Notfallseelsorge vor und nach Eschede

"Wir bleiben, wenn andere wieder gehen müssen"
Polizisten und ein Notfallseelsorger stehen an einer Absperrung vor einer Berufsschule in Ludwigshafen

Boris Rössler/picture alliance/dpa

Im Ernstfall vor Ort: Die Notfallseelsorger

Polizisten und ein Notfallseelsorger stehen an einer Absperrung vor einer Berufsschule in Ludwigshafen am Donnerstag (18.02.2010). Ein Lehrer ist in der Berufsschule getötet worden. Ein 23-Jähriger wurde als mutmaßlicher Täter festgenommen, wie die Polizei mitteilte. Er soll mehrere Lehrer angegriffen haben. Weitere Verletzte gab es aber nach ersten Erkenntnissen nicht.

Bei Katastrophen wie in ­Eschede kümmern sie sich um Opfer und Helfer. Doch solche Großeinsätze sind selten. Meistens leisten Notfallseelsorger einzelnen Menschen Beistand in den ganz schweren Stunden

Würde die Notfallseelsorge anders agieren, wenn sich ein Unglück wie in Eschede heute wiederholt?

Joachim Wittchen: Ja, einiges würde vermutlich anders laufen, es gäbe auch mehr Kräfte am Unfallort, weil alle Organisationen, die mit Notfallseelsorge und Krisenintervention zu tun haben, heute anders aufgestellt sind als vor 20 Jahren. Das heißt aber nicht, dass der Einsatz der Seelsorger in Eschede unprofessionell war, im Gegenteil: Etwa 70 Pfarrerinnen und Pfarrer, Diakoninnen und Diakone waren dort in der akuten Phase der Rettungs- und Bergungsarbeiten vor Ort. Aber damals waren die psychosozialen Belastungen bei Einsatz­kräften noch gar nicht so im Blick wie jetzt. Heute haben wir in der Landes­kirche Hannovers 54 Notfallseelsorge­systeme, die in den Kirchenkreisen verteilt sind. Dort arbeiten etwas mehr als 1000 Menschen mit, davon sind 100 Ehrenamtliche. Die anderen 900 sind Geistliche, Diakone, Pastorinnen oder Pastoralreferenten, die zusätzlich zu ihrem Hauptamt Aufgaben in der Notfallseelsorge übernehmen und im Einsatzfall alarmiert werden – das ist ein flächendeckendes System, das es vor 20 Jahren so noch nicht gab. Dazu kommen noch die Kriseninterventionsteams der Hilfsorganisationen, mit denen wir ko­operieren.

"Die Regel sind Einsätze im häuslichen Bereich."

Wann weiß ein Notfallseelsorger, dass er zum Einsatz muss?

Wenn ein Unfall passiert, alarmieren die Leitstellen von Feuerwehr und ­Polizei die Notfallseelsorge. Dann muss man sich anschauen, was los ist, und entscheiden, ob noch Hilfe benötigt wird. Wenn das so ist, ­würden Kräfte nachalarmiert – immer in Rückbindung zur Einsatzleitung vor Ort. So baut sich ein Einsatz auf. Im Extremfall kämen bei einer Großschadenslage wie in Eschede nach und nach Notfallseelsorger aus den Nachbarkirchenkreisen an den Unglücksort – auch um erschöpfte Kräfte abzulösen. Aber das passiert zum Glück nur sehr selten. Wir hatten im vergangenen Jahr in unserer Landeskirche 1689 Einsätze für die Notfallseelsorge. In 1266 Fällen sind wir zu den Menschen nach Hause gegangen. Nur 423 Einsätze waren im öffent­lichen Bereich, etwa nach schweren Verkehrsunfällen. Das prägt das Bild der Notfallseelsorge. Die Regel sind Einsätze im innerhäuslichen Bereich.

Wie handelt ein Notfallseelsorger, wenn ein Rettungseinsatz läuft?

Die Rettung der Menschen hat immer Priorität! Kein Notfallseelsorger geht in den ungesicherten Bereich einer Einsatzstelle. Normalerweise wird es so sein, dass man Augenzeugen und Leichtverletzte in einen geschützten Raum bringt. Dort findet man heraus, was die Betroffenen brauchen – mit der Frage, die in der Notfallseelsorge immer am wichtigsten ist: "Was kann ich jetzt für Sie tun?" An dieser Haltung entscheidet sich viel. Die falsche Aussage wäre dagegen: "Ich weiß, was gut für Sie ist." Manchmal treffen wir auf Menschen, die schockiert sind. Eine Ansprache erreicht sie gar nicht. Dann setzen wir uns dazu, sorgen für eine Decke und etwas zu trinken.

Joachim Wittchen

Joachim Wittchen ist Pastor und ­Beauftragter für Notfallseelsorge in der Evangelisch-­lutherischen Landes­kirche ­Hannovers. Im Ehren­amt ist er ­aktives Mitglied ­einer freiwilligen Feuerwehr - als Fachberater ­Seelsorge in der Kreisfeuerwehr Hameln-Pyrmont.
Zentrum für Seelsorge der Ev.-Luth. Landeskirche Hannover

Was ist bei Einsätzen im innerhäuslichen Bereich geschehen?

