Begrüßungsgeld: Der Toaster

Dass der solange hält!
Begrüßungsgeld: Der Toaster

Sophie Kirchner

Eigentlich wollten Werner und Kerstin 
Konschack, 61 und 53, Edgar-Wallace-Krimis kaufen. Aber dann wurde es der Toaster

Werner: Wir haben uns erst mal angehört, was andere über den Westen berichtet haben. Und dann sind wir im Dezember über Potsdam, Glienicker Brücke, reingefahren. Da gab es schon keine Menschenmassen mehr. Trotzdem hatte ich erhöhten Blutdruck, das kann ich Ihnen sagen! Mir fiel auf, dass die Wände alle angemalt waren, mit Graffiti, und überall Reklame hing. Alles hatte mehr Farbe, bei uns gab es ja nur grauen Beton.

Der Toaster ist ein gutes Markenprodukt

Kerstin: Jetzt hat man sich an die Reklame ­gewöhnt und glaubt das auch nicht mehr ­alles so wie früher. Wir waren dann in irgend­einem riesigen Kaufhaus, ich glaube auf dem Ku’damm. Von dem Geld wollte ich mir 
eigentlich Edgar-Wallace-Krimis kaufen. Aber die ­haben wir leider nicht gefunden, also haben wir den Toaster gekauft.

Werner: Die Zeit ist so schnelllebig geworden. Ich hätte nie gedacht, dass der Toaster so lange funktioniert. Es ist ein gutes Markenprodukt, aber die Firma kann davon nicht existieren, wenn einer 30 Jahre seinen Toaster benutzt. Da geht die pleite!

In der DDR haben wir uns sicherer gefühlt


Kerstin: Ich hätte ihn nicht haben müssen, den Mauerfall. Wir ­wären weiter nach ­Bulgarien gefahren, da war es auch wunderschön. Zu DDR-Zeiten hat man immer Geld gehabt, und man konnte auch immer sparen. Jetzt ist es immer knapp am Ende des Monats. Wir 
haben uns in der DDR sicherer gefühlt. ­Sicherer vor Verbrechen, vor Armut oder ­finanziellen Problemen. Früher war unsere Gartentür immer offen. Jetzt nicht mehr.

Sophie Kirchner

Sophie Kirchner, ­geboren in Ostberlin, war fünf Jahre alt, ­als die Mauer fiel. Die ­Erwachsenen um sie herum, sagt sie, seien damals so glücklich, so euphorisch gewesen – ­das habe ihr Angst gemacht. Seit 2014 ist das Begrüßungsgeld ihr Thema, sie fotografiert Ostdeutsche und deren Käufe – und fragt danach, was sie ­erlebt haben.
Sophie Kirchner

Was würden Sie sich heute ­kaufen, wenn Ihnen der Staat 100 Euro schenken würde?

Kerstin: Für 100 DM hatte man früher einen Einkaufskorb voll mit Lebensmitteln. Heute kriegt man dafür kaum noch ­eine ­Tasche voll. Das reicht nicht mal für die ganze Woche. Das ist schon ­traurig. Ich wollte mir schon immer mal einen guten Staubsauger kaufen . . . 

Leseempfehlung

Wie hat Sophie Kirchner ihre Gesprächspartner gefunden? Wie geht es weiter? Sophie Kirchner erzählt
Hundert Mark Begrüßungsgeld, das bekamen Bürger und Bürgerinnen der DDR, wenn sie in die Bundesrepublik einreisten. 1989 kamen viele. Was haben sie sich davon gekauft? Wie war das damals – und wie ist es heute?

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.