Katholikentag in Leipzig: Rote Karte für AfD und Pegida

Wenn die Gesellschaft verroht...
Neo-Nazis March In Berlin

Foto: Emmanuele Contini/NurPhoto/Getty Images

Der Katholikentag bot in Leipzig den Rechtspopulisten die Stirn

Mal eben rein in den Erlebnistruck und wieder raus - das lassen die jungen Frauen nicht zu. Sie fangen jeden Katholikentagsbesucher ab, der die Stufen hochhechtet, um auf die Schnelle zu erfahren, wie es Flüchtlingen aus dem Kongo so geht. Die jungen Frauen zwingen die Besucher zur Entschleunigung. Wer sich auf die Lage der Flüchtlinge einlassen will, soll sich Zeit nehmen. Denn auch die Flüchtlinge warten, oft viele Jahre, bis es weitergeht, und müssen etliche quälende Entscheidungen treffen.

Der Plot geht so: In einer Dorfkapelle wird der Gottesdienst jäh unterbrochen. Rebellen sind mit Waffengewalt in das Dorf eingedrungen. Der Katholikentagsbesucher schlüpft in die Rolle eines Dorfbewohners. Erst muss er in wenigen Minuten packen und sich auf den Weg machen, und kurz darauf sich von noch mehr Gegenständen trennen. Was nimmt er mit – der kongolesische Flüchtling, der Katholikentagsbesucher? Seinen Pass, seine Zeugnisse, etwas zu trinken, Geld? Er gibt seine Entscheidung in einen Bildschirm ein und gelangt, wenn er klug entschieden hat, auf einen LKW. Der bringt ihn durch den Busch in die Nähe eines Dorfes. Er muss sich verstecken. Und wenn er Glück hat, gelangt er Wochen oder Monate später nach Europa.

Aus Ignoranz wurde Hass

Der Flüchtlingstruck des katholischen Entwicklungswerkes „Missio“ ist eine Attraktion in Leipzig. Und er ist das exakte Gegenteil dessen, was vielerorts in der Flüchtlingsdebatte passiert: Menschen wissen überhaupt nichts über Flüchtlinge, kennen auch keine, fühlen sich aber von ihnen bedroht und beginnen sie zu hassen. Direkt vor Ort, in Leipzig und im nahen Dresden, kann man beobachten, wie aus Ignoranz Hass wird. Die Umtriebe von Legida, Pegida, AfD waren täglich Thema bei den Leipzigbesuchern.

Eduard Kopp

Eduard Kopp ist Diplom-Theologe und chrismon Autor. Bis 2019 arbeitete er in der chrismon-Redaktion als leitender Redakteur Theologie. Er studierte Politik und Theologie, durchlief die Journalistenausbildung des ifp, München, und kam über die freie Mitarbeit beim Südwestrundfunk zum "Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt" nach Hamburg. Seine besondere Interessengebiete sind: Fragen der Religionsfreiheit, Alltagsethik, Islam, Geschichte des 20. und 21. Jahrhunderts, Krieg und Frieden.
Lena UphoffPortrait Eduard Kopp
Thomas Sternberg, als Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken auch Chef des Katholikentags, hatte immer wieder von den Zielen des Christentreffens gesprochen, durch die direkte Begegnung mit den Muslimen „die zum Teil abenteuerlichen Pauschalisierungen zu widerlegen“, und der Gefahr eines wachsenden Nationalismus in Europa entgegenzutreten. Sternberg, der CDU-Politiker, legte bei der Abschlusspressekonferenz sogar noch eins drauf, sprach von einem „neu aufflammenden Nationalegoismus“ in der Europäischen Gemeinschaft. Wen er damit zuallererst meinte, war klar: die AfD und die Asylverweigerer unter den europäischen Ländern.

Thierse beklagt eine Verrohung der Gesellschaft

Ein Politiker, der sich seit Jahren intensiv gegen den Rechtsradikalismus engagiert, ist Wolfgang Thierse, 1998 bis 2005 Bundestagspräsident, danach bis 2013 dessen Vizepräsident. Er schwor auf einem großen Podium die Katholiken ein gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit. Doch diejenigen, die ihm zuhörten, sind politisch nicht die Problemkinder. Thierse beklagte die zunehmende Aggressivität gegen Ausländer und Journalisten. Nationalismus und Rassismus würden wieder politikfähig.

