Wohnen im Alter - in einer Wohngemeinschaft ist alles leichter

Hand in Hand
Da es schon um fünf Uhr Frühstück gab, wird das Mittagessen meistens schon vor Mittag eingenommen

Leona Ohsiek

Dieser Tisch ist die Zentrale. Der Tag in der WG beginnt um fünf Uhr. Um zehn haben alle Hunger auf das Mittagessen

Da es schon um fünf Uhr Frühstück gab, wird das Mittagessen meistens schon vor Mittag eingenommen

Einer kocht, die anderen putzen, sortieren Wäsche oder passen auf, dass niemand einen Termin versäumt. Und wenn es einem schlecht geht, sind alle zur Stelle. Zu Besuch in einer Wohngemeinschaft für Senioren.

Wir sind ja kein Hotel" – dieser Satz fällt mehrfach an diesem Morgen in der Niedernwöhrener "Senioren-WG". Wohl, um daran zu erinnern, dass ein zu fünft geführter Haushalt nicht perfekt sein muss. Schon gar nicht, wenn die Bewohner im Schnitt an die 70 sind. Dabei ist genau das so verblüffend: wie die Abläufe im zweigeschossigen Klinkerhäuschen Hand in Hand gehen. Und wie zufrieden die Einzelnen damit wirken.

Elisabeth Hussendörfer

Elisabeth 
Hussendörfer muss bei Fernsehberichten über Missstände in Heimen jetzt 
nicht mehr wegschalten, weil es so unerträglich und alternativlos scheint. Sie weiß jetzt, wie es auch gehen kann.
PrivatElisabeth Hussendörfer

Leona Ohsiek

Leona Ohsiek, Foto­grafin, kann sich gut vorstellen, dass Senioren-
WGs künftig die gängige Alter­native zum Heim werden. In ihrem Bekanntenkreis träumen viele vom gemeinsamen Wohnen im Alter.
Maria RohwederLeona Ohsiek

Zum Beispiel der 75-jährige Helmut Felkl. Es gibt eine Küche, zwei Bäder, ein großes Esszimmer und neun private Rückzugsräume. Felkl übernimmt sämtliche hausmeisterlichen Tätigkeiten und hat in der Früh schon die gelben Säcke an die Straße gestellt. Oder der 56-jährige Carsten Börke, der in der Küche Zwiebeln schneidet, während Helga Schuischel die Spülmaschine ausräumt. "Lust auf Kuchen heute Nachmittag?", fragt Börke. Das Strahlen seiner zwölf Jahre älteren Mitbewohnerin ist eine klare Antwort.

Später, als Carsten Börke zwei Thermoskannen mit Kaffee auf den Tisch im Gemeinschaftsraum stellt, wirkt das wie ein Aufruf. Eva Wohl­leben, 77, legt die Putzlappen weg, Helmut Felkl die Zeitung und Rosalinde Balzer, 55, verabschiedet die Pflegerin, die ihr morgens mit dem Thrombosestrumpf hilft, und gesellt sich zu den anderen. Als gebe es nichts Selbstverständlicheres, als mal innezuhalten als Gemeinschaft. Als gebe es überhaupt nichts Selbstverständlicheres als diese Gemeinschaft.

Nach Hause zurück war keine Option

Eine WG? Das ist nichts für mich, hat Rosalinde Balzer vor gut drei ­Jahren noch gedacht. Es war eine schwierige Zeit. Im Pflegeheim konnte 
sie nicht bleiben, zu teuer. 1300 Euro Eigenanteil monatlich. Zurück nach Hause? "War keine Option wegen 
der vielen Treppen und weil meine Wohnung nicht rollstuhlgerecht war." Der Alleinstehenden war ein Bein ­amputiert worden. Ihr Berufsbetreuer hatte von einem interessanten Wohnprojekt gehört: "650 Euro all inclusive". Ob sie sich das ansehen wolle?

