Anna Haag, Pazifistin und evangelische Feministin

Denken ­endlich ­wieder erlaubt!
Entscheidung - Anna Haag

Marco Wagner

Entscheidung - Anna Haag

Der Nazipropaganda 
und Kriegsverherrlichung 
hielt Anna Haag die Wahrheit über Kriegsgräuel entgegen. 
Jetzt erscheinen ihre Tagebücher
Deutschland spricht 2019

Vorgelesen: Die Entscheidung "Denken ­endlich ­wieder erlaubt!"

Ihre Briefe verschickt sie mit einem Aufkleber: "Der Teil meiner Steuer, der für Militär­zwecke verwendet wird, ist nur unter Zwang und Protest bezahlt." Typisch Anna Haag. Kleine Gesten. Immer knapp unterhalb der Lebensgefahr. "Weil jeder von uns, jede von uns, deren Herzen nicht im Gleichtakt mit diesen Ungeheuern schwingen, seinen Kopf auf dem Schafott hat", schreibt sie am 
5. November 1942 in ihr Tagebuch.

Ursula Ott

Ursula Ott ist Chefredakteurin von chrismon und Chefredakteurin von evangelisch.de. Sie studierte Diplom-Journalistik in München und Paris und besuchte die Deutsche Journalistenschule in München. Sie arbeitete als Gerichtsreporterin bei der "Frankfurter Rundschau", als Redakteurin bei "Emma", als Autorin und Kolumnistin bei der "Woche", bei der "Brigitte" und bei "Sonntag aktuell" sowie als freie Autorin für Radio und Fernsehen.
Foto: Lena UphoffUrsula Ott, chrismon Chefredakteurin

Diese Kriegstagebücher der schwäbischen Kolumnistin, Feministin und Pazifistin sind jetzt aufgetaucht und von großem Wert, weil sie frei sind von "historischen Verzerrungen". So der britische Historiker Edward Timms, der auch die Tagebücher von Anne Frank und Victor Klemperer erforscht hat. Er sieht die literarische Qualität, mal zynisch, mal ver­zweifelt, durchaus in dieser Liga.
Die Lehrertochter Anna Haag, geboren 1888, heiratet den Physiklehrer Albert, einen modernen Mann, beide verabscheuen den Drill zur Männ­lichkeit. 1933 wird er denunziert, weil er seinen Schülern berichtete, wie er im Stacheldraht gefangene junge Soldaten nach ihren Müttern hatte schreien hören. Zur Strafe wird er an ein Mädchengymnasium versetzt.

Das Leben der Haags zeigt, wie man sich auch in der Nazizeit in jeder kleinen Alltagssituation immer neu entscheiden konnte: Anpassung oder Widerstand. Albert tritt trotz inneren Widerstands dem NS-Lehrerbund bei. Anna ist schon eine erfolgreiche Journalistin, als eine jüdische Freundin ihre Kolumne bei der "Württemberger Tageszeitung" verliert. Anna übernimmt. Und schreibt auf diesem Platz nicht über Politik, sondern über Fußball. Als ihr jüdischer Architekt, Walter Raschkow, enteignet und zum Straßenkehren abkommandiert wird, stellen die Haags seine Möbel unter, versorgen ihn mit Essensmarken und hören heimlich BBC mit ihm. Keine großen Heldentaten, aber mehr, als die meisten schwäbischen Nachbarn getan haben.

"Hitler abmurksen? Womit? Mit dem Teppichklopfer?"*

Die Schwaben. Wie sie den Krieg feierten! "Im Schlossgarten-Café, als um fünf der Wehrmachtsbericht bekannt gegeben wurde. Andächtige ­Gesichter und leises, ehrerbietiges ­Löffeln des Kuchens, des Eises. Ah! Wie fein eine Punschtorte schmeckt, 
wenn man ,nebenbei‘ erfährt, dass in London ganze Straßenzüge in Schutt und Asche gelegt, Tausende 
von Frauen und Kindern umgebracht worden sind", notiert sie am 4. ­Oktober 1940. Am meisten empört sie sich über ihre evangelischen Mit­bürger. Am 13. Oktober 1941 besucht sie ein Bach-Konzert. Und notiert: "Alle in der Kirche stimmten ein, und ich dachte beseligt: Sieh, das deutsche 
Volk hält Einkehr und Umkehr. Aber da hörte ich einen dieser frommen Sänger auf der Rückfahrt in der 
Straßenbahn sagen: Ist doch ganz in Ordnung! Weg mit den Bestien, den Untermenschen, dem Gesindel."

