragraf 176a im Strafgesetzbuch. Dort geht es um sexuelle Handlungen an einem Kind, "die mit dem Eindringen in den Körper verbunden sind". Niemand habe Verdacht geschöpft oder genauer hingesehen, sagt Nina B. Sie fühlte sich machtlos. Nach zwei Jahren fragte sie eine Freundin, ob deren älterer Bruder "so was" auch mit ihr mache. Die Freundin war erschrocken und begleitete Nina zu einer Beratungsstelle. Der Berater habe gefragt, ob sie Freunde habe und ob sie gut in der Schule sei. Nina bejahte, worauf der Berater sie gefragt habe: "Was ist denn dann eigentlich dein Problem?" Der Missbrauch ging weiter.

Im Supermarkt sah sie Jugendmagazine und las darin von anderen Missbrauchsfällen. Sie wollte nicht so hilflos enden wie die Mädchen in den Geschichten. Ab da wollte sie sich selbst beweisen, dass sie im Leben etwas erreichen kann. Sie wollte zeigen, dass ihr Außen nicht so kaputt war wie ihr Innen, sagt Nina B. heute. Ihre Noten wurden immer besser. Sie war diszipliniert und engagierte sich in der Schule – "auch, um nicht so viel zu Hause sein zu müssen".

Durch Betriebsamkeit hält sie innere Dämonen klein

1992 erzählte ihr die ältere Schwester, dass auch sie von jenem Halbbruder missbraucht werde. Die Schwester vertraute sich einem anderen Halbbruder an, der den Täter konfrontierte und ihm mit der Polizei drohte. Der Missbrauch endete. Nina durfte fortan nicht mehr ins Haus ihrer Großeltern, wo der Täter wohnte. Doch weder wurde der Halbbruder angezeigt, noch fragte jemand die beiden Mädchen, wie es ihnen gehe oder ob sie Hilfe bräuchten.

Nina B. steckte alle Energie in Ausbildung, Studium und Beruf. Sie habe oft zwölf bis vierzehn Stunden am Tag gearbeitet, sagt sie, alles mit Bravour gemeistert. Ihre Chefs hätten sie ungewöhnlich stark gefördert. Durch ihre Betriebsamkeit habe sie ihre inneren Dämonen kleinge­halten. Dass sie zwischenzeitlich unter Bulimie litt und mit depressiven Phasen kämpfte, brachte sie damals nicht mit dem Missbrauch in Verbindung.

"Man spricht von High Functioners, also hochfunk­tionalen Überlebenden", sagt Michaela Huber, Psychotherapeutin und Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Trauma und Dissoziation. "Diese Menschen scheinen selbst schwerste seelische Erschütterungen relativ gut zu verdauen. Aber das heißt nicht, dass sie keine Unter­stützung brauchen."

Strafrechtlich sind die Taten verjährt

Die meisten Betroffenen würden Situationen, Dinge oder Begriffe meiden, die an das erlittene Trauma rühren könnten. Manchen gelinge das nur, indem sie sehr starke andere Reize setzten, sagt Huber. "Deswegen verletzen sich viele Traumatisierte selbst, werden süchtig oder Work­aholics." Extrem viel zu arbeiten, sei die "sozial akzeptierteste Form von Selbstschädigung". Geraten Betroffene dann doch in eine Situation, die das Trauma wachruft, werden sie blitzartig von Erinnerungen übermannt, sogenannten Flashbacks, verbunden mit Herzrasen, Schwindel, Schweißausbrüchen. "Wenn jemand gewohnt ist, sehr viel zu arbeiten, wird Ruhe zum Stress", sagt Huber.

So ging es Nina B., als sie sich im Winter 2014 drei Wochen Urlaub ohne Reisepläne gönnte. Auf einer ­Weihnachtsfeier begegnete sie dem Halbbruder und brach ­danach zu­sammen. Die Ärzte diagnostizierten ­eine ­schwere posttrau­matische Belastungsstörung. Für die leistungs­orientierte ­Powerfrau fühlte es sich an wie eine große Niederlage.

 Nina B. hat sich nicht getraut, dem Täter zu wider-sprechen und sich zu wehrenMartins Rudzitis / Getty Images

Eine Therapie half ihr, das Trauma aufzuarbeiten und in die Offensive zu gehen. Yoga und Meditation haben sie im Alltag stabilisiert. Die Rechnung für einen mehrmonatigen Aufenthalt in einer psychosomatischen Privatklinik schickte sie dem Halbbruder. Er zahlte die 7400 Euro innerhalb von wenigen Tagen. Die Therapie­kosten und Arbeitsausfälle summierten sich über die Jahre auf einen fünfstelligen Betrag. Die aber wollte der Täter nicht übernehmen. 2017 nahm sich Nina B. einen Anwalt. Strafrechtlich sind die Taten verjährt. Aber sie forderte Schmerzensgeld.

