Ein Friedenskirchentag?

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Foto: iStockphoto

World map made of matches waiting for a spark

Den hatten die Veranstalter prognostiziert. Aber an den vergangenen vier Tagen in Stuttgart zeigte sich: Der Kirchentag betreibt längst kein politisches Agenda-Setting mehr. Er ist ein Stimmungsbarometer. Er spiegelt wider, wie das linksbürgerliche Lager denkt: ein wenig kritisch, sehr pragmatisch und auch ein bisschen gemütlich.

„Europa als Friedensprojekt“ – das hätte man auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag in Stuttgart doch mal kontrovers diskutieren können. Immerhin droht Europa in der Ukraine in einen Krieg hineinzuschliddern. Aber denkste! Stattdessen: Eine nicht einmal halb gefüllte Halle in der „Alten Kelter“, Stuttgart-Fellbach. Kein Widerspruch gegen die einhellige Zustimmung unter den Podiumsgästen zu den antirussischen Wirtschaftssanktionen. Kein Widerspruch gegen flammende antirussische Plädoyers.

Viel Applaus für die Mächtigen

Die Debatte in der Alten Kelter war symptomatisch: Besonders beunruhigt schienen die Kirchentagsbesucher nicht über die aktuelle politische Großwetterlage. Dafür spendeten sie den Mächtigen viel Applaus, der Kanzlerin oft sogar ohne erkennbaren Grund, einfach so. Offenbar vertraut man ihr und den anderen Politikern. „Lasst sie mal machen, sie machen’s doch gut“, das könnte die Devise sein. Wenn dieser Kirchentag etwas gezeigt hat, dann dies: Die Linksprotestanten haben sich eingerichtet mit ihrem politischen Personal. Keine Demos, keine großen Protestkundgebungen, keine Rebellion. Und keine hervorstechende politische Agenda. 

Widersprüchlicher Außenminister

Ähnliches zeigte sich auch beim Podium „Die Welt ist aus den Fugen“. Bedeutende Gäste vorne: Kofi Annan (Ex- UN-Generalsekretär), Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier und Bischof Lord Nick Baines. Die gigantische Hanns-Martin Schleyer-Halle war bis auf den letzten Platz gefüllt.

Steinmeier redete erst über Schutzverantwortung und über Waffenlieferungen an die Kurden im Irak. Wenig später schob er nach, dass die Bundesregierung keine Waffen mehr in Krisengebiete liefern wolle. Niemand monierte den Widerspruch. Zum Glück war da auch Kofi Annan, der daran erinnert, dass man selbst mit den Leuten vom Islamischen Staat reden müsse. Waffen lösen auch solche Krisen nicht.

Zu schnell bei militärischen Lösungen

Kirchentag 2015

Dieser Artikel ist Teil unserer Reihe über den Deutschen Evangelischen Kirchentag in Stuttgart. Weitere Texte finden Sie auf unserer Übersichtsseite.

Das Thema Frieden sei ihr zu kurz gekommen, sagte dann auch Margot Käßmann. Vor allem wie sich kirchliche Vertreter in dieser Debatte positionierten, dürfte der Reformationsbotschafterin nicht gefallen haben.

Vom „schuldig werden im Tun und im Unterlassen“ sprach Renke Brahms, Friedensbeauftragter der EKD. Von einer„Friedensethik angesichts von Terror und Gewalt“ sprach EKD-Ratsvorsitzender Heinrich Bedford-Strohm, um dann auszuführen: „Manchmal ist die militärische Lösung die einzige, Menschen zu schützen.“

Kriegsgewalt könne niemals Ultima Ratio sein, widersprach Markus A. Weingardt von der Stiftung Weltethos. Mit 33 Milliarden Euro sei das Budget für militärische Krisenprävention rund tausendmal höher als das der zivilen: „ Als würde man sich ein Auto für 30.000 Euro kaufen, 30 Euro in Bus und Bahn investieren und dann behaupten, man hätte ja alles für den öffentlichen Nahverkehr getan!“ Weingardt forderte eine „Armee ziviler Konfliktlöser rund um den Globus“. Wäre das nicht mal eine konsensfähige kirchliche Position?

Auch Cornelia Füllkrug-Weitzel von Brot für die Welt erinnerte daran, dass die internationale Schutzverantwortung nicht ausschließlich militärisch gedacht werden dürfe. Sie forderte Prävention, Reaktion, Nachsorge in Krisenherden: „Konflikte kündigen sich früh an.“ Auch Versöhnung nach den schlimmsten Gewaltexzessen kann funktionieren, sagte Denise Uwimana-Reinhardt in ihrem aufwühlenden Vortrag in der Stiftskirche, eine Überlebende des Genozids in Ruanda.

