ICE-Unglück von Eschede

Ist Gott denn nicht allmächtig?
Hunderte von Helfern versuchen am 3.6.1998 im Wrack des verunglückten ICE 884 bei Eschede in der Nähe von Celle, Opfer des Zugunglücks zu bergen.

Ingo Wagner/dpa picture-alliance

Eine Trümmerwüste eingebrannt in die kollektive Erinnerung: Sieben der zwölf Wagen türmten sich an den Trümmern der eingestürzten Autobrücke auf

Hunderte von Helfern versuchen am 3.6.1998 im Wrack des verunglückten ICE 884 bei Eschede in der Nähe von Celle, Opfer des Zugunglücks zu bergen. Der Intercity-Express "Wilhelm Conrad Röntgen" von München nach Hamburg war mit etwa Tempo 200 gegen eine Brücke geprallt, die dabei zerfetzt wurde. Die Zahl der Todesopfer könnte auf weit über 100 steigen. Diese Schätzung nannte die Einsatzleitung der Rettungskräfte am Abend im Gespräch mit Bundesverkehrsminister Wissmann. Möglicherweise sind unter den noch nicht geborgenen Toten auch Kinder aus zwei Schulklassen. Rund 300 Menschen wurden verletzt, viele von ihnen schwer. Es handelt sich um das schwerste Zugunglück in Deutschland seit 20 Jahren.

Theodizee, so heißt die alte Frage nach der Gerechtigkeit Gottes. Er ließ es geschehen, dass am 3. Juni1998 der ICE 884 "Wilhelm Conrad Röntgen" im niedersächsischen Eschede ­an einer Brücke zerschellte. 101 Menschen starben. Es war ein Großeinsatz für die Notfallseelsorge – Pastor Frank Waterstraat war dabei und erinnert sich
Deutschland spricht 2019

Wie kann Gott eine ­solche Katastrophe zulassen? Jeder Mensch fragt sich so etwas irgendwann. Eschede war für die Menschen, die dort Angehörige und Freunde verloren oder als Feuerwehrmann, Ärztin oder – wie ich – als Seelsorger eingesetzt waren, eine Situation, die diese Frage ins Bewusstsein holte.

Die Theodizee-Frage gibt es, seit es Menschen gibt. Wir haben sie im ­Studium bearbeitet, und sie stellte sich immer wieder in der Seelsorge. Auf sie gibt es keine logisch-widerspruchsfreie Antwort. Das klassische Dilemma besagt: Wir haben die ­Annahme und den Glauben, dass es einen guten Gott gibt – aber wir ­sehen, dass auch das Böse in der Welt ist. Warum verhindert ein guter Gott das Böse nicht? Die drei formalen Antworten lauten: Entweder ist er nicht gut. Oder er ist nicht allmächtig. Oder er ist weder gut noch allmächtig. Das ist das Ende unserer Logik. So kommen wir nicht weiter.

"Als Seelsorger muss ich das Leid der Menschen ernst nehmen."

Als Seelsorger muss ich das Leid und die Not der Menschen ernst nehmen. Ich darf sie nicht abspeisen mit Antworten, die im schlimmsten Fall zynisch rüberkommen. Manche Menschen meinen, Trauernden mit auf den Weg geben zu dürfen, ihr Leid diene dazu, daran zu reifen und zu wachsen. Was ist aber, wenn Menschen daran zerbrechen? Es gibt Philosophen, die annehmen, dass es irgendwann zu einem Ausgleich zwischen Hell und Dunkel kommt. Ein leidender Mensch hat also nur erlebt, dass sich die Waage im Moment des Unglücks in Richtung des Bösen neigt? Auch diese Antwort geht nicht! Andere Menschen halten Katastrophen für eine Strafe Gottes: "Du wirst schon wissen, wofür das ist, das hat Gott so gewollt!" Wie kommt man auf so eine Idee?

Ich verzichte auf all diese Ant­worten. Die Möglichkeit, Leidenden zu helfen, liegt für mich im Glauben – und eben nicht im Wissen. Ich glaube, dass Jesus Christus Gottes Sohn ist und dass er am Kreuz gestorben ist. Gott bewegt sich in die tiefsten Tiefen unserer menschlichen Not hinein, er ist der in die Täler mitgehende Gott. "Und ob ich schon wanderte im ­fins­teren Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir", Psalm 23. Gott lässt uns im Leiden nicht allein. Das kann ich nicht wissen oder beweisen – aber daran glauben kann ich.

