Arnd Brummer über die Beliebtheit royaler Hochzeiten

Alleinherrscher? Total uncool!
Während einer Royal Wedding schwimmen auch Demokraten gerne in blauem Blut. Aber brauchen wir dieses Theater in Deutschland auch?

Nach der royalen Hochzeit in Großbritannien, für ZDF und RTL wahrlich ein ­"Quotenhit", fragte der TV-Kanal ProSieben seine Zuschauer per TED-Abstimmung: "Hätten Sie in Deutschland auch gern eine Monarchie?" Die Zahl der Abstimmenden blieb mit knapp 500 Anrufen bescheiden. Immerhin rund 
50 Prozent wählten "Ja, wäre cool!", 43 Prozent "Nein, danke!".

Arnd Brummer

Arnd Brummer ist  geschäftsführender Herausgeber von chrismon. Von der ersten Ausgabe des Magazins im Oktober 2000 bis Ende 2017 wirkte er als Chefredakteur. Nach einem Tageszeitungsvolontariat beim "Schwarzwälder Boten" arbeitete er als Kultur- und Politikredakteur bei mehreren Tageszeitungen, leitete eine Radiostation und berichtete aus der damaligen Bundeshauptstadt Bonn als Korrespondent über Außen-, Verteidigungs- und Gesellschaftspolitik. Seit seinem Wechsel in die Chefredaktion des "Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatts", dem Vorgänger von chrismon im Jahr 1991, widmet er sich zudem grundsätzlichen Fragen zum Verhältnis Kirche-Staat sowie Kirche-Gesellschaft. Seine besondere Aufmerksamkeit gilt kulturwissenschaftlichen und religionssoziologischen Themen. Brummer schrieb ein Buch über die Reform des Gesundheitswesens und ist Herausgeber mehrerer Bücher zur Reform von Kirche und Diakonie. 
Lena Uphoff

Dass fast zehn Millionen Zuschauer live verfolgten, wie Prinz Harry und Meghan Markle einander das Jawort gaben, muss Freunde der parlamentarischen Demokratie nicht in Panik versetzen. Die meisten Leute haben sich einfach an der britischen Seifenoper erfreut. Dass der altgriechische Begriff "Monarchie" übersetzt "Alleinherrschaft" bedeutet, löst rund 100 Jahre nach dem schaurigen Ende des deutschen Kaiserreiches unter den Menschen hierzulande gerade noch ein Achselzucken zwischen "Egal" und "Ist doch nur Spaß" aus. Die wahren "Monarchen" heißen heute Erdogan, Putin oder Kim. ­Gemessen an diesen "Herren" sind die Oberhäupter des Vereinigten ­Königreiches Großbritannien und Nord­irland schon seit Generationen nur mehr machtlose Darsteller von Prunk und Protz. Aber die Tragödien und Komödien ihres Familienlebens waren und bleiben offensichtlich 
Gegenstand weltweiten Interesses.

Ich bin heilfroh, dass die Bundes­republik ohne diese Form der Inszenierung auskommt

Ernst und ruhig verfolgte Königin Elizabeth II., gerade 92 Jahre alt geworden, die Hochzeit des Enkels mit der geschiedenen US-Amerikanerin Meghan. Dass ihr Onkel Edward 1936 nach einem halben Jahr auf dem Thron abdankte, weil er mit Wallis Simpson ebenfalls eine geschiedene Frau aus den Staaten ehelich wollte, wird ihr durch den Kopf gegangen sein. Hatte die Entscheidung Edwards doch ihrem Vater George und ihr als Thronfolgerin die Krone beschert.

Für diese uralte Story aus dem ­Hause Windsor war beim TV-Entertainment "rund um die Wedding" (O-Ton RTL) kaum Zeit. Zu sehr beschäftigte das Entertainment ­Leben, Lieben und Sterben von ­Harrys ­Mutter "Lady Di". Für britische PR-
Experten mag die "Monarchie" ein Segen sein. Sie überstrahlt die reale Politik, ohne deren demokratisch ­legitimierte Regierung in irgendeiner Weise zu beinträchtigen.

Es sind zwei Welten unter ­einer Flagge. An einer königlichen Hochzeit können sich auch jene in der ­weiten Welt begeistern, die den ­Brexit ab­lehnen. Gemüt und Verstand ­schöpfen aus unterschiedlichen ­Quellen. Dennoch bin ich heilfroh, dass die Bundes­republik Deutschland ohne diese Form der Inszenierung auskommt. Nein, stimmt nicht ganz. 
In Karneval und Fassnacht spielen die Prinzen und ihre Garden eine wichtige Rolle. Und der Adel der Sorte "Tut- und Taugtnix" darf ­wenigstens in den Regenbogengazetten noch sein blaues Blut durch Schlösser und Burgen wallen lassen.