An einem Herbsttag hob ihr Be­treuer sie im Rollstuhl über die Schwelle der Terrassentür. Ihr wurde gleich Kuchen angeboten, und die künftigen Mitbewohner erzählten ­offen von sich. Sie erfuhr, dass Carsten Börke früher als Gerüstbauer viel auf Montage war, mit den Kollegen in ­Ferienwohnungen wohnte, und jeder war mal mit dem Kochen dran. "Damit war ich quasi WG-erprobt", sagte Börke. Er machte auch kein Geheimnis um das, was dann kam: Schweres Asthma, Pflegestufe eins, weil nicht mehr gewährleistet war, dass die ­Körperpflege selbstständig funktionierte, seine Frau hätte "das" irgendwie nicht gekonnt. Allein hätte er es aber eben auch nicht hingekriegt. "Ich weiß nicht, wo ich gelandet wäre ohne die WG."

 Rosalinde Balzer ist für sämtliche Wäsche aller Bewohner zuständigLeona Ohsiek

Das Pflegeheim habe sie träge gemacht, sagt Rosalinde Balzer. Die Essens­tabletts seien einfach hingestellt worden, die Bastelnachmittage mangels Beteiligung oft ausgefallen. Schon bei ihrem ersten Besuch in der WG habe sie geahnt, dass das Leben als Pflegebedürftige auch ganz anders sein kann. "Die Sigrid" habe dann aber erst mal gebremst: Mit dem Rollstuhl, das würde schwierig.

650 Euro all inclusive

Sigrid Rahm ist 51, gelernte Erzieherin und arbeitete wie ihr Mann Werner lange als Berufsbetreuerin. Durch ihren Beruf sahen die Rahms, wie es in vielen Pflegeheimen zuging. Vor 15 Jahren gründeten sie die WG. Natürlich hätte sie das Haus gerne behindertengerecht, sagt Sigrid Rahm. 
Doch dafür wären umfangreiche Um­bauten nötig. Schwellenfreie Duschen. 
Ein Fahrstuhl. Sie hat Angst, das Pro­jekt könne dadurch finanziell aus dem Ruder laufen und die monat­liche Pauschale nicht mehr gehalten werden, die alles, von Miete über ­Nebenkosten, Telefon, Versicherungen 
bis hin zur GEZ, abdeckt.
Je nach Belegung ist die WG für ihre Betreiber eher Zuschussgeschäft, mal halten sich Einnahmen und ­Ausgaben die Waage, mal bleiben am Monatsende einige Hundert Euro übrig. Sigrid Rahm arbeitet nebenbei noch als Berufsbetreuerin, denn gerade "weil sich der Leerstand eher schlecht kalku­lieren lässt, würde es ohne ein zweites Standbein nicht gehen".

Überschaubare, familienähnliche ambulante Wohn- und Lebensformen in der Pflege müssten viel mehr gefördert werden, sagt Claus Fussek. Gäbe es mehr kreative Wohnformen, würde sich herumsprechen, dass es auch flächendeckend möglich ist, ­alte und pflegebedürftige Menschen gut und bezahlbar zu versorgen. ­Fussek ist Sozialpädagoge, Autor und im ­Leitungsteam eines ambulanten Münchner Beratungs- und Pflegedienstes. Den viel beklagten Pflegenotstand hält er für ein "strukturelles Problem". In den großen Wohlfahrtsverbänden seien "gefühlt 90 Prozent der Mitglieder Vertreter der stationären Pflege". So werde am bestehenden System festgehalten und werden teure stationäre Strukturen aufgebaut, obwohl dort niemand "endgelagert sein möchte". Jede Gemeinde stehe in der Verantwortung, dass ­
sich das ändert. Auch jeder Einzelne müsse sich fragen, wie er im Alter gepflegt werden wolle.

Gut für die Fitness

Nach ihrem ersten Besuch in der WG verbrachte Rosalinde Balzer vier Wochen in einer Rehaklinik. Sie hatte 
jetzt ein Ziel: ohne Rollstuhl in die WG einziehen. Die Flure in der Klinik waren lang. Jeden Tag schaffte sie mit Prothese und Rollator ein paar Meter mehr und konnte ihn schließlich über die Schwelle der Terrassentür schieben. "Der Rollstuhl steht seither in der Rumpelkammer", lacht Balzer. Sigrid Rahm sagt, sie erlebe immer wieder, wie wohltuend das WG-Leben auf die körperliche und mentale Fitness von Bewohnern wirke. Bei Rosalinde aber sei es eine regelrechte Sensation: "Wie sie jetzt die komplette Wäsche aller hier erledigt, mit nur einem Bein." ­Jeden Mittag steht die Mittfünfzigerin 
am Tisch im Gemeinschaftsraum und bildet Stapel. Wem gehört die Hose? An wessen Fuß passt die Socke?

