Traumatherapeutin Charlotte Baltrusch im Interview

"­Stabile Seitenlage für die Seele"
Pschotherapeutin Charlotte Baltrusch im Gespräch

Verena Müller

Charlotte Baltrusch in ihrer Praxis in Niedernhall. Hier behandelt sie noch immer Traumapatienten

Pschotherapeutin Charlotte Baltrusch im Gespräch

Durchatmen und über gute Erinnerungen reden: Erste Hilfe bei traumatisierten Menschen kann jeder leisten. Trotzdem ist eine professio­nelle Behandlung oft unabdingbar, sagt die Psychotherapeutin Charlotte Baltrusch

chrismon: Frau Baltrusch, Journalisten fragen oft Menschen mit den schlimmsten Schicksalen: "Erzählen Sie mal, wie ist das passiert?"

Charlotte Baltrusch: Das würde ich ­vermeiden. Solch eine teilnehmende Frage kann furchtbar verkehrt sein. Man 
muss da sehr achtsam vorgehen. Eine Pfadfindergruppe hier im nächs­ten Städtle hat neulich für Geflüchtete aus Syrien einen Abend organisiert. Dort sollten sie von ihrer Flucht erzählen und auch Bilder zeigen. Es waren zehn Geflüchtete anwesend, ungefähr 20 Gäste und die Pfadfinder. Mich haben sie eingeladen, für den Fall der Fälle. Und der ist auch eingetreten. Einer der Syrer hielt den Vortrag und zeigte Bilder von dem entsetzlich zerstörten Aleppo, von dem Zuhause, das nicht mehr existiert, Videos von der Flucht. Und er erzählte von der Gewalt und der Angst. Er konnte das gut aushalten, 
aber ein anderer brach in Tränen aus, rannte aus dem Saal und kauerte im Flur in einer Ecke. Um den habe ich mich erst mal gekümmert. Und als ich zurückkam, saßen da vier weitere aus der Gruppe und konnten sich überhaupt nicht mehr fassen. Ich hatte viel zu tun, die fünf einigermaßen zu stabilisieren. Das war für die Gruppe massiv retraumatisierend.

Was ist das genau, ein Trauma?

Eine starke seelische Verletzung, die unser Selbst- und Weltverständnis ­erschüttert, ausgelöst durch ein schlimmes, ein belastendes Erlebnis, das die Bewältigungsstrategien fast jeder Person überfordern würde. ­Etwa Naturkatastrophen, Autounfälle, Kriegs- und Fluchterfahrungen, sexualisierte Gewalt, Missbrauch und Vernachlässigung in der Familie – Grenzverletzungen und Erlebnisse, die wir nicht einfach so verarbeiten können.

Wozu führt das?

Depressionen und Angststörungen können die Folge sein. Oder man entwickelt eine posttraumatische Belas­tungsstörung. Deren Symptome sind sehr vielfältig und können direkt nach dem Erlebnis oder erst Monate später auftreten. Wenn jemand zum Beispiel einen Autounfall hatte, kann er vielleicht vor Angst nicht mehr fahren, er entwickelt übertriebene Schreckreaktionen, bekommt Alpträume und Flashbacks in einer Situation, die an den Unfall erinnert. Viele seelische Krankheiten rühren von unverar­beiteten Traumata her.

Charlotte Baltrusch

Charlotte ­Baltrusch, 77, ist Traumatherapeutin im schwäbischen Niedernhall. Früher betreute sie als Radiologin Sterbende, seit 25 Jahren Traumapatienten. Vor 14 Jahren begann sie, Helferinnen und Helfer für weltweite Einsätze auszubilden.
Verena Müller

Entwickelt jeder, der etwas Schlimmes erlebt hat, ein Trauma?

Nein, manche können das gut verarbeiten, andere schlechter. Fast alle US-Soldaten haben im Vietnamkrieg Schreckliches erlebt, aber nur 20 Prozent hatten eine posttraumatische Belastungsstörung. Weitere 40 Prozent haben Depressionen oder andere psychische Erkrankungen ent­wickelt. Aber die restlichen 40 Prozent ­konnten die Erlebnisse ohne Hilfe in ihr Weltbild integrieren, das ist erstaunlich.

Wovon hängt das ab?

Von vielen Faktoren. Vertrauen, das man in der Familie erlebt hat, ist wichtig. Wer eine sichere Kindheit hatte, besitzt mehr Möglichkeiten, so etwas zu bewältigen. Vertrauen in das Weltbild oder in eine Religion hilft. Menschen mit einem festen Glaubensbild haben es leichter: Das war eine Prüfung, und ich schaffe das. Viele Geflüchtete, die ich kenne, können das Geschehen gut verkraften, weil sie in sehr behüteten und geschützten 
Familien aufgewachsen sind und eine 
sehr gute Bindung zu ihrer Mutter hatten.

"Wer ein Trauma hat, fühlt sich nicht mehr, da ist nur das schlimme Erlebnis"

Wie fühlt sich ein Mensch, dem das nicht gelingt?

