Serie Bibel: Annette Merz forscht nach dem historischen Jesus

Neues über Jesus von Nazareth
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Cindi Jacobs

Annette Merz

Gibt es das überhaupt noch? Unbedingt!, findet Annette Merz, Theologieprofessorin in Groningen und international anerkannte Jesusexpertin. Sie wälzt Quellen rauf und unter und weiß: Irgendeine Erkenntnis bleibt immer für die Nachwelt hängen. Zum Beispiel, dass man von Juden viel über Jesus lernen kann

Schon die allerersten Christen hätten sich nicht für den Menschen Jesus von Nazareth interessiert, behauptet der bärtige Mann mit der Baskenmütze. Für sie sei Jesus Christus eine mythische Figur gewesen, Protagonist in einem kosmologischen Drama. Nein, Jesus habe nie gelebt. Erst nachträglich hätten die Evangelisten sein Leben erdichtet.

Annette Merz hört sich das in Ruhe an. Sie ist auf Sendung bei „History Live“, ausgestrahlt vom Fernsehsender Phoenix. Thema: „Jesus – Mythos und Wahrheit“. Man findet die Sendung auf Youtube.

Hat Jesus nun gelebt? „Beweisen kann man das nicht“, sagt die Professorin. „Aber die Wahrscheinlichkeit, dass er eine historische Person war, ist um viele Male höher als die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um ein mythologisches Wesen handelt.“

Welcher Erlöser stolpert denn ahnungslos in seinen Erlösungstod hinein?

Annette Merz kennt alle Fakten so genau wie nur wenige auf der Welt: Was man weiß, was wahrscheinlich ist, was ganz und gar unmöglich. Aber früher, vor 30 Jahren, haben solche Zweifel über Jesus von Naza­reth sie in eine Krise gestürzt. Nicht die wilden Thesen des Theologen Hermann Detering, dem Mann mit der Baskenmütze. Über sie schütteln die meisten Fachleute den Kopf. Aber fast alle sagen auch: Niemand kann wissen, wer Jesus wirklich war.

Das Jesusbild, mit dem Annette Merz 1985 ins Theologiestudium nach Müns­ter gekommen war, hatte sie aus dem Konfirmandenunterricht in der evangelischen Diasporagemeinde von Wadersloh im Münsterland, wo sie aufgewachsen ist: Jesus ist der Mann, der als Erlöser ans Kreuz geht. So besingen ihn auch viele Choräle, die sie bei Orgelvertretungen in Gottesdiensten begleitete. Doch plötzlich, im Theologiestudium, hieß es: Die Evangelisten haben die Leidensankündigungen aus theologischen Gründen in ihre Evangelien eingefügt. Jesus habe seine Passion gar nicht voraussehen können. – Was soll das für ein Erlöser sein, der ahnungslos in seinen Erlösungstod hineinstolpert?

Nach vier Semestern in Münster wechselte sie an die Uni Heidelberg, wo sie Professoren wie Klaus Berger, Christoph Burchard und Rolf Rendtorff begegnete, passionierten Lehrern und Erforschern des Neuen und Alten Testaments. Und Gerd Theißen. Der Neutestamentler wollte der Jesusbewegung mit Methoden der Soziologie auf die Spur kommen. Wegen seines Jesusromans „Im Schatten des Galiläers“ war er bereits ein bekannter Autor. In dem Roman erzählt Theißen vom jüdischen Kaufmann Andreas, der für die Römer neue religiöse Bewegungen ausspionieren soll. Er trifft auf Leute, die einem Jesus von Nazareth nachfolgen. Ein frei erfundener Plot, mit dem Theißen die Leser auf den Stand der Jesusforschung brachte.

Theißen wurde Annette Merz’ Lehrer. Sie arbeitete ihm als wissenschaftliche Hilfskraft zu. Nach ihrem Examen – sie hatte noch nicht mal mit ihrer Disserta­tion begonnen – schrieb sie gemeinsam mit Theißen ein Lehrbuch: „Der historische Jesus“, heute ein Standardwerk. Theißen wurde ihr Doktorvater.

