Fotowettbewerb "Mensch - Arbeit - Handicap": Das sind die Sieger

Inklusion zeigen
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BGW

Inklusion fotografieren: Das sind alle Preisträger des diesjährigen Fotowettbewerbs "Mensch - Arbeit - Handicap"

Wer arbeitet, wer einen Job hat, eine Ausbildung macht, gewinnt an Selbstbestimmung. Auch wenn er krank oder behindert ist. Wer arbeitet, kann sein Leben selbst gestalten. Die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege hatte einen Fotowettbewerb ausgeschrieben, der diesen Zusammenhang sichtbar machen soll. Das Preisgeld: insgesamt 24000 Euro.

Stephan Brandenburg, Hauptgeschäftsführer der BGW, freute sich, dass "Inklusion so vielfältig 'ins Bild gesetzt' wurde". Mahnte aber auch: "Lassen Sie uns den Weg zur gleichberechtigten gesellschaftlichen Teilhabe weiter gemeinsam beschreiten – esgibt noch genug zu tun."

Die Jury, zu der auch der renommierte Hamburger Fotograf Peter Bialobrzeski und Dirk Artes, Art-Director von chrismon, gehörten, hatte aus 284 Wettbewerbsbeiträgen auszuwählen. Hier sind die Preisträger:

1. Platz: Selina Pfrüner, Blinde Expertin | Porträt einer medizinischen Tastuntersucherin

"Es war mir ein Bedürfnis, mich auf die Suche nach Positivbeispielen von Inklusion zu begeben und dabei Menschen zu finden, die nicht trotz, sondern genau wegen ihres Handicaps beschäftigt werden. Weil es eine spezielle Begabung mit sich bringt. So wie im Fall der bis auf drei Prozent Sehkraft fast blinden Katrin Kasten, die sich nach einem Unfall zur medizinischen Tastuntersucherin (MTU) umschulen ließ. Sie gehört heute zu den bundesweit 27 MTUs, die in gynäkologischen Praxen ihren Tastsinn einsetzen, um dreißig Prozent mehr Veränderungen im Brustgewebe, doppelt so viele Knoten und bis zu zwei Millimeter kleine Mini-Tumore aufzuspüren, die teilweile sogar der Ultraschall übersieht. Die Tastuntersucherinnen leisten somit einen wertvollen Beitrag zur Brustkrebsvorsorge."

 Mit diesem Profi-Handgriff ertasten die blinden Expertinnen und Experten 30% mehr Veränderungen im Brustgewebe, doppelt do viele Knoten und bis zu 2mm kleine Mini-TumoreSelina Pfruener

Prof. Dr. Stephan Brandenburg, Hauptgeschäftsführer der BGW: Selina Pfrüner, die Gewinnerin, hat eine sehbehinderte Frau porträtiert, die bei der Brustkrebsvorsorge Knoten ertastet. Das Licht auf ihren Bildern ist hell und betont die Sterilität der klinischen Räume. Zugleich hat sie sich meisterhaft eingefühlt in jene Frau mit den sensiblen Händen und zeigt, wie konzentriert und behutsam diese agiert. Dieses „Porträt einer medizinischen Tastuntersucherin“ befand die Jur y als außerordentliche Arbeit – und gab Selina Pfrüner den ersten Preis.

2. Platz: Thomas Victor, HUMAN+ | Die Verschmelzung von Mensch und Technik

"Nachdem ich in einem Radiobericht gehört hatte, wie sehr sich der unterschenkelamputierte Sportler Markus Rehm bemüht hatte, bei den Olympiade 2016 zusammen mit den Athleten ohne Einschränkung starten zu dürfen, stellte ich mir die Frage, wie weit die Verschmelzung von Mensch und Technik schon vorangeschritten ist und inwiefern unser gesellschaftliches Bild vom „normalen“ Körper noch zutreffend ist. Sind wir durch unser enges Zusammenleben mit Technik bereits Cyborgs (in der Begriffstradition von Manfred Clynes und Nathan Cline) und ist es nicht schon an der Zeit unser menschliches Selbstbild neu zu definieren? Sind Menschen mit Behinderung nur aus der Perspektive eines Menschen mit unversehrtem Körper behindert? Und ist die Technik eigentlich schon so weit, unsere „normalen“ körperlichen Funktionen zu optimieren? Um das herauszufinden, traf ich mich mit Forscherinnen und Forscher, Cyborgs und Menschen mit technischen Assistenzsystemen. Dabei ist im Rahmen meines Universitätsabschlusses an der Hochschule Hannover im Bereich Fotojournalismus und Dokumentarfotografie die Arbeit HUMAN+ entstanden. Die vorliegenden Abbildungen sind ein Auszug daraus.