Umstrittenes Kirchenasyl

Doch auch die Kirchentagsbesucher verlangen von ihrer Kirche keine ambitionierten politischen Forderungen in Sachen Friedenspolitik – jedenfalls nicht mehrheitlich. Bei einem politischen Thema wirkten sie allerdings deutlich wacher und aufgewühlter als sonst: bei der Debatte ums Kirchenasyl. CDU-Innenminister Thomas de Maizière und Kathrin Göring-Eckardt (Bündnis 90/Die Grünen) zankten sich, ob Kirchenasyl ziviler Ungehorsam sei oder ein legitimes, durch den weiten Rahmen des Rechtsstaats gedecktes Mittel. Und Reaktionen und Fragen aus dem Publikum zeigten: Hier sitzen Leute mit Ahnung und Erfahrung. Doch wieder verlangte das Publikum keine weitgesteckten Ziele (Öffnung der Grenzen, Wohlstand teilen) sondern begnügte sich mit den praktischen Fragen (Vorratsbeschlüsse zum Kirchenasyl in Kirchengemeinden, Härtefallregelungen). 

Lösungen im Kleinen

Wenn der Kirchentag eines gezeigt hat: Der Linksprotestantismus ist weniger kampfbetont als früher. Man sucht nicht den großen politischen Streit sondern die Lösungen im Kleinen. Der Kirchentag bietet die Gelegenheit, sich darüber zu informieren und auszutauschen. Politisches Agenda-Setting wie in seiner Frühzeit (neue Ostpolitik, Protest gegen Nachrüstungsbeschluss, Konziliarer Prozess) geschieht hier schon lange nicht mehr.

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Lesermeinungen

Zitat des Genozidforschers Dr. Reinhardt: "Ähnlich berichtete ..aus dem Kosovo ..., dass die Menschen dort unendlich dankbar sind für das militärische Eingreifen".

Und große Gruppen auf Kirchentagen, versammelt um die Friedensikone Käßmann, sagen und beten genau um das Gegenteil. Sie wünschen die Wehrlosigkeit in der Hoffnung, dass sie das Vorbild auch für den Bösesten Kriminellen und den unverbesserlich religiös ode politisch Verwirrten werden können. Eine solche Verniedlichung der natürlichen menschlichen Schwächen ist nicht nur wunderlich, sie nehmen auch die Toten als Kollateralschaden ihrer eigenen überbordenden und angeblichen Menschlichkeit in Kauf.

Diese weltfremde Grundhaltung ist doch nur möglich, weil deren Anhänger in einer sorglosen und ungefährdeten Gemeinschaft leben. Dafür sollten sie zu allererst dankbar sein. Statt dessen wurde in Stuttgart und vorher in Dresden gejammert, lamentiert und unser Land nahezu mit einer Teufelsherschaft gleichgesetzt. Es geht wohl all denen viel zu gut.

Was war denn nun in Stuttgart? Ein Kirchentag oder eine Politikveranstaltung? Gar ein politischer Kirchenparteitag der Grünen? Eine andere Berichterstattung war sowohl hier als auch in der Presse kaum zu hören. Mir wird ganz unheimlich wenn ich an die ev. Kirche denke. Wie weit hat sie sich denn schon vom Glauben entfernt und als Ersatzreligion die typisch deutsche Naturseligkeit übernommen? Man mischt sich unverdrossen in die Politik ein. Was wäre, wenn sich die Politik in die religiösen und politischen Glaubensfragen (gibt es da noch Unterschiede?) einmischen würde? Gleiches Recht für Alle!

Konfliktlöser sind keine Dosenöffner. Esgibt die ehrenamtlichen Schlichter in den Kommunen, die aber hier nicht gemeint sind.

