Fragen an das Leben: Sascha Lobo über Raupen und Realitätsschocks

"Die Welt ist so groß geworden"
Fragen an das Leben -  Sascha Lobo

Dirk von Nayhauß

Fragen an das Leben - Sascha Lobo

So digital und global, so überfordernd! Wenn der Autor Sascha Lobo Ruhe braucht, sucht er Wolfsmilchschwärmer-Raupen mit seiner Frau – und findet: pures Glück.

In welchen Momenten fühlen Sie sich lebendig?

Wenn ich zusammen mit meiner Frau in der Natur bin, frei von den Zwängen der Zivilisation. In der Natur kann man laut schreien, wenn einem danach ist, oder sich auf den ­Boden legen oder sich umarmen und küssen.

Können wir die Welt noch retten?

Ja, alles andere wäre für mich zu niederschmetternd, ­damit käme ich nicht zurecht. Was ich aber beobachte, ist ­dieser Realitätsschock, über den ich mein Buch ge­schrieben ­habe. Viele haben das Gefühl, die Welt sei aus den ­Fugen geraten. Kaum jemand hat für möglich ge­halten, dass ­Donald Trump gewählt wird. Oder wir erschrecken über die Bösartigkeit im Netz – obwohl wir eigentlich wissen, dass das Böse immer da war, in den Menschen. Oder der Klimawandel, der uns alle angeht. Weltweit ist die ­Illusion geplatzt, dass Politik, Wirtschaft, Eliten die ­vielen Probleme noch mit den altbewährten Instrumenten kontrollieren können. Ein Realitätsschock kann zu etwas Positivem führen, wenn wir darauf gesellschaftlich und politisch reagieren. Und hier können die Alten von den Jungen lernen. Jeden Freitag geht die Klimajugend auf die Straße und ist bereit, ihren Lebensstil zu ändern.

Sascha Lobo

Sascha Lobo, 1975 geboren, ist bekannt für seine provokanten Kommentare zur digitalen Welt. Sein Markenzeichen sind seit 2006 Hemd, Anzug, roter Irokesenschnitt. Er studierte Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der Universität der Künste Berlin. Als Internetexperte ist er häufig Gast in Talkshows und Nachrichtensendungen, seit 2011 schreibt er wöchentlich auf www.spiegel.de die Kolumne "Die Mensch-Maschine". Nach eigenen Aussagen machen Vorträge etwa 90 Prozent seines Jahresverdienstes aus. In seinem neuen Buch "Realitätsschock. Zehn Lehren aus der Gegenwart" (Kiepenheuer & Witsch, 22 Euro) analysiert er die Umwälzungen durch Globalisierung und Digitalisierung. Sascha Lobo ist verheiratet und lebt in Berlin.

Haben Sie eine Vorstellung von Gott?

Nein. Ich bin kein religiöser Mensch. Ich habe meine ­spirituellen Seiten, eine Art Hintergrundrauschen, denn es gibt vieles, das ich nicht begreife: die Größe und Groß­artigkeit des Universums. Oder die Evolution, die Macht, die 
hinter dem Leben steht. Aber ich bin neugierig, ich will etwas 
wissen – das ist mein innerster Kern, und er bedeutet letztlich auch Ungewissheit. Wenn der ersetzt würde durch eine Gewissheit des Glaubens, dann wäre ich nicht mehr ich.

Welche Liebe macht Sie glücklich?

Die Liebe zu meiner Frau. Meike hatte eine Depression, die einherging mit der zwanghaften Angst, mich nicht mehr zu lieben. Diese Störung heißt "Relationship Obsessive ­Compulsive Disorder". Meike hat darüber in ihrem Blog geschrieben, mit einer radikalen Offenheit, die ich gleichermaßen bewundere und fürchte. Eine schwierige Zeit – für sie, aber auch für mich. Als Angehöriger braucht man viel Verständnis, Energie und schieres Durchhaltevermögen gehören dazu. Ich war traurig, wütend, oft verzweifelt. Manchmal bin ich allein verreist, um Kraft zu tanken, man darf dieser Depression nicht zu viel Raum geben.

"Hunderte Menschen haben mich beleidigt und bedroht"

Was ist Glück?

Durch Digitalisierung und Globalisierung ist die Welt so groß, so intensiv geworden, eine Überdosis Weltgeschehen strömt auf uns ein, daraus folgen Überforderung und Überlastung. Deswegen suche ich die kleinen Dinge. Das kann zum Beispiel die Raupe des Wolfsmilchschwärmers sein, eine der schönsten heimischen Raupen, eine Sensation! Sie ist ziemlich groß, Knallrot mischt sich mit Grün, Gelb und Schwarz. Hinten am Schwanz hat sie ein Hörnchen, das Feinde abschrecken soll. Wenn ich so eine Raupe finde, ist das ein glücklicher Moment. Und wenn ich das mit meiner raupenbegeisterten Frau erlebe, kann es ein Moment des großen Glücks werden.

Wie schützen Sie sich vor Angriffen?

Mit Übung und Analyse. Seit über zehn Jahren stehe ich in der Öffentlichkeit, viel in sozialen Medien. Dort gibt es Trolle, die jeden Tag hetzen, manchmal stehen sie sogar vor der Tür. Der letzte Empörungssturm kam nach einem ­Artikel gegen rechts. Hunderte Menschen haben mich beleidigt und bedroht, auch mit Gewalt- und Todesdrohungen. Schwierig war das nur am Anfang, bis ich bemerkte, dass sich solche Ausbrüche nicht gegen mich als Person richten, sondern gegen das öffentliche Symbol Sascha Lobo, das, 
wofür ich stehe. Diese Abstraktion half mir bei der Be­wältigung. Außerdem bin ich als weißer, unabhängiger Mann deutlich privilegiert. Ich fühle mich nicht als Opfer.

"Arbeit und Erholungsaktivitäten liegen für mich nah beieinander"

Wie viel Arbeit tut Ihnen gut?

Das kann ich leider nicht besonders gut abschätzen. Arbeit und Erholungsaktivitäten liegen für mich nah beieinander, deshalb bin ich manchmal sehr plötzlich sehr erschöpft. Und weil ich ADS habe, ein Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, brauche ich viel Druck. Positiv bringt das immerhin eine laserscharfe Konzentrationsfähigkeit mit sich. Danach schlaffe ich allerdings ab und schlafe an Ort und Stelle ein.

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