Bertolt Meyer, Professor für Organisationspsychologie an der Technischen Universität Chemnitz, kam ohne linken Unterarm zur Welt. Nach verschiedenen herkömmlichen Prothesen trägt er nun eine bionische Prothese. Die Prothese macht sein Leben nicht nur einfacher, auch sein Selbstbewusstsein wächst durch die Anerkennung, die er dank des Hightech-Arms bekommt. Früher begegneten ihm die meisten Menschen mit einer Art Scham und Mitleid, heute reagieren sie mit Erstaunen und Bewunderung. Alltägliche Aufgaben wie Wäscheaufhängen, Eierschälen oder Krawattebinden sind für Meyer dank der Prothese kein Problem mehr."

 Bertolt Meyer, Professor für Organisationspsychologie an der TU ChemnitzThomas Victor

Brandenburg (BGW): Auf den zweiten Platz wählte die Jury die Arbeit „HUMAN+“ von Thomas Victor, die sich um die Hilfsmittel der Zukunft dreht und die in ihrer analytischen Konzentration an akademische Kunstfotografie erinnert.

3. Platz: Inga Alice Lauenroth | Marietta, 21

"Marietta ist eine junge Frau, sie lebt in Berlin. Benannt wurde ihr „Krankheitsbild“ erst als Borderline, dann als Dissoziative Identitätsstörung und der letzte Standpunkt ist Asperger-Syndrom. Sie sucht seit Jahren einen Weg, mit sich, ihrem Zustand und diesen Definitionen umzugehen. Lange Zeit war sie auf der Suche nach einer Antwort und dem Vertrauen in Ärzte. Und immer wieder das Fallen in diese andere unheimliche Welt. Mittlerweile ist Marietta so gut betreut und mit sich selbst im Reinen, dass sie im Moment ihr Abitur nachholen kann. Dann möchte sie sich mit ihrem Traum, dem menschlichen Körper mit Geist und Seele, speziell mit dem Bereich Medizin oder Forschung befassen. Er ist wahrscheinlich hervorgegangen aus ihrer eigenen (Vor-)geschichte. Ich habe Marietta von 2014 bis 2016 fotografisch begleitet. Die gesamte Arbeit besteht aus 35 Fotografien. „Wie fühlt es sich an, ‘Grenzgängerin‘ zu sein, wie sieht ihre Welt, ihr Leben aus, was ist die Welt, was der Tod? -stimmen, hören, die, dich, brechen, wollen, brechen, dich, brücken, wege, stürzen, ein, angst, verrückt, sein, normal, stumm, schreien, leben, nicht, fehl, grenzen, in, sich, wunsch, in diesem im nächsten im gestrigen moment sterben- Ich begleitete Marietta durch eine Krise zwischen Realität und Mariettas Welt.“ Marietta Weg ist das Titelthema von chrismon im September: "Wie ein eingesperrtes Tier"

 Marietta, PortraitInga Alice Lauenroth

Brandenburg (BGW): Imponierend ist auch, wie umsichtig sich die Fotografinnen und Fotografen ihrem Sujet nähern und mit dem Thema „Behinderung“ auseinandersetzen. Zum Beispiel in „Marietta, 21“, dem Porträt einer jungen Frau mit Asperger-Syndrom, die sich ihren Weg zum Abitur erkämpft. Inga Alice Lauenroth hat sie begleitet. Ihre respektvollen Aufnahmen lassen den Betrachter die inneren Kämpfe der jungen Frau erahnen. Sie sind ergreifend und berührend auf eine gänzlich unkitschige Art. Diese Arbeit gewann den dritten Preis.