1944 fällt auch auf das Haus der Haags eine Bombe, sie überleben im Keller, ohne Wasser, ohne Licht, und – am schlimmsten – ohne Radio. In einem Sammelstollen unter der Stuttgarter Innenstadt erleben sie, wie auf engstem Raum einer des anderen Feind wird. "Man hasst! Hasst gründlich! Und weil man den oder die Schuldigen all dieser Qual nicht bei der Hand hat, hasst man kurzweg den, der einem gerade über den Weg läuft."

Die Zynikerin erhält sich dennoch den Glauben an das Gute im Menschen. Als am 9. Mai alliierte ­Truppen bei Remagen den Rhein überqueren, singt sie mit Albert zusammen den Choral "Herr, Dir ist niemand zu ­vergleichen."

"Denken wieder erlaubt!", schreibt sie 1945. Sie wird nach dem Krieg 
international bekannte Pazifistin, gründet in Stuttgart ein Heim für ob­dachlose Frauen und setzt sich als eine 
von zwei weiblichen SPD-Abgeordneten im Landtag für das Recht auf Kriegsdienstverweigerung ein. Mit 60 lernt sie Englisch, um Vorlesungen in den USA zu halten, erst mit 93 stirbt sie.

*Zitat aus dem Tagebuch am 24.5.1942

 

Infobox

Zum Weiterlesen: Edward Timms: "Die geheimen Tage­bücher der Anna Haag" (Scoventa-Verlag, 22 Euro). Die Enkeltochter übergab dem ehemaligen Direktor des Centre for German-Jewish Studies die im Kleiderschrank wieder­gefundenen Tagebücher. Das Anna-Haag-Haus in Bad Cannstatt ist heute ein Mehr­generationenhaus. Am Anna-Haag-Platz in Stuttgart-­Sillenbuch liegen Gedenkplatten.

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Lesermeinungen

Das hätt' Ihnen ja nicht passieren dürfen…

… am 9. Mai 1945 war der Krieg dann doch endlich rum.

REMAGEN war in der ersten Hälfte März 1945.

Man muss das wohl erlebt haben, um noch zu erinnern, wie man
jeden Tag zählte, der durch solche tapferen Taten das Kriegsende
näher brachte.

Sehr geehrter Herr von Schack,

vielen Dank für Ihren Hinweis zum Artikel über die schwäbische Pazifistin Anna Haag in der Märzausgabe von chrismon. Sie haben völlig recht: Am 7. März 1945 konnten amerikanische Einheiten eine unzerstörte Eisenbahnbrücke bei Remagen besetzen und am 9. Mai 1945 trat die Kapitulation aller deutschen Streitkräfte in Kraft, der Zweite Weltkrieg war für die deutsche Bevölkerung vorbei.

Unsere maßgebliche Quelle war das Buch von Edward Timms „Die geheimen Tagebücher der Anna Haag“. Timms hat alle Tagebücher gesichtet und viele Einträge transkribiert (Scoventa-Verlag, Bad Vilbel 2019). Richtig ist demnach wohl, dass die Haags erst am 9. Mai 1945 von der Rheinüberquerung bei Remagen erfahren und sich darüber freuen (ebd., S. 232), nicht aber, dass sie an diesem Tag stattgefunden hat.
Diese wichtige Unterscheidung ging während der redaktionellen Bearbeitung verloren, und so kam es zu der falschen Behauptung, die Sie zu Recht monieren. Der Fehler wurde in der Schlussredaktion leider übersehen.

Mit freundlichem Gruß

Dr. Andrea Wicke

Dokumentation, Archiv, Korrektorat, Schlussredaktion (DAKS)

Darf ich vielleicht darauf hinweisen, dass mit der deutschen Kapitulation der 2. Weltkrieg keineswegs vorbei war, wie Sie schreiben, sondern erst mit der Kapitulation des japanischen Kaiserreichs am 2. September 1945.

Deutschland war und ist eben nicht gleich die Welt.

Mit freundlichen Grüßen

Friedrich Feger

Sehr geehrter Herr Feger,
vielen Dank für Ihren Hinweis: Gemeint war, dass der Zweite Weltkrieg mit der Kapitulation der deutschen Streitkräfte für die deutsche Bevölkerung ein Ende hatte. Das ist für das Verständnis der Tagebucheinträge von Anna Haag relevant. Wir haben die Formulierung nun in diesem Sinn präzisiert.
Mit freundlichem Gruß
Andrea Wicke

Sehr geehrte Frau Dr. Wicke,

allen, die so ungefähr wissen, was 1945 los war, ist klar gewesen, was Sie meinten. Nützen dürfte die Präzisierung jedoch der nachwachsenden Jugend, für die 1945 in unvorstellbar grauer Vorzeit liegt, von der man auch nicht einsieht, wieso die vielleicht von Interesse sein könnte.

Mit freundlichen Grüßen

Friedrich Feger