Warum die Urheberrechtsreform ein Fehler ist

Viel mehr als Memes und GIFs
Am Dienstag stimmt das EU-Parlament über die Reform des Urheberrechts ab. Unsere Autorin Sabine Horst befürchtet, dass bald alle Internetnutzer unter Generalverdacht stehen.

Die Serie habe ich ganz ordentlich über einen meiner Streamingdienste geguckt; ist eigentlich ziemlich billig, so ein Abo. "Halt and Catch Fire" führt auf höchst unterhaltende Weise zurück in die Steinzeit der digitalen Kultur: vom ersten PC bis zur Entfaltung des World Wide Webs. Und man kann da sehr gut sehen, was die Entwicklung an entscheidenden Wendepunkten vorangetrieben hat, was die Grundlage dieser Wirtschaft ist: Die Leute wollen was machen. Sie wollen kommunizieren, sich in Communitys vernetzen, Ideen und Güter austauschen, die ihnen wichtig sind. "Der Computer ist nicht das Ding, er ist das Ding, das dich zum Ding bringt", sagt einer der Protagonisten ganz am Anfang; da hatte er gerade die geniale Idee, eine geschützte Software von IBM für sein PC-Projekt zu kopieren - bestenfalls semilegal.

Das Internet? Das ist das Selbstgemachte!

Heute ist das Ding, zu dem wir hinwollen, erst recht das Selbstgemachte - der nutzergenerierte Inhalt, den soziale Netzwerke und Plattformen wie Youtube, Twitter und Facebook, Tumblr und Instagram, der Livefilmkanal Twitch oder die Wikipedia zur Verfügung stellen. Das können Inhalte sein, die vollkommen originär sind – Künstler, Filmemacher, Literaten haben ja längst eigene Veröffentlichungs- und Vertriebswege im Netz gefunden. Oder es kann sich um Arrangements von Vorgefundenem handeln, deren Materialgrundlage urheberrechtlich sehr unterschiedlich zu bewerten ist,  und die eine kaum systematisierbare Formenvielfalt hervorgebracht haben: vom Animierten Musik-bis zum Gamer-Video, vom persönlichen Nachrichtenspiegel bis zum individualisierten Kochrezept, von der Wohnzimmerversion einer Musicalnummer bis zum Zusammenschnitt der miesesten Fouls von Sergio Ramos. Wer im Internet unterwegs ist, bewegt sich in einer Welt der Montagen, Collagen, der Remixe. Und die Memes und Gifs, mit denen nicht nur Jugendliche sich zugleich pointiert und gefühlvoll verständigen, sind unsere Höhlenmalerei.

Sabine Horst

Sabine Horst, gelernte Germanistin, hat als Kulturjournalistin unter anderem für die "Rundschau" und "Journal Frankfurt" gearbeitet und ist seit 2002 Redakteurin bei epd Film. Sie schreibt für die "Zeit" und den "Tagesspiegel", gibt gelegentlich Bücher zu interessanten Themen (Robert De Niro, "Männer - Sex - Kino") heraus und sitzt in der Jury der Evangelischen Filmarbeit. Ins Kino geht sie in Frankfurt - am liebsten mit ihrer Familie.
Lena Uphoff

Um diese Kultur geht es den Menschen, die gerade so vehement gegen die Urheberrechtsreform der EU protestieren – eine Leitlinie, die in einem windungsreichen Prozess seit Jahren verhandelt und am Dienstag zur Abstimmung im EU-Parlament vorgelegt wird.  Keiner der Protestierer und Kritiker bezweifelt, dass das Urheberrecht an die fortgeschrittene Digitalkultur angepasst werden sollte. Jeder sieht ein, dass Künstler und Autoren ein vernünftiges Auskommen haben müssen. Aber viele vermuten, dass hinter dem Argument, die faire Vergütung der Urheber in Zeiten des Web-Wildwuchses sicherzustellen, ein reiner Branchenkrieg tobt: europäische Verleger gegen US-Internet-Firmen. Und der Gedanke, dass in diesem Krieg der User auf der Strecke bleibt, ist nicht abwegig.

Die User stehen unter Generalverdacht

Der umstrittene Artikel 13 der Richtlinie stellt zunächst Plattformen und Foren, die  bisher als "host provider" von der unmittelbaren Haftung für Copyright-Verstöße ihrer Kundschaft befreit sind, unter Zugzwang: Sie sollen verpflichtet werden, entweder Lizenzverträge zu schließen oder zu verhindern, dass illegale Inhalte überhaupt hochgeladen werden. Mal abgesehen davon, dass das tatsächlich große Provider bevorteilt, weil nur sie die entsprechende Verhandlungsbasis und technischen Möglichkeiten haben, stellt das Verfahren die Endverbraucher, die längst selbst Produzenten geworden sind, unter Generalverdacht. Von nutzergeneriertem Content ist im Gesetz nicht die Rede, nur von "hochgeladenen" Inhalten. Heißt: Bevor wir uns Eintritt verschafft und an den Filtern oder der "Erkennungssoftware" vorbeigemogelt haben, sind wir alle – Urheberrechtsverletzer. Dass das keine Übertreibung ist, zeigt die absurde Debatte um die Memes, in der es immerzu darum zu gehen scheint, ob man die als "Ausnahme" zulassen kann und ob eine Filtersoftware sie erkennen würde.

Memes sind aber nicht die Ausnahme. Sie sind das Ding. Eins von vielen. Ich habe gern für "Halt and Catch Fire" bezahlt und würde auch eine Internetkulturpauschale entrichten. Im Übrigen hoffe ich, dass von dem, was ein paar Pioniere des Webs sich vor dreißig Jahren vorgestellt haben, in weiteren zehn noch irgendwas übrig ist. Deshalb gehe ich morgen mal auf die Straße. Wie würde Sean Bean als Boromir, Ritter von Gondor und Herrscher der Memes, sagen? "One does not simply kill free speech." Hab ich gerade erfunden. Gibt’s bestimmt schon irgendwo.

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