Nach zwei Jahren sprang sie aus dem deutschen Uni­system ab

2001 promovierte sie über späte Briefe des Neuen Testaments, die „Pastoralbriefe“, deren Autoren unter dem Pseudonym des Apostels Paulus schreiben, die Gedanken des echten Paulus aber umdeuteten. Wie sie Frauen die Rechte in den Gemeinden nahmen, Juden verdammten und Sklaven zu Gehorsam verdonnerten. Mit jedem Jahrzehnt nach seiner Kreuzigung verblassten die Impulse des Jesus von Naza­reth mehr und mehr. – Die Universität Heidelberg verlieh ihr einen Preis.

Annette Merz recherchierte auch über Carl Schneider, einen Professor für Neues Testament und Religionsgeschichte in Riga und Königsberg während der 1930er Jahre. Er hielt Jesus für eine mythische Figur – wie Detering, der Mann mit der Baskenmütze – und das Christentum für eine antijüdische Bewegung von Anbeginn. Nach 1945 propagierte Schneider, noch immer Antisemit, seinen unjüdischen Jesus weiter. Mitte der 1970er bekam er das Bundesverdienstkreuz. Seine neue Heimatstadt Speyer verlieh ihm eine Ehrenmedaille.

Als Frauenbeauftragte der Uni Heidelberg beobachtete sie Habilitationsverfahren, den Flaschenhals, den Nachwuchsgelehrte passieren müssen, wenn sie hauptberuflich forschen und lehren wollen. Verfahren, in denen wenige Professoren die Daumen heben oder senken, manchmal aus politischen Gründen. Nach zwei Jahren nutzte Merz die Gelegenheit zum Absprung aus dem deutschen Uni­system und machte Karriere in Utrecht, von einer Jungdozentin zur Stiftungsprofessorin.

Sie erforschte Jesu Lebenswelt am See Genezareth und beschrieb sie als Teil einer globalisierten Welt. „In Rom aß man Fischsoße aus Magdala. Gleichzeitig war diese Welt auch so beschränkt, dass die Menschen dort ihren kleinen See ‚das Meer von Galiläa‘ nannten.“ Sie untersuchte auch den Brief des Mara bar Sarapion auf seine ­Echtheit, eines syrischen Stoikers, der darin Jesus den weisen König der Juden nennt. Längst ist sie eine international anerkannte Expertin.

Der Stern von Bethlehem? Da war nichts

Tolbert, ein Wohnvorort bei Groningen. In einem winkeligen Einfamilienhaus in einer ruhigen Siedlung leben Annette Merz und ihr Mann. Ende 2013 wurden die Theologischen Fakultäten in Leiden und Utrecht innerhalb von anderthalb Jahren geschlossen. „Niederländer haben keine Angst vor Veränderungen“, sagt Merz mit einer Mischung aus Anerkennung und Bedauern. „Leiden und Utrecht hatten bedeutende Fachbereiche mit langer Tradition.“ Sie selbst hatte Glück und folgte 2014 einem Ruf der Protestantisch-Theologischen Universität in Groningen, die Pastorinnen und Pastoren aus- und weiterbildet und ein Zentrum theologischer Forschung in den Niederlanden geworden  ist. Die Uni ko­operiert mit der Reichsuniversität von Groningen, an der ihr Mann lehrt: Astronomie.

Da haben sich zwei Vernunftmenschen gefunden: Sie späht das antike Schrifttum nach dem historischen Jesus aus; er sucht den Himmel nach Zwerggalaxien ab. Und während andere niederländische Astronomen noch immer über den Stern von Bethlehem brüten, sind sich Merz und ihr Mann einig: Da war nichts. Die Weihnachtsgeschichten sind Legenden. „Es wird ein Stern aus Jakob aufgehen“, heißt es im 4. Buch Mose 24,17. Die Geburtsgeschichte entstand aus Prophetensprüchen wie diesen. Die Weisen aus dem Morgenland sind literarische Figuren, Gegenspieler zum König Herodes, der dem biblischen Pharao nachgebildet ist.