Sie schrieb der Leitung der Kirchengemeinde, in der sich ihr Halbbruder heute engagiert, was ­passiert war. Sie möchte, dass das Unrecht aufgearbeitet und alles getan wird, um weitere Taten zu verhindern. 1992 hatte der Missbrauch aufgehört. Später hat sich die Gemeinde, in der Nina B. aufgewachsen war, aufgespalten. Der Täter, ihr Halbbruder, wechselte später in die neue Gemeinde. Er sei verheiratet und habe zwei Kinder. Die Leitung der neuen Gemeinde reagierte zunächst bestürzt, erzählt Nina B.

Doch Monate später schrieb ihr einer der Gemeindeleiter, dass sie ihr nicht helfen könnten, "weil wir keine Juristen sind". Und ob sie den Täter "vernichten" wolle? Man werde die rechtliche Entscheidung abwarten und keine "christliche Scharia" anwenden. Letztlich könne nur Gott die Vergangenheit "heilen", schreibt ein anderer Gemeindeleiter in einer Mail.

"Die Vergebung steht am Ende des Weges"

Die Gemeindeleitung hat den Täter nach eigenen An­gaben im Gespräch konfrontiert. Das geht aus einer Stellungnahme hervor, die chrismon vorliegt. Über den genauen Inhalt und die Ergebnisse des Gesprächs geben sie keine Auskunft und beziehen sich auf das Seelsorgegeheimnis. "Bei der Aufnahme neuer Mitglieder sehen wir es nicht als unsere Aufgabe, deren Vergangenheit zu durchleuchten", schreiben sie. Man habe Nina B. nicht aufgefordert, zu vergeben, sondern "über Vergebung nachzudenken". Es sei eine Möglichkeit, inneren Friede zu finden.

Nina B. ist von der Reaktion der Gemeinde enttäuscht. Sie habe sich gewünscht, dass die Gemeindeleitung dem Täter ins Gewissen rede, um einen Zivilprozess zu ver­meiden. Sie wollte ihm nie wieder gegenübersitzen ­müssen. Außerdem wäre es ein Anlass gewesen, zu überprüfen, ob auch in ihrer Gemeinde oder Theologie etwas falsch laufe, das Missbrauch begünstige. Natürlich verurteile die Gemeinde sexuelle Gewalt und vermittle das auch in Gottesdiensten und Jugendstunden, schreiben die Gemeindeleiter auf chrismon-Anfrage. "Durch die Struktur unserer Gemeindearbeit ist es schwer vorstellbar, dass so ein Fall vorkommt oder unentdeckt bleibt. Zum Beispiel gibt es bei uns keine Eins-zu-eins-Betreuung." Man habe darüber nachgedacht, den Täter aus der Gemeinde auszuschließen, Konsequenzen aber für "nicht erforderlich" befunden. Ihnen seien keine Hinweise bekannt, dass er erneut übergriffig geworden sei. Er habe keine Funktion in der Gemeinde und keinen Kontakt zu Kindern.

Trotzdem fühlt sich Nina B. nicht ernst genommen. Allein der Vorschlag, sie solle über Vergebung nachdenken, vermittele ihr diesen Eindruck. Vergebung könne zur Verarbeitung einer schlimmen Erfahrung beitragen, sagt Inge Tempelmann, Autorin und Fachberaterin für Psycho­traumatologie. Aber die Be­troffenen müssten selbst entscheiden, ob und wann sie vergeben. So sieht es auch Nina B.: "Die Vergebung steht am Ende des Weges. Die mache ich nicht für den Täter, die mache ich für mich, um frei sein zu können." Er kenne solche Reaktionen auch aus anderen Ge­meinden, sagt Christian Rommert. Der Schutz des Systems Gemeinde sei oft wichtiger als der Schutz derer, ­denen das Unrecht widerfahren ist. Außerdem herrsche im konservativen freikirchlichen Spektrum die Vor­stellung vor: Wenn du nur genug Glauben hast, trauerst du nicht mehr, dann kannst du vergeben, dann zauberst du das Problem einfach weg!