Weitere Gewinner: 4.-15. Platz

Marco Boehm | Barrieren begreifen – Brücken beschreiten

Jonathan Rossbach | Arbeit in der Backstube

Ricarda Fallenbacher | Tom

Uwe Schinkel | Henrike Handrup - Porträt der Psychoonkologin

Uwe paul Schulze | Ein selbstbestimmtes Leben – Ideen werden greifbar, neue Wege erfahrbar !

Insa Vollert | Das Stadthaushotel

Diana Juneck & Lukas Eichholz | Diana & Lukas

Arne Schöning | Selbst gestalten

Tom Roelecke | Michel Arriens – Campaigner mit Kleinwuchs

Robin Karnstädt | Nur ein einziges sehendes Auge – na und!?

Benjamin Schmidt | Lilli Eben

Jessica Rönsch | Der König im Rollstuhl

Brandenburg (BGW): Dieses hohe Niveau setzt sich fort: Ricarda Fallenbacher hat einen Regisseur mit schwersten Beeinträchtigungen fotografiert, Uwe Schinkel eine fast blinde Psychoonkologin. Benjamin Schmidt zeigt eine expressive Malerin. Der querschnittgelähmte Arne Schoening ist selbst Fotograf. All diese Arbeiten zeigen, wie faszinierend vielfältig sich Menschen mit Handicap ausdrücken, mit welchem Einsatz, welcher Professionalität und wie engagiert sie an ihre Tätigkeiten herangehen. Es gibt erstaunlich viele Arbeiten in Schwarz-Weiß. Aus ganz unterschiedlichen Gründen verzichten die Fotografen auf Farbe in ihren Bildern. Marco Böhm will das Schwarz-Weiß-Denken im Umgang mit Behinderung in der Gesellschaft kommentieren, Robin Karnstädt darauf hinweisen, wie wichtig starke Kontraste für Menschen mit Einschränkungen beim Sehen sind.

Sonderpreis: Paul Kirchmeyr | Sähen meine Augen nicht

"Als Fotograf und Student sind Augen eines der wichtigsten Werkzeuge. Wäre das Sehvermögen eingeschränkt, wäre nicht nur der Beruf, sondern auch der Alltag nur wesentlich erschwert zu bewältigen. In der Arbeit „Sähen meine Augen nicht“ imaginiert der Fotograf Paul Kirchmeyr einerseits den Verlust seines eigenen Augenlichts mit Hilfe seiner Kamera und hat andererseits die Hilfsmittel blinder beziehungsweise sehbeeinträchtigter Menschen zur Bewältigung des Alltags dokumentiert. Mit der Arbeit möchte der Fotograf darauf aufmerksam machen, dass Inklusion und Rücksichtnahme nötig sind, um Menschen mit Handicap ein eigenständiges Leben zu ermöglichen."

 Paul Kirchmeyr
Brandenburg (BGW): Zahlreiche Arbeiten kreisen um das Thema „Blindheit“ oder „Sehbehinderung“. Das verwundert nicht, denn Fotografie ist ein visuelles Medium, Fotografinnen und Fotografen sind visuelle Menschen. Es liegt nahe, dass sie der Verlust des Seh-Sinns besonders beschäftigt. Sie spüren dem nach, was eine Sehbehinderung mit einem Menschen macht, wie sich dessen Behinderung anfühlt. Auch die Arbeit „Sähen meine Augen nicht“ von Paul Kirchmeyr beschäftigt sich mit dem Thema „Sehen“. Die Jury zeichnete sie mit dem Sonderpreis aus. Kirchmeyr hat mit seiner Kamera die Perspektive eines Menschen eingenommen, der Einschränkungen beim Sehen hat. Dabei wählte er einen streng formalen Ansatz, der mit Unschärfen, Vergrößerungen und Ausschnitten die Konventionen der Betrachtenden herausfordert. So wird der Alltag eines sehbehinderten Menschen höchst bemerkenswert erlebbar.

 

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