Für ­öffentliche Kurzweil sind in Demokratien Opernhäuser und Theater zuständig

Spaß muss sein. Aber nicht in Staat und Politik. Auch wenn US-­Präsident Donald Trump Tag für Tag das Gegenteil zu beweisen versucht. Ich finde es keineswegs "uncool", dass Menschen wie Frank-Walter Steinmeier und Angela Merkel unser Land repräsentieren. Ihre Normalität und ihr rationales Handeln müssen nicht für öffentliche Kurzweil sorgen. Dafür sind Opernhäuser, Theater und Konzertsäle die richtigen Orte.

Während ich diesen Satz schreibe, geht mir allerdings durch den Kopf, woher die Stoffe stammen, die wir uns dort präsentieren lassen. King Lear, Aida, Zar und Zimmermann, Othello oder der Ring des Nibelungen spielen nicht in Küchen und Schlafzimmern von "Normalbürgern". Die Autoren und Komponisten ließen ­ihre Dramen und Komödien dort spielen, wo heute die royale Wirklichkeit die Fantasie der "gemeinen Leute" beflügelt. Ja, ist cool!

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Lesermeinungen

Mehr als eine Milliarde Menschen habe, hieß es, die Hochzeit in Windsor am Fernsehen verfolgt. Nach der Lektüre Ihres Textes frage ich mich, ob Ihnen klar ist, dass diese vielen Menschen einen GOTTESDIENST sahen? Sie haben Texte aus der Heiligen Schrift gehört, eine Predigt, liturgische Gesänge. Wohl haben sie nicht deswegen eingeschaltet, – aber sie sind drangeblieben. Was eine Chance für die christlichen Kirchen! Oder?
Gefeiert wurde, bei allen Nuancen, die man anbringen könnte, eine Hochzeit, also die FAMILIE, - in einer Zeit, in der alle Bindungen bedroht sind. Es wird also eine Botschaft transportiert, die den Kirchen sehr am Herzen liegt, – und Sie finden nichts Besseres zu tun, als sich hochnäsig zu distanzieren („britische Seifenoper“)? Vielleicht sollten die vereinigten protestantischen Kirchen sich zusammentun und dem Brautpaar einen sehr, sehr großen Blumenstrauß schicken als Dank für diese Werbung. Sie, lieber, werter Herr, könnten ihn überbringen.
„Machtlose Darsteller von Prunk und Protz“? Wäre es nicht einen Gedanken wert, dass die Königin von England GESALBT ist, also bei ihrer Krönung von Geistlichen der protestantischen Kirchen in einem gewissen Sinn dem HEILIGEN zugeordnet wurde? Braucht eine Gesellschaft das Heilige, ja oder nein? Und was ist in Deutschland heilig? Bis vor 14 Tagen eine Fußballmannschaft! Ist das wirklich besser? Und jetzt? Der Bundespräsident? Die Verfassung? Wem schenkt das Volk sein Herz? Für wen und was tritt es ein? Für GRENZEN??
Ist die Königin Elisabeth Darstellerin von Prunk und Protz – oder Darstellerin von Pflichterfüllung, Verzicht auf laute, rücksichtslose Selbstverwirklichung, Treue? Sind diese Werte obsolet?
Ist die Monarchie damit erschöpfend beschrieben, dass sie die „demokratisch legitimierte Regierung“ nicht beeinträchtigt? Ist zwischen beiden Institutionen nicht mehr? Etliche Staaten in Europa scheinen das zu ahnen und davon zu leben, dass die Monarchie von einer Regierungsform zu einem Symbol wurde und dass dieser Transfer durchaus sein Gutes für die Gesellschaft haben kann.
Schließlich Ihr Wort vom „Adel der Sorte ‚Tut- und Taugtnix‘“ – Wirklich? Würden Sie so über Ausländer, Flüchtlinge, Frauen, Juden, Roma, Behinderte, andere Randgruppen sprechen? Erstaunlich, wie streng die wohldenkenden Menschen wie Sie sonst sprachliche Verstöße ahnden, sie aber in diesem einen Bereich, dem des Adels für jederzeit erlaubt halten. Die lockeren Reden des Kleinbürgers über die Guillotine der Französischen Revolution („geschieht ihnen recht“) gehören von jeher zum Grundbestand der Feuilleton- und Plauderwelt. Sie, werter Herr Brummer, helfen dazu, dass das so bleibt.
Kurz, ein rundum verdienstvoller Artikel in einem „christlichen“ Magazin.