Was sterbende Menschen erzählen

"Krieg ist nie vorbei"
"Krieg ist nie vorbei"

Linda Wölfel

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Wer den Krieg erlebt hat, vergisst ihn nicht. Eine Krankenhausseelsorgerin notiert die Erinnerungen - und ändert sie, damit man die Personen nicht zurückverfolgen kann.

chrismon: Sie sind Klinikseelsorgerin und sprechen viel mit sterbenden Menschen. Hier haben sie Ihre Geschichte erzählt. Was erzählen diese ­Menschen Ihnen?

Karin Lackus: Für alte Menschen ist der Krieg sehr zentral. Momentan stirbt ja die Kriegsgeneration. Manchmal bin ich fünf Minuten auf Station, schon erzählen mir Menschen, was sie erlebt haben. Einige fühlen sich ihren Erinnerungen richtiggehend ausgeliefert. Am Ende des Lebens kann an die Oberfläche kommen, was ein Leben lang verdrängt ­wurde. Manchmal sagen die Menschen sogar, dass sie jetzt zum ersten Mal darüber sprechen können.

Leben Frau Zeller, Frau Bender und Herr Schulze noch, die Protagonisten der drei Geschichten?

Die drei hat es nie gegeben, zumindest nicht so, wie ich sie hier schildere. Ich habe Geschichten neu zusammengefügt auf Grundlage meiner alltäglichen Gespräche am Krankenbett und ihnen fiktive Namen gegeben. Als Pfarrerin ist mir das Seelsorgegeheimnis sehr wichtig. Mit meinen Erzählungen will ich weitergeben, was ich in vielen Gesprächen höre. Weil ich möchte, dass wahrgenommen wird, welche Erinnerungen da gerade sterben. Insofern sind die Geschichten authentisch, auch wenn sie Fiktion sind.

Pfarrerin Karin Lackus

Karin Lackus, Jahrgang 1959, 
hat evangelische Theologie studiert und ist Pfarrerin. Sie ­arbeitet seit zehn Jahren als 
Klinikseelsorgerin in Mannheim. 
2016 veröffentlichte sie zusammen 
mit ihrer Kollegin Christiane Bindseil das Buch 
"Mir geht es gut, 
ich sterbe gerade" in der Neukirchener Verlags­-gesellschaft.

Claudia Keller

Claudia Keller ist chrismon-Redakteurin und zusammen mit Burkhard Weitz verantwortlich für die Aboausgabe chrismon plus. Sie hat Geschichte und Literaturwissenschaft in Köln und in den USA studiert und war viele Jahre Redakteurin beim "Tagesspiegel" in Berlin. Sie interessiert sich für religiöse und ethische Fragen und schreibt gern über Auf- und Umbrüche des Lebens. Einmal ist sie bei Recherchen sogar zufällig auf ein Geheimnis in der eigenen Familie gestoßen und hat einen Bruder gefunden, von dem sie nichts wusste.
Lena UphoffPortrait Claudia Keller

Helfen Sie den Patientinnen und Patienten, Frieden zu schließen mit ihren Erfahrungen?

Ich höre nur zu, ich will niemanden therapieren, ich werte auch nicht. Manche erzählen mir von Verbrechen, die sie im Krieg erlebt oder sogar begangen haben. Andere tragen immense Schuldgefühle mit sich herum, auch die Opfer. Extremsituationen im Krieg kann man wohl nur schwer so überstehen, dass man mit sich selbst im Reinen ist. Einmal hat mich ein Mann gefragt: Warum hat Gott mich denn nicht bestraft? Er erzählte, dass nach dem Krieg alle in ihm einen guten Mann sahen, und er wusste, dass er das nicht ist. Damit zu leben, ist eine Strafe. Ein anderer Mann hat Furchtbares erzählt, und als ich ihn zum Gottesdienst einlud, fragte er, ob er das denn dürfe. Wegen des Segens. Weil ich ja jetzt wisse, was er getan hat.

Sie sagen, Sie werten nicht. Ist das schwierig?

Ich kritisiere nicht, aber ich unterdrücke auch nicht mein Entsetzen. Das schlimmste Urteil ist sowieso meist das eigene. Ich glaube, dass der Krieg die furchtbarsten Eigenschaften des Menschen hervorbringt. Wer Krieg erleben musste, hat danach ein anderes Leben. Krieg ist nie vorbei, es bleibt das Erschrecken davor, was man getan und erlebt hat. Ich habe Mitgefühl mit denen, die jetzt mit diesen Erinnerungen sterben. Es wurde ihnen wenig 
Gelegenheit gegeben, über ihre Erfahrungen zu sprechen.

Die 68er haben ihre Eltern doch gefragt...

Die 68er und wir Nach-68er haben nicht wirklich gefragt, wir haben entsetzt angeklagt. Wir haben das große Schweigen über Faschismus und Krieg bekämpft und ­waren dabei unseren Eltern und Großeltern, Lehrern und Nachbarn gegenüber aus guten Gründen wenig verständnisvoll. Nur, so anklagend gefragt erzählt natürlich kaum jemand etwas freiwillig. Ich weiß so gut wie nichts von den Kriegserlebnissen meines Vaters. Ich habe ihm als Jugendliche vorgeworfen, dass er als 16-Jähriger bei diesem verbrecherischen Krieg mitgemacht hat. Heute verstehe ich, warum er mir danach kaum mehr etwas erzählen wollte.

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Diese Entführungen sind Geschichte: 
Johann Scheerer bangte 1996 um seinen Vater, Gabriele von Lutzau 1977 an Bord der "Landshut" um ihr Leben
Sie sagt, bei einem Trauma helfe weder Zeit noch einfaches Reden, sondern nur professionelle Hilfe. Und weil es nicht genügend Traumatherapeuten gibt, bildet sie seit 14 Jahren Helferinnen und Helfer für weltweite Einsätze aus

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