Laudato Si - neue Papst Enzyklika

Eine andere, eine gerechte Welt
Der Papst hat eine neue Enzyklika veröffentlicht: „Laudato Si - Über die Sorge für das gemeinsame Haus“. In ihr präsentiert er etliche gute Ideen - aber sie allein helfen noch nicht weiter. Ein Kommentar von chrismon-Redakteur Eduard Kopp.

Eine „ökologische Umkehr“ schwebt ihm vor, und zwar eine sehr umfassende. Sie solle von der  Änderung des persönlichen Lebensstils reichen bis zu einer Politik und Wirtschaft, die sich am weltweiten Gemeinwohl orientiert. Papst Franziskus, der in dogmatischen oder sexualethischen Fragen alles andere als ein Revolutionär ist, sieht in der Ökologie die Weltgemeinschaft „vor die Dringlichkeit gestellt, in einer mutigen kulturellen Revolution voranzuschreiten“. Die weltweite katholische Kirche mit ihren 1,2 Milliarden Mitgliedern hat da eine wichtige Vorbildfunktion.

Es sieht so leicht aus, ein paar Thesen über die zerstörerischen Seiten der globalen Wirtschaft aufzuschreiben und in einer Enzyklika, einem Lehrschreiben, zu verkündigen, wie Franziskus es getan hat. Doch an solchen Beobachtungen hat es nie gemangelt. Nur: Warum ändert sich so wenig zugunsten einer ökologischen Weltordnung, in der nicht nur die Umwelt pfleglich behandelt wird, sondern auch die Ausbeutung der Menschen in den armen Ländern durch die globale Wirtschaft ein Ende findet? In der internationale Nahrungsmittelkonzerne die bäuerliche Infrastruktur in Entwicklungsländern nicht mehr zermalmen und Urwälder nicht mehr zugunsten von Monokulturen zerstört werden? In der Energie und Rohstoffe nicht vor allem den Menschen in den reichen Länder zugute kommen, zugleich die wirtschaftliche Lage von Armen und Reichen nicht weiter auseinanderdriftet?

Umweltgipfel ohne wirksame Vereinbarungen

Eine ganze Reihe Gründe für die aus dem Gleichgewicht geratene Lage finden sich in dem Lehrschreiben des Papstes. Zum Beispiel diese:

  1. Die internationalen Gremien seien kraftlos. Den Umwelt-Gipfeln der vergangenen Jahre wirft der Papst vor: „Aus Mangel an politischen Entscheidungen haben sie keine wirklich bedeutungsvollen und wirksamen globalen Umweltvereinbarungen erreicht“.
  2. Unternehmen weltweit geht es vor allem um Gewinnmaximierung und Wachstum. Doch das, so der Papst, erhöhe die Produktion nur wenig, habe aber Folgekosten für Umwelt und Gesundheit, und zwar auch für die zukünftigen Generationen.
  3. Fortschritt werde überhaupt falsch definiert. Wirklicher Fortschritt strebe nach einer „besseren Welt und einer im Ganzen höheren Lebensqualität“.

Die Enzyklika erscheint vor wichtigen internationaler Konferenzen. Die UN-Generalversammlung vom 25. bis 27. September 2015 in New York will „nachhaltige Entwicklungsziele“ beschließen. Und auch die UN-Klimakonferenz vom 30. November bis 11. Dezember 2015 in Paris wird sich um konkrete Beschlüsse bemühen. Es geht um eine deutliche Verringerung der CO2-Emissionen und um Hilfen für arme Länder, die unter den Folgen des Klimawandels leiden. Der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm begrüßte die Grundanliegen der Enzyklika und erklärte: "Wir brauchen ein ökologisches Wirtschaftswunder. Deutschland kann für eine soziale und ökologische Marktwirtschaft Standards und Zeichen setzen und durch eine ökologische Transformation der Wirtschaft zeigen, dass ein gutes Leben möglich ist, ohne die Natur zu zerstören.“

Es ist klug und richtig, den Menschen einen Verzicht auf Luxus und Konsum nahezulegen. Veränderungen beginnen bei jedem selbst, beim Kleiderkäufer in einem deutschen Warenhaus, beim Weltreisenden, beim Konsumenten von Fleisch und Obst aus Übersee, beim Nutzer energiefressender Geräte.

Wir alle schwimmen im Geldmarkt mit

Veränderungen, das muss man selbstkritisch sagen, beginnen also auch bei den Kirchenmitgliedern, in diesem Fall den katholischen - immerhin mehr als ein Sechstel der Weltbevölkerung, eine gewaltige wirtschaftliche Macht. Und sie beginnt in den kirchlichen Organisationen selbst. Die deutschen Bistümer (und evangelischen Landeskirchen) profitieren von den Segnungen dieses Wirtschaftssystems im hohen Maße, und sie tun damit viel Gutes. Auch der Vatikan schwimmt im internationalen Geldmarkt mit. Er bezieht seine Finanzmittel auch von deutschen Steuerzahlern, denen es deshalb finanziell gut geht, weil sie Teil einer auf Gewinnmaximierung und Wachstum orientierten Wirtschaft sind. Die gescholtene Wachstumsideologie der Wirtschaft ist also eine von mehreren Voraussetzungen, dass es auch der Kirche gut geht.

Das soll den moralischen Appell des Papstes nicht schmälern. Aber die tiefe Skepsis gegenüber Industrie, Marktwirtschaft und Wirtschaftskonzernen, die aus der Enzyklika spricht, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass es den Menschen ohne Industrie, Marktwirtschaft und Konzerne bei weitem schlechter ginge. Es muss jetzt ­darum gehen, an den Stellschrauben des Systems kräftig nachzujustieren, nicht aber die Basis von Wohlstand und Fortschritt grundsätzlich in Frage zu stellen.

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