Christentum und Menschenrechte

Woher kommt 
die Menschenwürde?
Religion für Einsteiger - Woher kommt die Menschenwürde

Lisa Rienermann

Religion für Einsteiger - Woher kommt die Menschenwürde

Die Menschenwürde kommt aus der Bibel: Weil der Mensch als Gottes Ebenbild geschaffen wurde, sagen die einen. Andere widersprechen: Nicht die Religion, sondern die Philosophie forderte zuerst, die Menschenwürde zu achten.

Ein Populist versprach 1933: Deutschland den Deutschen. Fortan werde mit harter Hand durchgesetzt, was angeblich Wille des deutschen Volkes sei. Zwölf Jahre später lag Deutschland in Trümmern. Tausende Oppositionelle und Millionen Juden waren ermordet, Zigmillionen weitere dem Weltkrieg zum Opfer gefallen.

Um solcher Mordlust und Willkür zu wehren, verkündeten die Vereinten Nationen Ende 1948 in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte: "Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren." Fünf Monate später trat das bundes­deutsche Grundgesetz in Kraft. Artikel 
eins: "Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt."

Als Erste schützte die Verfassung des katholischen Irlands die menschliche Würde

Dass Verfassungen die menschliche Würde schützen, war noch ziemlich neu. Erstmals hatte das katholische Irland in seiner Verfassung von 1937 aufgerufen, "die Würde und Freiheit des Individuums zu gewährleisten". Woher kam die Vorstellung, dass jeder Mensch eine Würde habe, die er niemals verwirken könne?

Aus der Vorstellung, dass der Mensch als Gottes Ebenbild ge­schaffen sei, antworten Christen: aus der katholischen Soziallehre und der angloamerikanischen Verfassungs­geschichte, geprägt von reform­willigen Protestanten.

Falsch, halten 
Nichtchristen dagegen: Bis ins 20. Jahrhundert hätten Christen gelehrt, die Ebenbildlichkeit des Menschen sei wegen der Sünde entstellt. Nicht Christen, sondern Humanisten, europäische Aufklärer und französische Revolutionäre hätten Menschenrechte und Würdenorm durchgesetzt – ­gegen den Widerstand der Kirchen.

Allerdings endete die Französische Revolution in einem Gemetzel. Und die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte entstand nicht gegen den Widerstand der Kirchen. Vielmehr floss eine Denkschrift der Katholiken Amerikas von 1947 teils wörtlich in die Erklärung ein. Auch wirkte eine Kommission des Ökumenischen Rats der Kirchen, der vor 70 Jahren gegründet wurde, an ihrer Ausgestaltung mit.

Menschenrechte gelten in jeder Kultur, weltweit

Es ist sinnlos, über die Urheberschaft der Menschenrechte zu streiten. Niemand kann sie allein für sich reklamieren, weder Christen noch antikirchliche Aufklärer. Menschenrechte sind universell. Asiatische und arabische Diktatoren lügen, wenn sie behaupten, 
ihre Kultur sehe individuelle Freiheiten nicht vor. Jede Religion, jede Kultur der Welt kennt Fairness, Gastfreundschaft, Solidarität mit Schwachen, das Ideal der Gleichheit aller, den Schutz vor Folter und Erniedrigung.

Schon die Kern­anliegen der Refor­mation passen zu dem, worauf die Menschenrechte abzielen. Martin Luther zufolge steht jeder Mensch mit seinem Gewissen allein vor Gott. Kein Politiker, kein Priester, niemand kann sich dazwischenstellen. Ähnlich die Menschenrechte: Sie schützen den Einzelnen vor dem Zugriff anderer, indem sie Meinungs- und Gewissensfreiheit gewähren. Und Religionsfreiheit: Jeder und jede entscheidet selbst und nur für sich über Fragen des Glaubens.

Jeder Mensch breitet sein Leben vor Gott aus, glauben Christen: die Schuld, die an ihm nagt, gescheiterte Beziehungen, Versäumnisse gegenüber anderen. Aber Gott urteilt nicht nach dem äußeren Anschein, sondern er nimmt den Menschen an, wie er wirklich ist. Auch die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte fordert auf, jeden Menschen gleich zu achten, ungeachtet der Hautfarbe, des Geschlechts und der Nationalität.

Nach christlichem Glauben richtet Gott gerade denjenigen auf, der an seiner Schuld und seinen Versäumnissen zerbrochen ist. Theologen unterscheiden daher zwischen dem Menschen, dem Gottes Zuspruch gilt, und dem, was er angerichtet hat. Die Tat gehört bestraft, nicht die Person. Auch die Menschenrechte schützen den Einzelnen vor dem unwiderruflichen Urteil anderer. Sie sollen seine körperliche und geistige Unversehrtheit garantieren und dass man ihm Zuflucht gewährt, wenn er sie braucht. Auch wenn er ein fehlbares Wesen ist: schuldig – wie jeder andere auch.

Wie die evangelische Tradition bie
tet auch jede andere Tradition der Welt gute Gründe, für Menschenwürde und Menschenrechte einzutreten.

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