Historisch: Die jüdischen Auswanderer vom Schiff "Exodus" in Wilhelmshaven

Die Kinder der "Exodus"
Flüchtlingsschiff Exodus

Cohen Fritz/National Photo Collection, Privat [M]

Die Exodus im Hafen von Haifa. David Chatkewicz und seine Frau Mala, geborene Weissledder (im Bild vorne rechts)

David Chatkewicz und seine Frau
Mala, geborene Weissledder, im Bild
vorne rechts

Siebzig Jahre nach der legendären Fahrt des jüdischen Migrantenschiffes durchs Mittelmeer: Cwi Chatkewicz besucht den Ort, in den man seine Eltern verschleppte: Wilhelmshaven.

Aus zwölf Personen besteht das Empfangskomitee im Gemeindehaus Sengwarden. Drei Mitglieder des örtlichen Geschichtsvereins sind gekommen, eine Zeitzeugin, ein ehemaliger Stadtrat, eine Museumsleiterin, ein Militärpfarrer, ein früherer Bischof und zwei Lokaljournalisten.

Ihre Gäste: zwei Kinder der "Exodus", des jüdischen Dampfers, der zwei Jahre nach Kriegsende in einem südfranzösischen Hafen in See stach, um 4554 Überlebende des Holo­caust ins britische Mandatsgebiet Palästina zu bringen – gegen den Willen der Briten. Die Briten fürchteten: Noch mehr Juden in Paläs­tina bedeuten noch mehr Streit mit der arabischen Mehrheitsbevölkerung. Die jüdischen Untergrundkämpfer, die die Überfahrt organisierten, wollten dagegen, dass die Engländer unter dem Druck der Weltöffentlichkeit ihre Seeblockade aufgaben.

 chrismon

Die Rechnung ging auf. Die Weltöffentlichkeit beobachtete damals das humanitäre Drama auf dem Mittelmeer: wie ein britisches Marineschiff die "Exodus" rammte. Wie das zerstörte Schiff in Haifa einlief und die Passagiere auf drei andere Schiffe verladen wurden. Wie sich die jüdischen Holocaustüberlebenden an Bord heroisch weigerten, in Frankreich an Land zu gehen; sie wollten nach Palästina und sonst nirgendwohin. Und wie britische Soldaten sie schließlich in Hamburg von Bord trieben. Vier Monate nach diesem Irrsinn verkündeten die Vereinten Nationen den Teilungsplan für Palästina. Noch ein halbes Jahr später wurde der Staat Israel ausgerufen.

Was der Bischof nicht wusste: Genau hier, wo er aufwuchs, hatte die Passagiere der Exodus gelebt

Exodus, das steht in der Bibel für den Auszug der Israeliten aus der Sklaverei in die Freiheit. Für den Schriftsteller Leon ­Uris war die Geschichte der "Exodus" das Sinnbild der geheimen jüdischen Einwanderung im Vorfeld von Israels Staatsgründung. Ende der 1960er schrieb er seinen Weltbestseller "Exodus".

Der Ex-Bischof aus dem Empfangskomitee in Wilhelmshaven-Sengwarden, Jan Janssen, ist selbst in Sengwarden aufgewachsen. Als Jugendlicher verschlang er den Roman "Exo­dus". Aber was der Roman verschweigt und was ihm damals auch niemand aus dem Dorf erzählte: Die Hälfte der Passagiere wurde im Winter 1947/48 genau hier, in unmittelbarer Nähe seines Elternhauses, untergebracht: in der Admiral-Armin-Zimmermann-Kaserne wenige Hundert Meter westlich von Sengwarden.

Cwi Chatkewicz ist einer der beiden Gäste aus Israel. Er ist nach Wilhelmshaven zurück­gekehrt, wo er am 29. November 1947 in einem Krankenhaus zur Welt kam. Er kommt zurück, ziemlich genau 70 Jahre nachdem seine Eltern tatsächlich mit ihm ins Gelobte Land abreisen durften. Er will wissen, wo ­seine Eltern damals untergekommen waren, wie sie lebten und wo er sein erstes Lebensjahr verbracht hat.

Chatkewicz fährt mit seiner Frau und einem weiteren Sohn von "Exodus"-Passagieren, auch er 71 Jahre alt, in einem Wagen vor, den er am Amsterdamer Flughafen angemietet hat. "Meine Eltern sind auf Pritschenwagen hier angekarrt worden", sagt Chatkewicz nachdenklich. "Und wir kommen in einem klimatisierten Auto."

 Beim Empfang im Gemeindehaus von Wilhelmshaven-Sengwarden: Cwi Chatkewicz und seine Frau ChawiwaGabriel-Juergens Dirk

Zu den wertvollsten Hinterlassenschaften des Vaters zählt ein Tagebuch, geschrieben auf der Exodus

Cwi Chatkewicz lebt heute mit seiner Frau Chawiwa in einem Villenvorort von Haifa, der israelischen Hafenstadt, in der damals seine Eltern von Bord gehen wollten. Seit er vor einigen Jahren Rentner wurde, sammelt er wie ein Besessener Dokumente, Fotos, Souvenirs, alles, was ihm die Geschichte seiner Eltern nahebringt: Erinnerungsstücke ihrer abenteuerlichen Irrfahrt.

Er trommelte die Überlebenden der "Exo­dus" und ihre Nachfahren zusammen und organisierte ein Treffen mit dem israelischen Präsidenten Reuven Rivlin. Er suchte nach Dokumenten seiner Eltern in polnischen und deutschen Archiven. Er reiste nach Ulm, wo sich David Chatkewicz und Mala Weissledder, seine Eltern, kennengelernt und gleich geheiratet hatten; sie besaßen ja keine Familien mehr. Deutsche hatten alle ihre Verwandten ermordet.