Der niedrige Keller des Hauses ist ihre Forscherhöhle. Hier wälzt sie immer wieder dieselben Quellentexte. Auf allzu viele können Historiker nicht zurückgreifen: das Neue Testament, einige christliche Schriften, die nicht ins Neue Testament aufgenommen wurden, eine Handvoll Passagen bei nichtchristlichen Schriftstellern und jüdisches Schrifttum aus der Zeit Jesu. Hinzu kommen Vergleichstexte aus der rabbinischen Tradition. So viel ist inzwischen allen Experten klar: Jesus war Jude. Und er lässt sich nur aus dem Judentum des ersten Jahrhunderts verstehen.

"Jeder sagt Jesus das nach, was er selbst für ethisch richtig hält"

Was lässt sich noch über Jesus sagen? Er war ein Schüler Johannes’ des Täufers, trat kurze Zeit als jüdischer Lehrer, Wundertäter und Endzeitprophet auf und wurde um das Jahr 30 unter Pontius Pilatus gekreuzigt. Seine ­Jünger, fromme Juden, glaubten daran, Gott werde die Gerechten zu neuem Leben auferwecken. Das Neue an ihrem Glauben: Der zu Unrecht gekreuzigte Jesus von Nazareth ist bereits auferweckt worden.

Auf dieses dürre Gerüst von Fakten können sich die Forscher einigen. Seit Albert Schweitzers Buch über die „Geschichte der Leben-Jesu-Forschung“ von 1906 steht alles Weitere unter dem Verdacht, ein Fantasieprodukt der Historiker zu sein. „Schweitzer zeigte, dass jedes der liberalen Jesusbilder genau die Persönlichkeitsstruktur aufwies, die in den Augen ihres Verfassers als höchstes anzustrebendes, ethisches Ideal galt“, so fassten es Theißen und Merz in ihrem Lehrbuch zusammen.

Nicht einmal dieses Lehrbuch sei frei von solchen Projektionen, lästert Hermann Detering. Ihr basisdemokratischer, herrschaftskritisch-emanzipatorischer, antipatriarchalischer, ökonomie- und familien­kritisch gewaltloser Jesus spiegele den bundesrepublikanischen Zeitgeist wider.

„Unser Verständnis Jesu wächst mit unseren Konflikten“, entgegnet Annette Merz auf solche Kritik. „In der Auseinandersetzung mit dem Antijudaismus haben wir auf die jüdischen Elemente in der Ver­kündigung zu achten gelernt. Der Feminismus hat uns gelehrt, mehr auf die Frauen im Umfeld Jesu zu schauen.“

Längst nicht alle Ergebnisse der Jesusforschung erweisen sich als haltbar, sagt sie

Merz scheut sich auch nicht, Jesus zu kritisieren. Er wählte zwölf Jünger, die Israels Neuanfang symbolisieren. „Zwölf Männer!“, sagt sie. „Das könnte man ihm vorwerfen.“ In der Begegnung mit einer syrophönizischen Frau (Markus 7,24–30) lege Jesus auch Fremdenfeindlichkeit an den Tag: Er geht ins Gebiet von Tyrus. Eine Griechin aus Syrophönizien bittet Jesus, den Dämon ihrer Tochter auszutreiben.

Jesus weist sie ab: „Lass zuvor die Kinder satt werden“ – gemeint ist: Erst sollten die Juden von Jesus profitieren, „denn es ist nicht recht, dass man den Kindern das Brot nehme und werfe es vor die Hunde“ – hier denunziert Jesus die Fremden, die Heiden, als Hunde. Doch die Syrophönizierin lässt sich nicht beleidigen. Sie streitet mit Jesus: „Herr, aber doch essen die Hunde unter dem Tisch von den Brosamen der Kinder.“ Jesus gibt sich geschlagen und heilt das Kind. Es ist die einzige Erzählung, in der Jesus im Streitgespräch unterliegt.

Längst nicht alle Ergebnisse der Jesusforschung erweisen sich als haltbar, sagt Annette Merz. „Aber aus jeder ihrer Epochen bleibt etwas für die Nachwelt hängen.“ David Friedrich Strauß beschrieb 1835, wie die frühe Kirche Jesus mythisch überhöhte. Johannes Weiß zeigte 1892, wie sehr Jesus den Anbruch des Gottesreiches erwartete. Ein anderer Theologe, Joa­chim Jeremias, hatte als Kind in Jerusalem gelebt und konnte erklären, wie sich Jesu Lebenswelt in seinen Gleichnissen widerspiegelt. Gerd Theißen beschrieb Jesus und seine Jünger als Wandercharismatiker. Die Erfahrung der Studentenbewegung hatte Theißen dafür sensibilisiert, dass auch ­Jesus Teil einer Bewegung war.