Michael Güthlein

Michael Güthlein hat schon ­häufiger über Freikirchen geschrieben, auch über sehr offene und engagierte. Solche Offenheit ist wichtig: Denn sexualisierte ­Gewalt können Menschen überall erleiden.
Lena UphoffMichael Güthlein, chrismon-Redakteur

Auch in der Familie stößt Nina B. vor allem auf Widerstände und nicht auf Unterstützung und Rückhalt. Ausgerechnet der Halbbruder, der anfangs half, ihren Peiniger zu stellen, schrieb: "Wenn du die intime Begegnung nicht wolltest, sie dir aber abgerungen wurde, war es falsch und Unrecht" – als sei die erfahrene Gewalt nur "etwas Intimes" gewesen. Ein anderer Halbbruder unterstellte ihr: "Ihr habt euch getroffen, um zu fummeln", und bezweifelte, dass das gegen ihren Willen geschehen sei. "Für meine Familie bin ich die elfjährige Schlampe", sagt Nina B.

Als sie ihren Vater 2018 zuletzt besuchte, habe auch er gesagt, sie solle sich mit dem Täter versöhnen und sie eine "Hure" genannt, weil sie mit ihrem langjährigen Freund außerehelichen Sex hatte. Die sexuellen Übergriffe seines Sohnes interessieren ihn nicht, erzählt Nina. Nach dem Treffen mit dem Vater schickte Nina eine lange E-Mail an den Täter, an ihre Geschwister, ihre Neffen und Nichten – und an die Leitung der neuen Gemeinde ihres Halbbruders. Es ist ihr Abschied. Danach brach sie den Kontakt ab.

Im April 2018 einigten sich die Anwälte von Nina B. mit dem Täter auf eine hohe fünfstellige Summe als Schmerzens­geld und Kompensation für die Therapien. Jetzt hilft sie ihrer Schwester, die den Halbbruder auch auf Schmerzensgeld verklagen möchte. Als sie eine Crowd­funding-Kampagne startete, um die juristischen Streitigkeiten mit dem Bruder zu finanzieren, und ­diese auf Facebook postet, kommentierte eine Frau aus der ­Muttergemeinde darunter: "Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben" (Matthäus 6,14).

* Name von der Redaktion geändert

Infobox

Die meisten evangelischen Kirchengemeinden ­ in Deutschland gehören einer der 20 evangelischen Landeskirchen an, die sich unter dem Dach der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) versammeln. Als "Freikirchen" bezeichnen sich ­Gemeinden, die selbstständig sind und sich – anders als die Landeskirchen – nicht am Kirchensteuer­system beteiligen.
Sie finanzieren sich durch Spenden ihrer Mitglieder. Von ihren historischen Ursprüngen und ihrer theo­logischen Ausrichtung unterscheiden sich die Freikirchen sehr. Die Gemeinde, in der Nina B.s ­Familie zu Hause war, versteht sich als baptistische Gemeinde, das heißt, sie tauft Erwachsene und nicht Kinder, weil sie möchte, dass sich Menschen bewusst zu ihrem Glauben bekennen.

Auch das Spektrum an baptistischen Freikirchen ist groß. Die meisten baptistischen Gemeinden haben sich zum Bund Evangelisch-Freikirchlicher ­Gemeinden (BEFG) zusammengeschlossen. Die Ge­meinde, in der Nina B.s Halbbruder heute Mitglied ist, gehört zur Evangelischen Allianz in Deutschland (EAD), einem Zusammenschluss evangelikaler Gemeinden.

Menschen, die sexualisierte Gewalt im evan­gelischen Bereich erfahren, können sich kosten- los und anonym an die zentrale Anlaufstelle der EKD wenden. Sie ist zu erreichen unter 0800 5040112 oder zentrale@anlaufstelle.help.

Es gibt außerdem ein zentrales "Hilfetelefon sexueller Missbrauch", das unter 0800 22 55 530 zu erreichen ist. Unter dem Titel "Auf dem Weg zur sicheren ­Gemeinde" hat das Gemeinde­jugendwerk des BEFG Materialien und Schulungen zur Prävention entwickelt.

Bei der Evangelischen Allianz in Deutschland können sich Betroffene von Machtmissbrauch per Mail unter  ead.de/kontakt/kontaktformular an eine Clearing­stelle wenden.

Viele hilfreiche Hinweise für Betroffene und Gemeinden finden sich im Buch "Trügerische Sicherheit" (SCM) von Christian Rommert.

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