 Helmut Felkl übernimmt gerne einige der hausmeisterlichen TätigkeitenLeona Ohsiek

Gibt es Unklarheiten, ist Eva Wohlleben gefragt. Kein Geburtstag, kein Termin entgeht der 77-Jährigen. Dank ihres "Elefantenhirns" sind immer alle pünktlich, etwa wenn "WG-Mutter Sigrid" für Arztbesuche mit dem Auto vorfährt. Die Rahms wohnen sieben Kilometer vom Klinkerhäuschen entfernt und sind in fünf Minuten da. Der "Praxis-Shuttle" sei Teil des Angebots. Ansonsten kommt Sigrid Rahm morgens und abends, "um nach dem Rechten zu sehen". Und auch, wenn auf ihrem Handy ein Notruf eingehe. Jeder Bewohner hat ein Telefon auf dem Zimmer mit einer Notruftaste. Aber es komme ­selten so weit, sagt Rahm, auch weil sie die ­Medikamentendöschen aller Be­wohner befüllt und nachhakt, ob ­alles richtig eingenommen wird. Wenn die Bewohner es wünschen, kommt sie auch zu Arztgesprächen mit.

Viel Eigenverantwortung

Abwägen, wo man gebraucht wird und wo man sich besser raushält – für die kleine quirlige Frau mit dem Kurzhaarschnitt ist das ein Dreh- und ­Angelpunkt. "Wenn ältere ­Menschen in bestimmten Belangen Hilfe ­brauchen, heißt das ja nicht, dass man ihnen überall alles abnehmen muss!" Als Berufsbetreuer hätten sie und ihr Mann viel Einsamkeit in den Heimen gesehen. Die Besuche hätten sie oft traurig gemacht, sagen die Rahms. Sie beobachteten auch, wie Menschen beim Wechsel ins Stationäre sprunghaft "abgebaut" hätten – trotz oder wegen der vielfach durchaus kostenintensiven Betreuung.
Je schlechter die Pflege, desto mehr Geld kostet sie", hat der Pflegeexperte Claus Fussek festgestellt. Weil gerade in großen Häusern unter Aspekten des 
Profits die individuellen Bedürfnisse der Bewohner ignoriert würden. "Die Menschen aktivieren, mobilisieren, 
auch darum geht es. Ihnen ihre Selbst­
bestimmung und Würde erhalten, statt sie in die Betten zu pflegen."

Als die Rahms vor 18 Jahren an­fingen, sich Gedanken über alter­native Wohnformen für Alte und Pflegebedürftige zu machen, suchten sie vergeblich nach Vorbildern. Es wurden ihnen zwei Wohnungen in einem Stadthagener Hochhaus angeboten, zum "Tag der offenen Tür" luden sie die Presse und Kollegen ein. Dabei hatten sie noch keinen einzigen Bewohnervertrag abgeschlossen. Sie fingen mit zwei Bewohnern an, ­weitere kamen durch Mund-zu-Mund-Propa­ganda hinzu. Ein ganzes Jahr blieb der Status der Einrichtung ungeklärt. Sie atmeten auf, als die Heimaufsicht des Landkreises nach entsprechender Prüfung vermeldete: Sie waren tatsächlich eine WG und kein Heim. "Letzteres hätte uns ­wegen der vielen baulichen und Sicherheitsvorschriften vermutlich zum Aufgeben gezwungen", sagt Werner Rahm. Zum Beispiel hätten sie dann eine Pforte am Eingang haben müssen.

Eine Instanz im Ort

Anfangs hat das Paar gekocht, geputzt und den vollen Service ange­boten. Später sprangen Sigrid Rahms Eltern mit ein, weil es doch "etwas viel" wurde, mit der "Zusatzfamilie". Die Rahms haben selbst keine Kinder. "Das muss ich erst mit Papi besprechen" – Werner Rahm schmunzelt, wenn er erzählt, was so mancher Arzt von so manchem Bewohner zu hören bekam. Bei ihr leuchten die Augen, wenn sie erzählt, wie sie bis heute in jeder Nacht auf den 6. Dezember den Nikolaus macht und wie die Be­wohner jedes Mal sagen: Diesmal kriegen wir dich. Noch nie hätten sie es geschafft. Nicht im Hochhaus und auch im nahen Klinkerhäuschen nicht, in das sie nach fünf Jahren umgezogen sind, weil die alte Umgebung zu laut, zu anonym geworden war.

