Vom Sinn einer Heiligen Schrift

Wozu braucht man die Bibel?
Religion für Einsteiger - Wozu braucht man die Bibel

Lisa Rienermann

Religion für Einsteiger - Wozu braucht man die Bibel

Um sich verwandeln zu lassen. Wer in der Bibel liest, führt ein Gespräch über die Generationen hinweg.

Vorgelesen: Religion für Einsteiger "Wozu braucht man die Bibel?"

"Wozu sich die Mühe machen und die Bibel interpretieren?", fragte der Biologe Richard Dawkins während einer öffent­lichen Debatte in der Oxford University. "Warum nicht über Moral und Spiri­tualität auf dem Wissensstand unserer Zeit reden?" Dawkins wollte es wirklich wissen. Er bekam keine Antwort.

Wozu der Umweg über uralte Literatur? Die Antwort ist schlicht: Wer die Bibel liest, führt ein Gespräch über die Generationen hinweg. Er oder sie versucht, die Gedanken von Menschen zu verstehen, die nicht mehr leben, deren Welt nicht mehr existiert, deren Kultur gänzlich unbekannt ist. Er oder sie taucht in andere Welten ab und lernt, die eigene Welt in einem neuen Licht zu sehen.

Ein Beispiel: Die ältesten Erzählungen des Alten Testaments spielen in einer anarchischen Welt, in der Stämme ihre Belange regelten und außerhalb der Sippe das Faustrecht galt. Sie geben einen Einblick in die Abgründe der Anarchie. Und sie erzählen, wie mühsam es war, in dieser Welt das Recht zu etablieren. Sie ­führen noch heute vor Augen, wie wichtig ein weltweit gültiges Recht für den gesellschaftlichen und für den internationalen Frieden ist.

Das Abarbeiten an der Bibel hat einen ungeheuren kulturellen Reichtum hervorgebracht

Erst die Erfindung der Schrift ermöglichte das Gespräch über die Generationen hinweg. Buchstaben halten starr fest, was sonst in der mündlichen Überlieferung wandelbar und anpassungsfähig ist: Erzählungen, Gesetze, Briefe, Spruchweisheiten, Lieder. In der Bibel sind viele solcher 
Texte gesammelt. Bibeln waren kostbare Bücher, sie wurden vererbt. Pro-
fessionelle Schreiber und Mönche schrieben sie ab. Aber je länger die ­Autoren der biblischen Texte tot ­waren, desto rätselhafter erschienen ihre Gedanken. Die Nachgeborenen kannten weder die Umstände, unter denen sie geschrieben hatten, noch die Leute, von denen sie erzählten.

Der Prophet Jesaja kündigte in ­einer politischen Krise an, eine junge Frau werde einen Königssohn gebären (Jesaja 7). Jahrhunderte später ­wussten die Menschen nichts mehr von der ­Krise. Sie bezogen die ausdrucks­starken Bilder auf sich. Ein kreatives Missverständnis: Sie glaubten, ­Jesaja kündige an, eine Jungfrau werde ­einen göttlichen Retter zur Welt ­bringen. Die Deutung befeuerte eine verbreitete messianische Hoffnung.

Auch Deutungen sind wandelbar. Etwa bei dieser Erzählung: Ein Gott verlangt vom frommen Abraham, das eigene Kind zu opfern. Dann ändert er seine Meinung. Ursprünglich war ­diese alte Erzählung wohl ein Manifest gegen Menschenopfer. Erst als Menschenopfer längst abgeschafft waren, sah man in ihr einen Gehorsamstest. Gott verlangt Abraham ­etwas Unmögliches ab: seinen Sohn zu töten. Gott sieht, wie weit Abrahams Gehorsam geht, und wendet die grausame Tat ab. Wieder späteren Generationen war solcher Kadavergehorsam suspekt. Sie 
deuteten die Geschichte als Zielkonflikt zwischen Eltern- und Gottes­liebe, als ethisches Dilemma. Weil man der Geschichte stets aufs Neue auf den Grund kommen wollte, ergaben sich ganz neue Überlegungen.

Für Evolutionsbiologen sollte das Argument genügen, für Theologen nicht

Die Bibel hat über die Jahrhunderte immer wieder neue Gedanken angestoßen. Sie hat einen ungeheuren kulturellen Reichtum hervorgebracht. Sie bildete in Lebensfragen und regte dazu an, ethische Probleme zu durchdenken. Für einen Evolutionsbio­logen sollte das schon als Argument ge­nügen.

