Lernen von der Diakonie: Armut auf der Straße

"Ich kann ja nicht so tun, als
 sähe ich die Armut nicht"
Roland Meier

Dominik Asbach

Roland Meier leitet den Fachbereich Wohnungslosenhilfe und Sozialpsychatrie beim Diakoniewerk Duisburg

Roland Meier, Diakonie Duisburg

Menschen aus der Diakonie helfen weiter. Diesmal bei dem 
Dilemma mit den Bettlern. Soll man ihnen Geld geben?

chrismon: Neulich sprach mich ein Mann am Bahnhof an. Er wollte einen Euro für ein Bahnticket zu seiner Schwes­ter. Er hatte glasige Augen, sprach undeutlich. Ich gab ihm nichts. Er kauft sich doch nur Drogen davon, oder?

Roland Meier: Vielleicht stimmt seine Geschichte aber auch.

Ich hätte ja mit ihm ein Ticket ziehen können.

So wie manche Leute mit einem Bettler zum Bäcker gehen? Wo der sich dann ein Wurst- oder Käsebrötchen aussuchen darf?

Ja. Ist das schlimm?

Ich finde das entwürdigend. Wenn Sie einem Bettler Geld geben, ist das keine zweckgebundene Spende. Er ist eine erwachsene Person, kein unmündiges Kind.

Roland Meier

Roland Meier leitet die Fachbereiche Wohnungslosenhilfe und Sozialpsychiatrie im Diakoniewerk Duisburg GmbH.
Dominik AsbachRoland Meier, Diakonie Duisburg

Aber ich will keine Drogensucht finanzieren.

Ich auch nicht. Aber trotzdem ­würde ich einem Suchtkranken auch mal Geld geben. Er steht ­unter einem enormen Druck, und wenn er das Geld für den Stoff nicht so zusammenkriegt, klaut er es irgendwo. Unsere Gesellschaft hat sich mit der Einführung von Hartz IV verändert. Einige Menschen fallen wirklich durchs Netz.

Ich komme täglich an 30 Bettlern und Bettlerinnen vorbei, mindestens. Wem gebe ich was?

Gehen Sie nach Ihrem Gefühl. Ich zum Beispiel honoriere gern Leute, die Bilder malen, Flöte spielen, eine Obdachlosenzeitschrift verkaufen. Einmal sah ich eine Frau in Mülleimern wühlen, sie war bestimmt achtzig. Ich hab ihr zwei Euro gegeben. Sie können nicht allen gerecht werden. Das bleibt die Aufgabe des Staates.

Woran erkenne ich organisierte Banden?

Manchmal werde ich stutzig, wenn Leute besonders aufdringlich sind oder eine junge, gesunde Frau über Jahre hinweg bettelt. Das könnte ein Indiz sein. Muss aber nicht. Als Fachmann spreche ich mit vielen Bettlern über Hilfs­angebote, da erfahre ich einiges. Als Laie ist das schwer, sicher zu sein. Aber auch hier sage ich: Wenn Sie ein schlechtes Gefühl haben, dann geben Sie nichts.

Vielleicht ist es doch das Einfachste, Nein zu allen zu sagen?

Es gibt immer mehr Armut in Deutschland, jeder muss sich dazu irgendwie verhalten. Ich für meinen Teil, als Christ und Humanist, will nicht einfach an allen Bettlern vorbeilaufen und so tun, als sähe ich sie nicht. Das fühlt sich auch für mich nicht gut an.

Infobox

lm Diakoniewerk Duisburg beraten 51 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Menschen, die ohne Wohnung sind. Sie üben sogar Wohnen: im Gruppenorientierten sozialen Lebenstraining (GSL).

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Lesermeinungen

Zu dem oben genannten Artikel von
Roland Meier im Septemberheft von Chrismon
gibt es ein grossartiges Bibelwort:

Jesus sagt: 'Was ihr dem geringsten unter meinen
Bruedern getan habt, das habt ihr mir getan.'

Da kann man an keinem Bettler vorbei gehen ohne ihm
etwas zu geben.

Unser soziales Auffangnetz ist Gott sei Dank sehr eng geknüpft. Sie schreiben, seit HARTZIV fallen einige Menschen "wirklich durchs Netz". Wo müssen wir noch nachbessern? Da bitte ich um genaue Information.

Zum Schluß wird gesagt, es gäbe "immer mehr Armut in Deutschland". Bei Fachkräftemangel, Grundsicherung im Alter und nahezu Vollbeschäftigung wundert mich das. Menschen strömen in unser gut aufgestelltes Land um am Wohlstand teilzuhaben. Armut gibt es wohl noch, aber wirklich "immer mehr"? Die Armut geht weltweit zurück, ausgerechnet in Deutschland gibt es immer mehr?

Im traditionell sozialen Wien höre ich Durchsagen in den Öffis, man solle Bettlern keinesfalls etwas geben sondern karitativen Organisationen spenden.

Zum Beispiel der Diakonie! Das tue ich gerne. Sie helfen doch hoffentlich auch Suchtkranken, damit die nicht klauen müssen?