Wenn die gesamte Basis, der gesamte Grund, auf dem dieser Mensch steht, zusammenbricht, fühlt er sich eigentlich gar nicht mehr. Er ist innerlich leer. Da ist nur noch das furchtbare Geschehen. Man kann es auch so beschreiben: Das Trotzdem geht verloren. Dieses Gefühl nach einem Rückschlag: Ich mache trotzdem weiter. Aber das Trauma verändert alles, von jetzt auf gleich alles. Der Körper ist verletzt, die Seele ist verletzt, der Mensch ist gedemütigt worden, und er hat keine Kraft mehr.

Was muss geschehen, damit man doch weitermacht?

Der Mensch muss erst einmal wieder lernen, dass er mehr ist als dieses Erlebnis. Er muss es in die Persönlichkeit integrieren. Das schafft man aber häufig nicht alleine. Man braucht dafür Hilfe und eine Therapie.

Was kann passieren, wenn er oder sie keine Hilfe bekommt?

Der Mensch ist viel schneller reizbar, hat Wutausbrüche, fängt unvermittelt an zu heulen. Eine Weile hält das jeder aus, aber irgendwann gehen die Familien und die Beziehungen kaputt, und die Folge ist, dass der Mensch ganz zusammenbricht.

Es kann also vieles schiefgehen, ­und wir können viel falsch machen. Ziemlich frustrierend.

Nein, man muss nur ein wenig darüber wissen. Ich bilde deswegen Psycho­trauma-Assistenten aus. Sie 
­lernen, was ein Trauma ist, wie Traumatisierte reagieren, wie man sie stabilisiert und wie man ihnen hilft, sich zu distanzieren. Diese Assistenten können ­zeigen, dass das Erlebnis vorbei ist und der Mensch wieder sicher ist. Dass er mehr ist als das Trauma.

Wie geht das konkret: stabilisieren?

Im Grunde ist das eine stabile Seiten­lage für die Seele. Das geht mit verschiedenen Atemtechniken, autogenem Training und progressiver Muskelentspannung. Damit der Betroffene runterkommt und sich die Spannung reduziert, damit er sich erst mal wieder beruhigt. Das würde 
ich als Therapeutin auch erst mal genauso machen. Dann sucht man Kraftquellen.

"Orte der Kindheit, Klavierspielen, Vertrauen: Das alles können Kraftquellen sein"

Ist das etwas Esoterisches?

Überhaupt nicht. Auch seelischen Schmerz müssen wir mit den richti­gen Methoden behandeln. Ich glaube, dass jeder Patient, der vor mir sitzt, nicht mehr leben würde, wenn er ­keine Kraftquellen hätte. Das sind Ressourcen, die den Schmerz lindern, wenn der Patient an sie denkt. Sie zu finden, ist das Kunststück. Das kann ein Mensch sein, der ihm geholfen hat, eine Kindergärtnerin, die Mutter oder der Opa. Das kann ein Ort sein. Manche Leute gehen in die Natur, ­legen sich auf die Wiese und genießen den Duft, andere denken an geborgene Orte ihrer Kindheit. Das Wichtigste ist, dass der Patient durch die Kraftquelle wieder zu seiner 
inneren Ruhe findet. Ob das Klavierspielen oder das Lösen mathematischer Gleichungen ist.

Der Mensch wird ruhiger und fühlt sich auch etwas besser.

Richtig. Und erst dann hilft der Assis­tent dem Betroffenen, sich von dem Trauma zu distanzieren. Dazu gibt es bestimmte Methoden, die das traumatische Erlebnis verfremden. Der Betroffene betrachtet den Autounfall zum Beispiel aus der Vogelperspektive. Von oben kann er die Situation einfacher beurteilen: was er richtig, was er falsch gemacht hat. Und er sieht, dass das Erlebnis einen Anfang und ein Ende hatte. So wird dem ­Menschen bewusst, dass er mehr ist als dieses Erlebnis, als dieser Auto­unfall. Und dann kann er – dis­tanziert betrachtet – die Gedanken­splitter, die verschiedenen Flashbacks zusammen­führen in ein geordnetes Geschehen. 
Traumaassistenten können ­bei weniger schweren Fällen eine gute Erste Hilfe leisten.

"Ich lasse die seelische Verletzung unwichtig werden"

Was machen Sie als Therapeutin ­anders als die Assistenten?

Ich mache im Grunde das Gleiche, nur ein bisschen ausführlicher. Ich schaue noch mal weiter in der Vergangenheit, ob es weitere Traumata gab, zum Beispiel in der Kindheit. Ich stabilisiere auch, wie der Assistent, und mit intensiveren Methoden versuche ich dann, die seelische Verletzung unwichtig werden zu lassen. Sie in den Keller zu manövrieren. Und wenn dann der Patient bereit ist, ausführlich daran zu arbeiten, kommt die schönste Arbeit für mich: den Patienten zum posttraumatischen Wachstum zu führen.

Wie soll das gehen?