Für Theologen reicht das allerdings nicht. Sie fragen: Was unterscheidet biblische Texte von x-beliebiger alt­orientalischer Literatur? Die biblischen Texte kommunizieren das Evangelium, die Leben schaffende und Wunden heilende Gegenwart Gottes, antwortet der Theologe und Ethiker Ingolf U. Dalferth in seinem neuen Buch "Wirkendes Wort" (Evangelische Verlagsanstalt).

Christen betrachten die Aus­legungsgeschichte der Bibel nicht von außen. Sie erleben sie von innen. Sie glauben, dass mit Jesus von Nazareth Gott den Menschen nahekam und ­weiterhin nahekommt. Sie lassen sich von dem tragen, was Zeugen damals über diesen Jesus von Nazareth er­zählten. Sie lassen sich von der Hoffnung, die von diesen Erzählungen aus-
geht, stärken. Sie setzen auf ihre verwandelnde Kraft.

Infobox

Wer die Debatte des Biologen Richard Dawkins und des damaligen Erzbischofs von Canterbury Rowan Williams auf Englisch nachschauen möchte, findet sie als Video auf Youtube. Dawkins stellt die Frage nach dem Nutzen der Bibel etwa zwischen Minute 1:10:20 und 1:11:25.

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Lesermeinungen

Es ist an der Zeit, diese Frage einmal zu stellen und über die Bedeutung der Bibel heutzutage nachzudenken.
Schließlich leben wir in einem von christlicher Kultur geprägten Land. Dazu gehört auch, dass man dem bekanntesten Buch der Welt den ihm gebührenden Stellenwert zukommen lässt und nötiges Hintergrundwissen darüber vermittelt wird. So wird es eher möglich, Menschen für die Bibel zu begeistern.
Nach meinen langjährigen Erfahrungen mit Grundschülern im Religionsunterricht sind vor allem Kinder an biblischen Geschichten interessiert. So frage mich einmal ein Zweitklässler: „ Wann kommst du mal wieder in unsere Klasse und erzählst uns von dem tollen Mann?“ Er meinte Jesus, der die Menschen liebt und ihnen sagt, was gut und böse ist und wie man friedlich miteinander lebt.
An diese Aussagen werde ich erinnert, wenn ich folgende Worte aus dem letzten Abschnitt des Artikels lese: Christen „glauben, dass mit Jesus von Nazareth Gott den Menschen nahekam….Sie lassen sich von der Hoffnung, die von diesen Erzählungen ausgeht, stärken.“

Wenn in dem oben genannten Artikel das Wesentlichen nicht erwähnt wird, was Juden und Christen von der Bibel glauben, dass sie nämlich Gottes Wort (im Menschenwort) ist und sich nicht darum bemüht wird, das für die heutige Zeit zu erklären, dann kann ich nur sagen. schlimmer gehts nimmer!

Sehr geehrter Herr Hoffmann, Sie vermissen im Artikel den Hinweis darauf, dass es sich bei der Bibel um Gottes Wort handle. Sie haben recht, diese Formulierung findet sich nirgends.

Wenn ich Einsteiger in die Religion wäre, also zum Zielpublikum gehören würde, würde dieser Hinweis bei mir allerdings sofort die Frage nach sich ziehen, was denn Gott, wenn er sich schon als literarischer Autor betätigt, denn so anderes als die vielen nichtgöttlichen Autoren zu schreiben weiß.

Und genau auf diese Frage gibt der Artikel doch bemerkenswerte Antworten. "Wer die Bibel liest, führt ein Gespräch über die Generationen hinweg." Ein Buch lesen ist so ziemlich das glatte Gegenteil eines Gespräches. Wenn es bei der Bibel gerade anders sein soll, kann das nur an geheimnisvollem göttlichen Wirken liegen.

Dieses Gespräch soll dann sogar noch mit Menschen erfolgen, die schon seit Jahrhunderten oder Jahrtausenden tot sind. Das ist mir noch nie gelungen. Also auch hier ein klarer Hinweis auf massive jenseitige Eingriffe.

Weiters lese ich: "Für Evolutionsbiologen sollte das Argument genügen, für Theologen nicht." In den nichtgöttlichen Gefilden sollte ein Argument der besprochenen Sache und den bisher vorgetragenen Argumenten genügen. Es entspringt höheren Sphären, wenn die Gültigkeit eines Arguments davon abhängen soll, ob es gegenüber dem Ex-Erzbischof von Canterbury oder dem ehemaligen Inhaber eines Lehrstuhls für allgemeines (public) Wissenschaftsverständnis geäußert wird.

Sie merken: Gott ist nicht nur dort drin, wo Gott drauf steht. Da hätte man es einfach.

Thea Schmid