"Warum saß ein Mensch in diesem Zug? Ich weiß es schlicht nicht."

Für uns Seelsorger kommt es darauf an, die Verzweiflung ernst zu nehmen. Dafür müssen wir zu­geben, dass wir die Frage nach dem Warum nicht beantworten können. Warum saß ein Mensch in diesem Zug in einem zerschmetterten Waggon, ­während ein anderer weiter vorn saß und mit dem Leben davonkam? Ich weiß es schlicht nicht. Aber ich höre mir die Fragen an und auch die ­Sorgen, die dann bald kommen: Reicht mein Geld, kann ich in der Wohnung ­bleiben? Und ich mache ein Angebot, zu dem ich selber stehe: der Glaube an die letzte heilende Kraft Gottes. Das entscheidende Symbol dafür ist das Kreuz. Gott ist nicht fern von dieser Welt. Gott ist dieser Welt nahegekommen, durch seinen Tod und durch die Auferstehung. Das Kreuz ist ja auch Ostern. Ich habe erlebt, dass Menschen sich das anhören und nachdenklich werden. Ich habe auch gehört: "Es ist gut, wenn Sie glauben können, aber ich kann es nicht." Vielleicht konnte ich trotzdem einen Anstoß dafür ­geben, dass ein Geist wirkt; eine ­Ahnung davon, dass Gott einmal alle Tränen trocknen wird.

So merkwürdig es klingen mag, aber ich habe aus Eschede etwas für mich mitgenommen: die aktive Dankbarkeit für jeden Tag, der gut ist, den ich  schmerzfrei verbringe. Ich habe gehört, es dauerte noch drei Sekunden, bis alles still wurde, nachdem der ICE entgleist war. Drei Sekunden, in denen Tausende Lebensentwürfe zerstört worden sind. Über hundert Menschen starben, Tausende verloren Begleiter, mit denen sie ihr Leben gestalten wollten. Ich kannte schon Verkehrsunfälle mit Toten, in denen wenige Sekunden alles veränderten. Aber Eschede führte mir vor Augen, wie gefährdet menschliches Leben ist. Notfallseelsorger zu sein, hat auch eine prophetische Dimension. Wir erzählen, dass wir sorgfältig mit ­unseren Leben umgehen sollten, besonders im Straßenverkehr.

Das mit der Dankbarkeit kann man auch überziehen und zu einer Karikatur werden, die sich an jeder Blume erfreut. Das wird anstrengend für die Mitmenschen. Auch ich erlebe Tage, die nervtötend sind und an denen ich morgens nach ein paar Minuten weiß, dass ich nicht frohgemut mit einem Lied auf den Lippen dankbar umhergehen werde. Aber trotzdem: Ich muss mir nicht sagen, dass es mir gut geht. Ich kann mich in der Mittagspause daran erfreuen, zehn Minuten in der Sonne zu sitzen, einfach so.

Infobox

ICE 884 entgleiste, weil ein Radreifen brach. Am Vor­abend des Unglücks ­war im Münchener Betriebswerk ­aufgefallen, dass das Rad unrund lief. Es herrschte Zeitdruck, niemand ­ersetzte es. Der Eschede-Prozess ­wurde gegen Zahlung von je 10 000 Euro durch drei Angeklagte eingestellt, ­obwohl der Radtyp vor seiner Einführung 1992 offensichtlich unzureichend ­getestet worden war.

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Lesermeinungen

Was für ein Gottes-Begriff: Theodizee – die blödsinnig-vermessene Idee ... über G o t t zu entscheiden, war er oder es alles ist oder kann oder darf. Das verweigern sich alle, die als „astheistisch“ sich beschimpfen lassen müssen, die aber vor Gottes-Ehrfurcht nur „Agnostiker“, (latinisierte Form des griechischen ἀγνωστικισμός, a-gnōstikismós von altgriechisch ἀγνῶσις, a-gnō̂sis ohne Wissen, ohne Erkenntnis; auch oder Bedürfnisse nach den heiligen-all-heiligen Wissen sind.)
Ehrfurcht vor Gott .. bedeutet, auch sich nicht vermessen.