„Jesus hatte vielleicht keine emanzipa­torische Agenda“, sagt Annette Merz. „Aber er predigte, dass alle Juden zum jüdi­schen Volk gehören, auch die Verachteten. Er forderte auf, sie fair zu behandeln. Und er ermächtigte die, die am Rande stehen.“

Luther und Jeremias – beide gehen an Jesu Aussage vorbei

Kann man heute noch Neues über Jesus entdecken? Ja, glaubt Annette Merz. Derzeit erforscht sie die Gleichnisse Jesu. Eine Kollegin aus Utrecht gibt die erste vollständige kritische Edition frührabbinischer Gleichnisse heraus. Annette Merz vergleicht sie mit Jesu Gleichnissen. „Die Rabbiner haben einen Sprachcode. An ihm entlang muss man die Gleichnisse ent­ziffern. Reale Schafe verirren sich nicht, wohl aber die Schafe in den Gleichnissen – wie menschliche Sünder.“ Merz erkennt gemeinsame Erzählmuster bei Rabbinern und Jesus. Sklave und Arbeiter stehen für die Gläubigen in Israel, die Herren für Gott.

In einem Gleichnis erzählt Jesus: Ein Hausherr stellt morgens Tagelöhner für einen Silbergroschen ein. Um neun, zwölf und drei Uhr stellt er weitere ein, stets für einen Silbergroschen. Auch wer erst um fünf Uhr nachmittags dazukommt, erhält diesen Lohn. Darüber murren diejenigen, die seit dem Morgen arbeiten. Der Eigentümer des Weinbergs antwortet einem von ihnen: „Bist du nicht mit mir einig ge­worden über einen Silbergroschen?“

Für Martin Luther war die Gerechtigkeit des Weinbergbesitzers nur etwas fürs Himmelreich. Auf Erden müsse Lohngerechtigkeit herrschen. Der Neu­testamentler Joachim Jeremias nannte den klagenden Arbeiter „werkgerecht“; er wolle aufgrund seiner Leistung gut vor Gott dastehen. Doch beides gehe an Jesu Aussage vorbei, sagt Merz. Das Gottesreich, von dem die Gleichnisse erzählen, soll auf Erden anbrechen. Und seinen Zuhörern sagt Jesus: Für alle ist genug da, wenn sich alle mit dem begnügen, was zum Leben reicht – und es den anderen auch gönnen.

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Lesermeinungen

Frau Merz spricht mir aus der Seele!
Jesus kann eigentlich nur aus jüdischer Sicht verstanden werden. Ich möchte dazu auf Bücher von Pinchas Lapide verweisen: "Der Jude Jesus" und "Auferstehung, ein jüdisches Glaubenserlebnis". Zur Sühne- und Opfer-(Erlösungs) theologie möchte ich anmerken, dass sich Jesus als der sieht, der für die "verlorenen Schafe des Hauses Israel" gekommen ist und nicht als das Opferlamm, das zur Versöhnung der Menschen mit Gott, den blutigen Kreuzestod auf sich genommen hat.Und das auch noch aus "freiem Willen". Paulus war es doch, der als Erster die Sühne- und Opfertheologie entwickelt hat, aufgrund seines Gottesbildes. Ein am Stamm gehängter ist ein von Gott verfluchter! (5.Mose 21,23). Und so hat Paulus diesen Jesus für uns zum Fluch gemacht. (Gal.3,10-14) Diese Theologie hat aber die lebensbejahende Botschaft Jesu leider schon in der Frühzeit bis zum heutigen Tag verdunkelt.! Da wünschte ich mir in unseren Kirchen ein offeneres Bekenntnis zur Botschaft dieses Jesus von Nazareth, nämlich: lasst die Kinder zu mir kommen- das Himmelreich ist mitten unter Euch- oder das Gleichnis vom barmherzigen Vater- und es gäbe noch so viel! So wird dieser Jesus dann auch für mich zum Christus!

Volker Fritzsche, München