 Die Rahms gründeten die WG vor 15 Jahren. Sie wollten es anders machen als die HeimeLeona Ohsiek

Heute ist die WG eine Instanz in Niedernwöhren. Nachbarn winken, wenn Helmut Felkl mit dem Rad zum Laden an der Ecke fährt, weil Milch fehlt. Oder Helga Schuischel mit dem Rollator zum Bäcker startet, um in der Tageszeitung zu blättern. Manchmal, sagt die 68-Jährige, habe sie ein schlechtes Gewissen. "Ich kann ja nicht mehr so viel. Nur noch die Spülmaschine ein- und ausräumen."

Wie viel trägt die Gemeinschaft?

Nach einem Sturz vor drei 
Jahren kam Schuischel 
vorübergehend ins Pflege­heim. Die Rahms zer­brachen sich den Kopf, wie es weitergehen konnte. Wie viel konnte die Gemeinschaft tragen, wo war eine Grenze erreicht? Eine Tagespflege schien eine Lösung. Carsten Börke aber berichtet, 
irgendwann hätte er es nicht mehr ­ausgehalten, "die Helga, die dort eher verwahrt als gepflegt wurde, so zu sehen". Er schickte den Fahrdienst, der Schuischel morgens holte, wieder weg – im Gefühl, im Sinne der Gemeinschaft zu handeln. Es war gut, was du getan hast, hörte er, als er sich rückversicherte. Solche "Einigungen", sagt Werner Rahm, müssten dann aber auch gelten. Sonst werde es kompliziert und ungerecht. Längerfristig vielleicht auch zu teuer, weil noch mehr Hilfe von außen nötig wäre.

Der Pflegedienst, der zu Rosalinde Balzer und Helga Schuischel ins Haus kommt, wird über die Krankenkasse abgerechnet. Welcher Dienst kommt, das entscheiden die Bewohner. Wie das eigene Zimmer sauber gehalten wird? Ob in Eigenregie oder indem man andere um Hilfe bittet? Das auch. Zu viele Regeln würden die Eigen-
verantwortung schmälern und die 
Passivität fördern, glauben die Rahms.

Sie beziehen auch die Zuschüsse für 
Pflegestufen mit ein. Heime würden diese in der Regel einbehalten und den Bewohnern einen sogenannten Barbetrag überlassen. 113 Euro sind es 
in Niedersachsen, sagt Werner Rahm. Er findet es "entwürdigend", wenn erwachsene Menschen "Taschengeld" bekommen. Und er mag es, wie die Niedernwöhrener WG-Bewohner vieles unter sich abmachen. So ist bekannt, dass es Carsten unter der Dusche wegen seiner Atemnot leicht schwindelig wird. Bekannt ist auch, dass die, die dann helfen, sich ge­legentlich über ein paar Blümchen oder Pralinen freuen. Sigrid Rahm sagt, sie würde nicht im Traum daran denken, für "den einen oder anderen Handgriff, den ich tue, wenn ich vor Ort bin", was extra zu berechnen.

Lieber selber kochen

Als ihre Eltern sich altershalber zurückgezogen haben, wollte sie Klarheit: Sollte eine professionelle Kraft für die Küche und fürs Putzen her und die Pauschale entsprechend angehoben werden? Oder waren die Bewohner bereit, das auszugleichen? Letzteres, befand man einhellig. Jetzt zahlt jeder 40 Euro weniger im Monat. Ziemlich fleischlastig isst die WG, seitdem Carsten Börke die Küche macht. Schnitzel, Koteletts, Nackensteaks, im Sommer wird oft der Grill ange­worfen. Nach dem Einkaufen heftet er sämtliche Belege an eine Pinnwand im Gemeinschaftsraum, jeder soll Einblick haben können. Es ist die helle Freude, die Zettel am Monats­ende abzunehmen, sagt Sigrid Rahm: "Carsten ist ein Pfennigfuchser!" Das hilft der Gemeinschaft, klar.