Zum Beispiel so: Eine Patientin, die gedemütigt, geschlagen und vergewaltigt worden ist, wurde zu einer Meisterin in der Kampfkunst und bringt anderen Frauen in Kursen die Selbstverteidigung bei. Das ist posttraumatisches Wachstum. Und das ist in meiner Arbeit das Sahnehäubchen. Oder Ihre Anfangsfrage: Einem Journalisten seine eigene Geschichte zu erzählen, kann auch richtig sein – wenn jemand durch die konsequente Erzählung wieder die Kontrolle über sein Leben erhalten kann.

"Achtsamkeit im Umgang mit anderen Menschen fällt uns schwer"

Das Beispiel der Pfadfindergruppe zeigt, wie man es nicht machen soll. Aber wie können wir als Gesellschaft damit umgehen, dass viele Geflüchtete schreckliche Erfahrungen gemacht haben?

Ganz einfach gesagt: mehr Trauma­assistenten und -therapeuten ausbilden. Außerdem mehr Toleranz und Achtsamkeit vor der anderen Persön­lichkeit und Kultur zeigen. Diese Menschen kommen aus einem völlig anderen Kulturkreis, mit einer anderen Sprache, einer anderen Religion und anderen Werten. Sie müssen sich daran gewöhnen, dass wir freier und offener sind. Und da verlangen wir, glaube ich, sehr viel. Sie brauchen viel Unter­stützung, Zuwendung und Ruhe.

Was bedeutet die unsichere Situation im Asylverfahren?

Sie ist häufig retraumatisierend. Ich habe viele Geflüchtete behandelt, die in dieser Angstsituation feststecken. Sie können sich vor lauter Angst gar nicht konzentrieren und sollen Vokabeln lernen, während ihnen noch die Abschiebung droht. Das geht nicht.

Und dann werden viele Helfer ungeduldig und fragen sich, warum ihr Schützling sich nicht richtig bemüht.

Meistens ist es ja so: Die Traumatisierten, die am Rande ihrer Existenz und ihrer Kräfte stehen, erleben erst einmal offene Arme und ernten großes Mitleid. Aber dann werden das Mitleid und die Sympathie ganz langsam strapaziert, eine leichte Ungeduld kommt auf. "Ja, nun müsste es schon mal weitergehen. Nun mach mal." Sie hören: "Lern doch mal endlich Deutsch, du bist doch schon ein Jahr da." Aber der geflüchtete Mensch kann so schnell gar nicht. Und letztendlich verwandelt sich die Ungeduld in Ausschluss. Der Betroffene fühlt sich alleine, isoliert sich noch mehr und ist nur noch mit seinen seelischen Verletzungen beschäftigt.

"Wir haben falsche Vorstellungen, was bei Traumata hilft"

Warum handeln wir so, wenn wir auf Traumatisierte treffen?

Die Achtung vor der Persönlichkeit 
des anderen ist eine ganz schwierige Angelegenheit. Wir haben feste Vorstellungen davon, wie etwas laufen 
muss. Der Unfall, die Flucht, die ­Depression, die Vergewaltigung, das ist so lange her, und jetzt muss das endlich vorbei sein. Aber das stimmt nicht. Zeit heilt körperliche Verletzungen, aber keine seelischen. Dann denken viele: Man muss drüber reden, das hilft. Manche Leute können über ihre Traumata stundenlang reden, immer wieder und immer wieder, bis die ganze Umgebung die Nase voll hat und sagt: "Nicht schon wieder!" Sie reden ohne tiefere Emotionen. Und sie können dieses Thema erst lassen, wenn man ihnen vorsichtig hilft, wieder an ihre Gefühle ranzukommen. Andere Leute können überhaupt nicht darüber sprechen. Bei vielen der Kriegsheimkehrer nach dem Zweiten Weltkrieg waren die seelischen Verletzungen so schlimm, sie haben das Thema ganz bewusst während ihres restlichen Lebens vermieden.

Wenn ich keine Ausbildung zum Traumaassistenten habe, was kann ich auf einer persönlichen Ebene richtig machen? Ab sofort?

Erstens: den Menschen stabilisieren, in dem Sie ihn einfach spüren lassen, wie sein Atem fließt. Wenn er sich ein bisschen beruhigt hat und in der Gegenwart angekommen ist, fragen Sie – zweitens – nach schönen Erinnerungen, nach Situationen, wo er sich reich gefühlt hat, wo er was geleistet hat. Erinnern Sie ihn an diese Kraft. Das stabilisiert, beruhigt und reduziert den Stress der traumatischen Erfahrung. 

Und das kann ich auch als Freund?

Ja sicher, besser sogar, weil Sie als Freund ja das Leben des Menschen kennen. Woran hatte er Freude? 
Und das verstärken. Guck mal: Das hast ­du gut gemacht, das war damals wunder­schön, und darauf kannst du stolz sein. Er ist viel mehr als dieses Erlebnis. Wenn Sie ihm das klar­machen, mit viel Zuneigung und Liebe, geht das. Er wird da vielleicht nicht ganz rauskommen. Aber er wird Sie ­schätzen und wird sich freuen, wenn Sie kommen, und es wird ihm ein bisschen leichter gehen. Es ist gar nicht so schwer, Traumatisierten in einer Art zu begegnen, dass sie sich etwas angenehmer fühlen, dass ihr Leben etwas erträglicher wird.

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