Lernen von der Diakonie: Streit deeskalieren

"Versuchen Sie es mal 
mit einem Witz"
Lernen von der Diakonie - Witz

Timo Roth

Sozialarbeiter Lothar Jentzsch arbeitet im Nachtasyl der Rostocker Stasdtmission

Lernen von der Diakonie - Witz

Menschen aus der Diakonie helfen weiter. Diesmal: 
Zwei Freunde geraten in Streit – und ich stehe dazwischen
Deutschland spricht 2019

chrismon: Mit dem Bus ins Kino. Meine zwei Begleiter streiten, wo wir aussteigen müssen. Peinlich! Ich versuche zu vermitteln.

Lothar Jentzsch: Warten Sie erst mal ab. Vielleicht brauchen die ­beiden diesen kleinen Schlag­abtausch, um etwas Dampf abzulassen. Versuchen Sie es mal mit einem Witz oder einer ironischen Bemerkung: "Wir fahren einfach bis zur Endhaltestelle und laufen dann!" Wenn Sie Glück haben, ­fangen beide an zu lachen, und die Spannung ist erst mal raus.

Im Gegenteil, die schaukeln sich weiter hoch: "Immer soll es nach dir gehen!", "Du kannst nie zugeben, wenn du dich irrst!"

Lassen Sie sich von der Aggressivität nicht anstecken. Bleiben Sie ruhig und möglichst neutral. Steigen Sie inhaltlich nicht ein. Sonst sind Sie im Handumdrehen in den Streit verwickelt. Am besten setzen Sie sich weg von den beiden.

Aber der eine wird beleidigend. Da kann ich nicht schweigen.

Wenn Sie sich gezielt an einen wenden, geben Sie ihm zunächst das Gefühl, dass er gehört wird. Etwa: "Dich ärgert, wenn jemand immer seinen Willen durchsetzt. Verstehe ich ja." Dann lenken sie zur aktuellen Situation: "Aber wie sollen wir uns jetzt einigen?"

Lothar Jentzsch

Der Sozialarbeiter Lothar Jentzsch arbeitet im Nachtasyl der Rostocker Stadtmission.
SVZLothar Jentzsch ist Mitarbeiter im Nachtasyl der Rostocker Stadtmission.

Hanna Lucassen

Kann hier mal jemand weiterhelfen? Die Journalistin Hanna Lucassen bespricht typische Alltagssituationen, in denen es hakt, mit Menschen der Diakonie.
Lena UphoffPortrait Hanna Lucassen, Redaktion chrismon, Redaktions-Portraits Maerz 2017

Ich verstehe nicht, wie man um so was überhaupt streitet . . .

Es geht ja längst nicht mehr um die Haltestelle, sondern um alte Kränkungen, offene Rechnungen. Um das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden.

Bei Ihnen im Nachtasyl schlafen obdachlose Männer. Worüber streiten die sich?

Es ist dasselbe Muster: Vordergründig gehtʼs um Lappalien. Wer zuerst ins Bad kann, wer wo sitzt. Dahinter steckt der Wunsch nach Anerkennung und Respekt.

Wie regeln Sie das?

Dort muss ich früher einschreiten, ein Streit kocht hier schneller hoch. Die Leute haben ein härteres Leben, sind eng zusammen, Alkohol spielt eine Rolle. Ich sage deutlich: Hier ist ein Platz zum Schlafen, nicht zum Streiten. Wer sich nicht dran hält, den werfe ich raus.

Kann ich im Bus nicht machen.

Der Busfahrer kann das, er hat das Hausrecht. Wenn Sie sich unwohl oder sogar bedroht fühlen, sagen Sie ihm Bescheid.

Und wie sollen wir uns jetzt einigen, wo wir aussteigen?

Gar nicht. Jeder steigt aus, wo er denkt. Sie treffen sich vor dem ­Kino. Die Pause ist für alle gut.

Infobox

Evangelische Stadtmissionen kümmern sich um Wohnsitzlose und Flüchtlinge, betreiben Jugendsozialarbeit, Bahnhofsmissionen, beraten Menschen mit Hilfebedarf – und mehr

 

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