Irischer Priester im Vatikan rettete Kriegsgefangene vor den Nazis

Der irische Oskar Schindler
Oskar Schindler

Marco Wagner

Oskar Schindler

Tausende Menschen 
rettete der Priester Hugh O’Flaherty vor den Nazis. 
Nach dem Krieg taufte er seinen ­größten Widersacher – einen SS-Offizier.
Deutschland spricht 2019

Vorgelesen: Die Entscheidung "Der irische Oskar Schindler"

Schon von weitem konnte man ihn sehen. Fast jeden Abend seit der Besetzung Roms durch die Deutschen 
saß der 1,90 Meter große Priester mit dem strubbeligen Haar und der Brille auf der knubbeligen Nase vor dem Peters­dom. Für die einen bedeutete der Anblick von Monsignore Hugh ­O’Flaherty die Hoffnung zu überleben, für die anderen war er eine unerträgliche Provokation. Besonders einem Mann war der Priester ein Dorn im Auge: SS-Obersturmbannführer Herbert Kappler. Denn O’Flaherty versteckte über Jahre Juden, Partisanen und geflüchtete Kriegsgefangene in ­Hotels, Privatwohnungen, Klöstern und ­Ordenshäusern in Rom und im Vati­kan. Nach dem Zweiten Weltkrieg galt der Monsignore als irischer ­Oskar Schindler. Doch dann traf er eine Entscheidung, die ihm viele Italiener nie verzeihen konnten.

O’Flaherty, 1898 im irischen County 
Cork geboren, kam 1922 in den Vati­kan, um sein Theologiestudium zu beenden. Dort arbeitete er jahrelang im diplomatischen Dienst des Heiligen Stuhls, machte Karriere. 1938 wurde er in die Heilige Kongregation des Heiligen Offiziums berufen. Den Aufstieg verdankte er sowohl seinem Charisma als auch seinem Talent als Golfspieler, das ihm den Zugang in die höchsten kirchlichen und sozialen Kreise erleichterte. Im Zweiten Weltkrieg baute er über Jahre ein riesiges Netzwerk an Privatpersonen auf, das sich "Römische Fluchtlinie" nannte.

Kappler ließ 335 Zivilisten hinrichten – zehn für jedes getötete SS-Mitglied

Über 6500 Menschen soll die Gruppe versteckt und gerettet haben. 
Oft verkleidete sich O’Flaherty, als Handwerker und angeblich sogar als Nonne, um unerkannt durch Rom zu streifen. Oder er tarnte die Kriegsgefangenen, die er abholte, als Geist­liche, um sie heimlich in den neutralen Vatikan zu schleusen. Doch die Nazis kamen ihm auf die Schliche. "Das waren dunkle Tage, und ich werde mich immer an die Schwierigkeiten erinnern, die wir hatten, um der Gestapo einen Schritt vorauszubleiben", sagte O’Flaherty 1963 der BBC. Kappler hatte es auf ihn abgesehen.

Der Chef des deutschen Sicherheitsdienstes SD in Rom war verantwortlich für die Deportation der Juden. Am 24. März 1944 hatte Kappler das Massaker in den Ardeatinischen Höhlen befohlen: Als Racheaktion für ein Attentat auf Südtiroler SS-Polizisten mit 33 Toten ließ er 335 Zivilisten hinrichten – zehn für jedes getötete SS-Mitglied. Darunter waren auch fünf von O’Flahertys Helfern. Immer wieder aber scheiterte Kappler 
daran, O’Flaherty auszuschalten. ­Einmal wollte er den Priester aus dem Vatikan entführen und "auf der Flucht" erschießen lassen. Der Plan flog auf. Die Entführer wurden aus dem Vatikan geworfen.

"In jedem Menschen ist ein ­Funken ­Gutes"

Nach der Befreiung Italiens stellte 
sich der SD-Chef den britischen Behörden. Ein italienisches Gericht verurteilte ihn zu lebenslanger Haft. O’Flaherty besuchte Kappler regelmäßig im Gefängnis. "Er ist zum größten Beschützer Kapplers geworden", urteilte die Zeitung "Avanti" 1951 über diese Besuche. "Wir können nicht genau sagen, ob ihn hierzu ein mild­tätiges Christenherz bewegt, oder ob er im Auftrag höherer Stellen handelt."

Es war nicht unüblich, dass sich ­hohe Würdenträger um die Freilassung von NS-Kriegsverbrechern bemühten. So forderten deutsche Politiker, aber auch die Deutsche Bischofskonferenz und die EKD, Kappler und andere zu begnadigen und nach Deutschland auszuliefern – angeblich aus christlicher Barmherzigkeit.
O’Flaherty brachte die öffentliche Meinung vollends gegen sich auf, als er seinen ehemaligen Erzfeind 1959 taufte. "Sie haben Unrecht getan, (. . .) aber in jedem Menschen ist ein ­Funken Gutes", sagte er. 1963 starb er in Irland. Seit Oktober 2013 erinnert ein Denkmal in der Stadt Killarney, wo er aufgewachsen ist und das Golfen gelernt hat, an den Monsignore. Dahinter steht in goldenen Lettern O’Flahertys Motto: "God has no country."

Infobox

Im Buch "Über die weiße Linie" erzählen die Journalisten Arne Molfenter und Rüdiger Strempel die Geschichte von Hugh O’Flaherty und den Nazis in Rom (DuMont).

Der Spielfilm "Im Wendekreis des Kreuzes" aus dem Jahr 1983 basiert auf den Ereignissen um Hugh O’Flaherty. Der Monsignore wird von Gregory Peck verkörpert, seinen ­Gegenspieler Herbert Kappler spielt Christopher Plummer. Der Film ist auf DVD und als Stream erhältlich.

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