Bei Pegida und Afd wachse die Bereitschaft zur Duldung der Gewalt, beklagte Thierse und sprach von einer „Verrohung der Gesellschaft“. Ein AfD-Funktionär solle sogar behauptet haben, die Kirchen würden mit den Flüchtlingen ein Milliardengeschäft machen.

Thierse, berühmt und viel kritisiert wegen seiner Äußerung in Dresden: „Die (sächsische) Polizei ist vollauf damit beschäftigt, die Neonazis zu schützen“ (MDR-Interview vom 19.2.2011), machte als Ursache der Fremdenfeindlichkeit unter anderem „Zukunftsunsicherheit, Angst vor sozialem Abstieg und die Sehnsucht nach der alten Übersichtlichkeit“ aus. Aber welche Übersichtlichkeit ist das denn, so fragte er, „etwa die der DDR?“ Demokratie sei eine dauernde zivilisatorische Kraftanstrengung. Die Vereinfacher hingegen ließen nur die eigene Perspektive und die eigenen Interessen als Maßstab gelten.

Anstieg bei den rechtsextrem motivierten Straftaten

Was tun? Ohne Beschönigungen, so sachlich wie möglich sollten Politiker über die Probleme der Zuwanderung reden und auch ihre Chancen benennen. „Angst und Hass sind sehr verschiedene Emotionen“, sagte der SPD-Politiker. „Angst überwindet man durch Gespräche und gemeinsames Handeln. Hass muss man offen widersprechen und widerstehen.“ Nur sich verändernde Gesellschaften sind produktiv und haben Zukunft.

Die fremdenfeindliche Lage ist tatsächlich beängstigend. Die Zahl der rechtsextrem motivierten Straf- und Gewalttaten ist nach der Polizeistatistik 2015 stark gestiegen. Fast 23 000 waren es in diesem Jahr, etwa 35 Prozent mehr als im Vorjahr. Es gab 1031 Angriffe auf Flüchtlinge und deren Unterkünfte, fünf Mal so viele wie 2014, 90 Prozent davon waren rechtsmotiviert. Die Gewalttaten gegen Flüchtlinge summierten sich auf 199 (2014: 28), davon waren vier versuchte Tötungen. Eine unglaubliche Explosion von Hass.

AfD und Pediga sind „kognitiv bequem“

Beim Katholikentag gehe es wohl eher um die Stärkung der Angereisten und weniger um die Auseinandersetzung mit der AfD,  hatte die Süddeutsche Zeitung vor dem Katholikentag befürchtet. Das hat sich nicht bewahrheitet. Selten wurde so viel über Strategien gesprochen, wie der AfD politisch beizukommen sei. Thierses Empfehlung für den Kampf gegen den Rechtspopulismus: „Im AfD-Programm gibt es keine Antworten auf die sozialen Nöte. Klären Sie die Menschen darüber auf!“ Allerdings brauche Deutschland auch mehr Bildungs-, Renten- und Steuer- und Arbeitsgerechtigkeit. Auf allen diesen Feldern seien Erfolge nur Schritt für Schritt möglich.

Ähnlich beurteilte Jutta Weduwen von der Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste, Berlin, die Motivlage von Pegida und AfD. Sie lebten von dem Gefühl, ihre Privilegien gingen verloren. Sie seien „kognitiv bequem“, empfänden ihren Rassismus als Vorteil: Er wiegt sie in dem Glauben, dass die Welt kontrollierbar sei und sie den anderen überlegen seien.

„Demokratie ist immer langsamer, als wir es uns wünschen“, sagte der frühere Bundestagspräsident. Das erinnert irgendwie an die Entschleunigung, die den Mitarbeiterinnen vom „missio“-Truck so wichtig war. Über die politische Tugend, geduldig nach klugen Kompromissen zu suchen, verfügen die neuen Nationalisten nicht. Ihre Politikunfähigkeit wird früher oder später auch ihren Wählern auffallen.

 

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