 Seitdem Carsten Börke einkauft und kocht, gibt es oft Fleisch. Im Sommer wirft er gern den Grill anLeona Ohsiek

Aber es gibt natürlich auch Auseinandersetzungen. Die Rahms nehmen sich dann Zeit und moderieren. Ein Bewohner etwa hat mehrfach zu Führers Geburtstag eine Fahne gehisst. Ein kollektiv ausgesprochenes "Wir wollen das nicht" hat ihn ein­lenken lassen. Mit den Erdbeeren, die im Winter auf der Einkaufsliste standen, war es ähnlich. Die Runde diskutierte darüber und fand, dass sie zu teuer sind. Aber nicht alles könne demokratisch entschieden werden, ­sagen die Rahms. Als eine Bewohnerin bei Tisch Pudding und Bierschinken für ihren mittellosen Sohn mitgehen ließ, hätten Gespräche nicht geholfen. Sie hat dann täglich das Zimmer der Bewohnerin kontrolliert.

Oder die Sache mit der Hose, die Eva Wohlleben in die Waschmaschine 
stecken wollte und die dabei buchstäblich zerfallen sei. Gestunken hätten 
die Fetzen, so wie der, der sie am Leib getragen habe, sagt Wohlleben. Da sei Klartext wichtig gewesen: "Wir wollen dich nicht loswerden, aber so geht’s nicht weiter." Der Mitbewohner hatte zuletzt extrem zurückgezogen gewirkt. Während eines Aufenthalts in einer psychiatrischen Klinik wurde 
er medikamentös eingestellt. "Zwei Wochen lang hat der einstige Eigenbrötler uns nach seiner Rückkehr vollgequasselt", lacht Eva Wohlleben, und ihre Stimme verrät: Sie mochte 
es, ihn von dieser neuen Seite zu er­leben. Helmut sei es gewesen, der ihn dann an jenem Abend die Treppe 
raufgebracht habe, "er war nicht mehr so gut zu Fuß". Er sei plötzlich zu­sammengebrochen und in Helmuts Armen gestorben. Als die Bestatter kamen, seien alle dagestanden, hätten "tschüss Hans" gerufen.

Ihr seid zu billig, müsstet viel mehr verlangen für das, was ihr tut, wie oft haben die Rahms das gehört. Pflege als lukratives Geschäft – diese offensichtlich verbreitete Denkweise mache nachdenklich. Als würden diejenigen, die da so einseitig auf Profit aus sind, nicht selbst mal alt. Als könnten sie einen kaltlassen, die Geschichten von Rosalinde und Carsten und auch von Helmut, dem ein Leben auf der Straße drohte, als seine Frau ihn vor die Tür setzen wollte.

Sie kommen von weit her

Eva ist eigens aus Bremen hergezogen. Einen alten Baum verpflanzt man nicht? "Im Zweifel vielleicht besser doch", finden die Rahms, die genau das eben nicht bestätigen können: dass Menschen mit den Jahren weniger wandelbar sind. Sie berichten von Ausflügen zum Steinhuder Meer, zur örtlichen Kirmes, auf die Hamburger Reeperbahn. "Früher hätte ich mir so was nicht zugetraut", sagt Eva Wohlleben, die einstige Lang­­schläferin, die jetzt jeden ­Morgen um fünf in den Gemeinschaftsraum kommt. Weil die meisten dann schon da sind. Ständig sein eigenes Süppchen kochen? Wohlleben schüttelt den Kopf. Das könnte der Anfang vom Ende sein. "Die Angst, so abzubauen, dass das Miteinander nicht mehr möglich ist, das ist natürlich Thema", spricht Sigrid Rahm aus, was wohl viele hier denken. Andererseits trage die Gemeinschaft so manches. Helga Schuischel nickt, und dann ist plötzlich Anneliese Thema, eine verstorbene Bewohnerin. Sie wurde ­dement. Als sie im nahen Heim lebte, bekam sie jede Woche WG-Besuch. Bis zu ihrem Tod. "Sie gehörte einfach weiter dazu."

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Die - das sind Klarissa, Patricia, Carlo, Hanika, Mariane und Bernadine. Sie kommen von den Philippinen und leben jetzt in Meißen. Dort arbeiten sie im Pflegeheim. Dabei kennen sie es ganz anders: In ihrer Heimat sind die Familien für ihre Alten zuständig – so steht es in der Verfassung
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