Junge Menschen über Glaube, Kirche und Religion

"Mein Glaube hat den Anspruch an mich selbst geändert"
Jessica Brautzsch, Tim Eder, Peter Meiers

Privat [M]

Jessica Brautzsch, Tim Eder, Peter Meiers (v.l.n.r)

Drei junge Erwachsen erzählen, was ihnen Glaube, Religion und Nächstenliebe bedeutet und warum sich die Kirche schwer tut, modern zu sein.

Jessica Brautzsch, 30 Jahre, wohnt in Leipzig, hat sich mit 27 taufen lassen.

Ich bin nicht in einer christlichen Familie groß geworden. Trotzdem wurde mir das alles näher gebracht: Wer ist Jesus? Welche berühmten Bibelgeschichten gibt es? Als Kind fand ich das interessant, die Bibel ist ja auch sehr dramatisch. Im Gymnasium war ich dann eher kontra eingestellt. Und es gefällt mir immer noch nicht, wenn die Kirche zu zeigen versucht, wie cool der Glaube ist. Anfang 2015 war meine Großmutter gestorben. Zu Ostern hatte ich eher zufällig eine Freundin in den Gottesdienst begleitet, und die Predigt dort hat mich beeindruckt.

Dieser Gedanke, dass es ein Wiedersehen nach dem Tod gibt, hat mich extrem getröstet. Ich beschloss, mich mit dem Glauben auseinanderzusetzen und erst danach zu urteilen. Was würde es bedeuten, wenn die Geschichten in der Bibel stimmen? Wenn es die Gnade Gottes gibt, wenn nicht alles in unserer Hand liegt? Das waren entlastende Gedanken. Die Taufe hat mich nicht verändert, aber das hatte ich auch nicht erwartet. Das war nur noch fürs Protokoll. Heute gehe ich dreimal im Monat in die Kirche. Mir tut das gut.

Ich brauche es auch nicht verkitscht und verkürzt auf "Jesus liebt dich", denn es geht um viel mehr als das – jedenfalls für mich. Die Kirche fragt sich die ganze Zeit, warum verlieren wir so viele Leute? Sie will "modern" sein, aber das ist, wie es in der Social­-Media­-Sprache heißt, nicht authentisch. Mein Glaube hat auch meinen Anspruch an mich selbst geändert. Nächstenliebe, Vergebung: Das ist sehr schwer. Aber ich versuche es. Das ist für mich Christentum.

Tim Eder, 19 Jahre, wohnt in Karlsfeld bei München. Er studiert Politikwissenschaft in München.

Lagerfeuer, Geländespiel, Schlafsäcke. Seit ich acht Jahre alt war, fahre ich in den Pfingstferien ins Kinderzeltlager in Königsdorf. Erst als Teilnehmer, jetzt als Leiter. Mit meinen älteren Geschwistern bin ich da so reingewachsen. Für viele Kinder ist das die einzige Möglichkeit, mal den ganzen Kram zu Hause hinter sich zu lassen. Natürlich erwarten wir dafür keine Gegenleistung, das ist das Evangelische an dieser Jugendarbeit. Ich denke, dass "Nächstenliebe" außerhalb einfach nicht so tief verankert wäre.

Woran ich glaube? In Gesprächen mit Bekannten höre ich oft: Kirche, das ist doch Schwachsinn. In der evangelischen Jugend höre und sehe ich dann das Gegenteil. Ich hab da für mich noch nicht die richtige Antwort gefunden, aber jetzt, wo ich mich frage, wie es in meinem Leben weitergeht, geben mir Momente der Besinnung und das Nachdenken über Gott irgendwie Hoffnung. Und Trost, zum Beispiel, als meine Bewerbung an der Musikhochschule nicht geklappt hat.

Ein Ort, an dem ich gut über all das nachdenken kann, ist Taizé. In dem kleinen Ort in Frankreich treffen sich Jugendliche rund um ein Kloster. Eine Woche lang ist man raus aus dem Alltag und hat einen Tagesablauf, der Zeit für Gespräche, Gedanken und Gottesdienst lässt. Zu Hause gehe ich eigentlich nur Weihnachten und Ostern in die Kirche.

Peter Meiers, 22 Jahre, kommt aus Hannover. Er macht eine Ausbildung zum Notfallsanitäter.

Ich war auf einer Waldorfschule, in der ersten Klasse wurde uns erzählt, dass Gott die Erde erschaffen habe. Das war mir sofort fremd, weil meine Eltern Ärzte sind und mir das alles wissenschaftlich erklärt haben. Mein Vater ist überhaupt nicht gläubig. Meine Mutter hatte damals einen Partner, der zwar religiös war, wir haben auch vor dem Essen gebetet, aber das war ungewohnt. Ich habe Religion immer reduziert auf die Fragen: "Wie wurde die Welt geschaffen?" und "Was passiert nach dem Tod?" Erst mit etwa 16, als wir im Religionsunterricht über den Glauben und unsere Gedanken dazu gesprochen haben, begriff ich, dass es für Gläubige dabei um mehr geht.

Dass der Glaube im Leben derer, die ihn verinnerlichen, viel verändern kann. Heute verstehe ich Menschen, die glauben, besser. Ich weiß, unter anderem durch Gespräche mit einem befreundeten Propst, dass Religion auch modern sein kann. Außerdem hat meine Mutter vor kurzem evangelisch geheiratet, und ich habe gemerkt, dass die Ehe durch Religion eine ganz neue Bedeutung bekommen kann: Gott ist da mit im Bunde, die sind sozusagen zu dritt.

Für mich kann ich mir trotzdem keine kirchliche Hochzeit vorstellen. Es wäre mir, meiner Partnerin und der Kirche gegenüber falsch, wenn ich nicht dahinterstehe. Ich bin eher naturwissenschaftlich geprägt, das passt für mich nicht mit etwas Überirdischem zusammen. Trotzdem finde ich, dass der Glaube viel Gutes hat. Ich freue mich sogar für Gläubige, wenn sie daraus Kraft ziehen können – für mich selbst kommt das jedoch nicht infrage.

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