E-Mail aus Schanghai: Arbeitsmigration

Keine gewöhnliche Schule
Schanghai - Schulen für Migrantenkinder

Privat

Die Autorin vor ihrer Klasse in Schanghai

Eine deutsche Lehrerin unterrichtet Kinder von Wanderarbeitern in Schanghai.

Etwas nervös komme ich ins Klassenzimmer. Rund fünfzig tobende Zweitklässler soll ich ehrenamtlich in Englisch unterrichten, einmal wöchentlich, zusammen mit einer anderen Freiwilligen. Eigentlich nichts Neues, ich bin ja Englischlehrerin, aber die Klasse ist schon sehr groß – auch für Schanghaier Verhältnisse.

Dies ist keine gewöhnliche Schule. Hier lernen die Kinder von sogenannten 
Wanderarbeitern. Ihre Eltern sind Teil des unablässig fließenden Stroms an chinesischen Arbeitsmigranten vom Land, die schlecht bezahlte Jobs in den boomenden Megametropolen übernehmen. In Schanghai sollen es mehrere Millionen Menschen sein, die oft unter unwürdigen Bedingungen leben: Großfamilien zwängen sich ­in 
einem Einraumappartment ohne Heizung und Klimaanlage. Sie kochen vor dem Haus und leeren den Nachttopf morgens in die nächste öffentliche ­Toi­lette. Der Kontakt zur einheimischen 
Bevölkerung ist spärlich, echte Inte­gration findet im Alltag kaum statt.

Bärbel Hafner-Wünning

Die Stuttgarter Lehrerin Bärbel Hafner-Wünning lebt zurzeit mit ihrem Mann in Schanghai. Sie unterrichtet ehrenamtlich im Auftrag der Organisation Stepping Stones Kinder chinesischer Arbeitsmigranten.
PrivatBärbel Hafner-Wünning

Das liegt auch an Hukou, dem chinesischen Meldesystem aus den Fünfzigerjahren, das zurzeit reformiert wird. Es legte fest, dass jeder nur an seinem Heimatort einen Zugang zu Gesundheitssystem, Schulbildung und Sozialleistungen hat. Hukou sollte die Landflucht eindämmen und Migrationsbewegungen steuern. Den Kindern der Arbeitsmigranten nahm es alle Chancen, in der Gesellschaft anzukommen. Sie gingen nicht in die Schule oder wurden nur notdürftig in illegalen Behelfsschulen unterrichtet.

In Schanghai verantwortet mittler­weile der Staat ihre Schulbildung. Über zwei Drittel können heute staatliche Schulen besuchen. 145 Schulen wurden für Migrantenkinder eingerichtet – wie für die, vor denen ich heute stehe. Einige Kinder, die hier lernen, haben zu wenig Vorbildung und kommen in regulären Schulen nicht mit. Andere werden an staat­lichen Schulen nicht zugelassen, weil ihre rechtliche Situation prekär ist.

Überfüllte Klassen und Frontal­unterricht sind hier Alltag. Viele Lehrkräfte tragen ein Mikrofon, um sich Gehör zu verschaffen. Meine Mit­streiterin und ich versuchen es ohne. Wir üben mit den Kindern Be­grüßungsfloskeln. "How are you?", fragen wir die Kleinen, die in mehrere 
Jacken gepackt vor uns sitzen, weil die Heizung nicht funktioniert. Tapfer antworten sie: "Wonderful."

Infobox

Stepping Stones

Bärbel Hafner-Wünning arbeitet in Schanghai ehrenamtlich für die Hilfsorganisation Stepping Stones. Das schreibt sie über die Organisation:  "Gegründet vor knapp 13 Jahren, hat Stepping Stones es sich zum Ziel gesetzt, die Chancen von Migrantenkindern auf mehr Bildungserfolg zu erhöhen, indem sie nicht nur Hunderte von Freiwilligen wöchentlich in 30 Schulen und Gemeindezentren der Stadt schickt, sondern auch Unterrichtsreisen in die Provinz organisiert, den Unterricht über Videolink ermöglicht und Lehrerinnen und Lehrer fortbildet. Erst jüngst wurde Gründerin und Stepping Stones-Chefin Corinna Hua von Prinz Andrew, dem Herzog von York, mit der British Empire  Medal ausgezeichnet."

 

 

 

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