So ein Einsatz kann unterschiedliche Gründe haben, der Suizid eines Angehörigen, ein Vermisstenfall, ein ­Gewaltverbrechen. Oft ist ein Mensch tödlich verunglückt oder plötzlich ­unterwegs verstorben. Die Polizei überbringt die Todesnachricht an Angehörige. Viele Polizeidienststellen holen sich dafür die Unterstützung der Notfallseelsorge. Auch das geht über die Leitstelle, sie ruft den diensthabenden Notfallseelsorger an, der meldet sich bei der Polizeidienststelle. Dort gibt es meist eine kurze Besprechung. Dann macht man sich gemeinsam auf den Weg. Idealer­weise sind die Rollen klar verteilt: Die Polizei überbringt die Todesnachricht und vermittelt die wichtigsten Sachinformationen: Was ist passiert? Wo ist der Verstorbene? Was lässt sich über den Unfallhergang sagen? Nach einer gewissen Zeit fährt die ­Polizei wieder. Dann setzt die eigentliche Betreuung ein. Der Notfallseelsorger kann bleiben, wenn andere wieder gehen müssen.

 "Nichts ist mehr so, wie es vor eini­gen Minuten noch war."

Was machen Sie dann?

Wir arbeiten in einem methodischen Dreischritt, der uns sehr hilft. Als Ers­tes wollen wir die Menschen stabilisieren – ganz einfach dadurch, dass man nicht weggeht, dass man fragt, was die Menschen brauchen. Die zweite Phase ist die Orientierungsphase. Es geht für die Angehörigen darum zu realisieren, was überhaupt geschehen ist. Nichts ist mehr so, wie es vor eini­gen Minuten noch war. Das zu ver­stehen, braucht Zeit. Dann: Was sind die nächsten Schritte? Angehö­rige anrufen, Freunde benachrichtigen, den Bestatter informieren – dabei helfen wir. Im dritten Schritt unterstützen wir den Betroffenen, ihre eigenen Ressourcen zu aktivieren. Wenn Familien­-
angehörige und Freunde kommen, ist unser Einsatz fast zu Ende.

Eben noch saß eine Notfallseel­sorgerin am Schreibtisch, nun steht sie vor einer Famile, die jemanden verloren hat. Das muss belastend sein. Wer hilft Ihnen, den Helfern?

Wir haben Kolleginnen und Kollegen. Das ist das Wichtigste. Wir gehen zwar meistens allein in den Einsatz. Das ist auch so gewollt, weil das, was wir hören, unter das Seelsorgegeheimnis fällt. Ich hatte vor zwei Jahren ­einen Einsatz, der sehr schwierig für mich war. Unmittelbar danach habe ich ­einen Kollegen angerufen: Ich muss reden, nicht irgendwann, jetzt! Das haben wir gemacht, zwei Stunden lang. Was unsere Notfallseelsorger nicht machen sollten: ihre Familien nutzen, um unbearbeitete ­Ereignisse zu verarbeiten. Meine Frau weiß, wenn ich im Einsatz bin. Sie fragt hinterher auch, wie es mir geht. Aber sie muss nicht jedes Detail wissen. Dafür sind andere da. In unserer Landes­kirche bietet der pastoral­psychologische Dienst Supervision und Coaching an. Die Notfallseel­sorge ist inzwischen Teil des Zentrums für Seelsorge, was in der Nachbereitung vieles erleichtert. Wir haben ein großes Netzwerk, auf das wir zurückgreifen können.

"Es geht darum, dem Nächsten ein Nächster zu sein."

Die Bindung der Menschen zur ­Kirche lässt nach. Spüren Sie das?

Nein, im Einsatz nicht. Ich bin vor kurzem bei einer muslimischen Fami­lie gewesen, und auch dort ging es darum, dem Nächsten ein Nächster zu sein. Die Notfallseelsorge ist ein Angebot der Kirchen für alle Menschen, unabhängig von Konfession und Religion. Wenn mich die Leute fragen, woher ich komme, sage ich: Ich bin Pastor, ich komme von der Kirche. In fast 20 Jahren habe ich es nur ein einziges Mal erlebt, dass jemand sagte: "Mit Kirche kann ich nichts an­fangen, gehen Sie bitte!" Der Normalfall ist eine Dankbarkeit, dass überhaupt jemand da ist. Manchmal werde ich auch auf Glaubensfragen ange­sprochen. Oder darum gebeten, mit den Menschen ein Vaterunser zu ­sprechen.

Infobox

ICE 884 entgleiste, weil ein Radreifen brach. Am Vor­abend des Unglücks ­war im Münchener Betriebswerk ­aufgefallen, dass das Rad unrund lief. Es herrschte Zeitdruck, niemand ­ersetzte es. Der Eschede-Prozess ­wurde gegen Zahlung von je 10 000 Euro durch drei Angeklagte eingestellt, ­obwohl der Radtyp vor seiner Einführung 1992 offensichtlich unzureichend ­getestet worden war.

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