Cwi Chatkewicz traf die Tochter des Reeders aus Baltimore, der das Schiff "President Warfield" an die jüdische Untergrundorganisation Haganah verkaufte, die es später in "Exodus" umbenannte. Er reiste in den südfranzösischen Hafen Sète, wo die "Exodus" ablegte, und nach Port-de- Bouc, wo die Passagiere sich damals weigerten, von Bord zu gehen.

Auf dem runden Wohnzimmertisch von Cwi Chatkewicz und seiner Frau in ­Haifa liegen die Erinnerungsstücke ausge­breitet: Fotos, Medaillen, Dokumente in Schutz­folien, Ordner mit noch mehr Dokumenten. Den Tisch hat sein Vater, ein Tischler, selbst gedrechselt. Chatkewicz erzählt rastlos von dem, was ihm schon seit Jahren keine Ruhe mehr lässt. Wofür er durch die Welt reist, Zeitzeugen zusammentrommelt, Andenken sammelt, Gedenkfeiern veranstaltet. Vielleicht rekonstruiert er den abenteuerlichsten Teil seiner Lebensgeschichte deshalb so genau, weil er ihn damals nicht erleben konnte. Er war ja noch gar nicht geboren. Zu den wertvollsten Hinterlassenschaften seines Vaters zählt ein Tagebuch, geschrieben während der Überfahrt übers Mittelmeer. Cwi Chatkewicz hat es als Büchlein veröffentlicht und ein Exemplar der israelischen Holocaustgedenk­stätte Yad Vashem geschenkt.

Von den toten Kindern hat Chatkewicz schon Hunderte Male erzählt. Er wirkt noch immer ergriffen

Eines beschäftigt Cwi Chatkewicz ganz besonders, wenn er von der "Exodus" erzählt, so auch jetzt beim Empfang in Wilhelmshaven-Sengwarden: das Schicksal der schwangeren Frauen an Bord. Auch seine Mutter war ja schwanger. Mit ihm.

 Cwi Chatkewicz fand seine Geburtsurkunde im Einwohnermeldeamt WilhelmshavenZvi Hat

Eine Frau, so Chatkewicz, lag in Wehen in einem französischen Krankenhaus, als sie von der bevorstehenden Abfahrt der "­Exodus" erfuhr. Sie eilte zum Hafen, gebar das Kind an Bord – und starb. Stillende Mütter versuchten das Kind durchzufüttern, vergebens. Ein weiteres Neugeborenes und seine Mutter ­starben im Golf von Biscaya auf dem Weg nach ­Hamburg. "Die Schiffe hielten an. ­Britische Soldaten salutierten an Bord, als man die Leichname in der See bestattete", sagt Chatkewicz. Er hat es Hunderte Male erzählt. Er wirkt noch immer ergriffen.

Die Zeitzeugin aus dem Sengwardener Empfangskomitee heißt Gerda Reese. Sie ist die Schwiegertochter des örtlichen Bäckers, eingeheiratet just zu der Zeit, als die "Exodus"-­Passagiere in die Kaserne nebenan einzogen. Sie erzählt von den jungen Juden, die ihr Brot in der Bäckerei abbuken, weil es in der ­Kaserne keine Öfen gab. Gerda Reese führt durch den Hintereingang, jetzt eine Wäscheterrasse, in die ehemalige Backstube, jetzt ihr Wohn­zimmer. So kamen auch die "Exo­dus"-Leute in die Bäckerei. Sie sollten den Kundenverkehr vorne nicht stören. Cwi Chatkewicz schweigt. Vielleicht gehörte sein Vater ja zu denen, die den Brotteig hierher trugen.

 Die Exodus 1947, nachdem sie von der Royal Navy in den Hafen gebracht wurde. Auf dem Foto ist die beschädigte Seite des Schiffes zu sehenSZ Photo/United Archives

Nach dem Besuch in der Kaserne sagt Chatkewicz: "Hier schließt sich der Kreis."

Der Militärpfarrer aus der Delegation hat die Sondergenehmigung für einen Besuch auf dem Kasernengelände eingeholt. Die Kasernen sehen von außen noch so aus wie damals nach dem Krieg. Hier kamen seine Eltern im August 1947 an. Und hier tanzten die Leute, als sie vom UN-Teilungsbeschluss für Palästina hörten. Seine Eltern bekamen den Jubel nicht mit. Sie waren an dem Tag in einem Wilhelms­havener Krankenhaus und bekamen ihr erstes Kind: Cwi Jehuda.

In dieser Kaserne unterrichtete sein ­Vater Hebräisch, um die Migranten für das ­Leben im künftigen Israel vorzubereiten. Acht ­Monate verbrachten seine Eltern und 1500 weitere Passagiere der "Exodus" hier, erlebten Israels Gründung, den Ausbruch des Unabhängigkeitskrieges, die deutsche Währungsreform. Dann machten sie sich ein zweites Mal auf den Weg. Cwi Chatkewicz wuchs im neugegründeten Staat Israel auf.

Auf dem Rückweg nach Sengwarden läuft Cwi Chatkewicz schweigend voraus. Er muss einen Augenblick für sich sein. Woran er wohl gerade auf dem Kasernengelände gedacht hat? Er überlegt. Dann sagt er: "Hier schließt sich der Kreis. Ich spürte in der Kaserne, wie ­meine Eltern mit mir gingen. Vor 30 Jahren hätte ich sie noch danach fragen können. Aber damals hätte es mir vermutlich weniger bedeutet als heute."

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