Kofi Annnan hätte also gerne eine Armee ziviler Konfliktlöser die es fertig bringt, selbst mit den Leuten vom Islamischen Staat zu reden. Das wäre eine Armee der Wunschdenker, für die die Lichtgeschwindigkeit noch zu langsam ist. Abwegiger kann man ja wohl kaum die Welt verstehen wollen. Oder verursacht in diesem Fall das Alter Turbulenzen? Warum denn nicht gleich der Partei (wollte auch in den Bundestag) der Transzendentalen Meditation beitreten, die doch vor Jahren in einem Stadion mit 15000 Gefolgsleuten allein durch die Macht der Gedanken die Welt, oder doch zumindest einen kleinen Teil davon, bewegen wollte. Wenn solche Personen und Vorschläge auf dem Kirchentag bejubelt werden, war es doch wohl eher eine Versammlung von vollkommen irrationalen Glückskindern, denn es vermutlich einfach zu gut geht, als das sich noch in der Lage sind, Realitäten wahr zu nehmen. Auf diesem Acker wächst auch der Geist der Toleranz der Intoleranz, bis hin zum Suizid aus Verweigerung der Notwehr. Oder: Liebet auch den Nächsten mit dem Schwert, das mich beendet. Wer die christliche Nächstenliebe so kategorisch auslegt, der pervertiert sich selbst.

OCKENGA schrieb am 11. Juni 2015 um 17:21: "Kofi Annnan hätte also gerne eine Armee ziviler Konfliktlöser die es fertig bringt, selbst mit den Leuten vom Islamischen Staat zu reden." Der Ausdruck "ziviler Konfliktlöser" geistert bei der EKD herum, nicht beim Exhäuptling der UNO. Es trifft aber zu, dass Kofi Annan nichts vom offenbar erzchristlichen Standpunkt hält, den Feind einfach erfolgreicher abzumurksen als der das hinbekommt und damit basta.

Eine gute Analyse.

In der Tat ist die Evanglische Kirche heutzutage weitgehend auf der Seite der Mächtigen und der Politik. Der parlamentarisch-demokratische Sozialstaat mit seinen gegenwärtigen Machtverhältnissen ist für die Kirche die allergrößte Errungenschaft seit der Auferstehung Christi. Wobei letztere den meisten wohl mittlerweile als Mythos gilt.

Wenn dich die Kirche Problemen annimmt, sind es vor allem "soziale Probleme", die gelöst werden sollen, indem Poltiker mehr Geld in die Hand nehmen und den Steuerzahlern wegnehmen. So vertritt dann die Kirche Standpunkte wie: "Private Vermögen sind zu groß; mehr Geld für den Staat, der braucht es dringender, als der Einzelne". Außerdem sollte es natürlich möglichst viele Verbote und Verzichtspflichten geben, damit Deutschland "nachhaltiger" wird. Statt der Apokalypse droht der Welt mittlerweile der Klimawandel, bei dem allein ein Harter politischer Durchgriff auf Kosten der Freiheit des Einzelnen die Erlösung bringen kann.

Private Insitutionen wie Unternehmen oder durch spenden Finanzierte Freikirchen sind hingegen für die Kirche hingegen irgendwas zwischen Duldungswürdig oder Verbrecher, gegen die die Politik hart durchgreifen sollte. Ökonomisches Denken lehnt die Kirche aus Prinzip ab, den es liefe ja darauf hinaus, Menschen nach ihrem Nutzen zu bewerten.

Bedauerlicherweise wird in Gottestdiensten dann immer über dieselben Themen gepredigt wie in der Tageschau. Irgendwas mit Politik, Bürgerkrieg, sozialen Scheren, das die Gesellschaft immer schnellebiger wird und das ganze dann noch links-gutmenschlich-wehleidig aufgeladen. Nur sind das leider Probleme, die die meisten Menschen im Alltag ungefähr Null bewegen. Ob irgendwo in einem Bürgerkrieg in fremden Kontinenten irgendwer vergewaltigt oder massakriert wird, ist den allermeisten Menschen herzlich egal - die sorgen sie um die Abbezahlung ihre Eigenheimkredits. Die Probleme der - nicht verbeamteten Menschen jedenfalls - sind privat und nicht politisch. Und für viele Menschen sind unsere Politiker immer noch ahnungslose Dummschwätzer, die unser Geld verantwortungslos verprassen und sich durch undurchdachte Gesetzesmassenproduktion profilieren - und sie fühlen sich wenig angesprochen, wenn von der Kanzel ständig das Hohelied auf die Errungenschaften der Politik gesungen wird.

Allein schon der Begriff "Linksprotestantismus" hat mit dem Glauben, mit der religiösen Botschaft, nichts mehr zu tun. Die mit Links verbundene Einseitigkeit lähmt Religion und Politik. Wir haben uns daran gewöhnt, dass Religion und Politik miteinander bis zur jeweiligen Unkenntlichkeit vermischt werden. Damit ist ein Zustand eingetreten, der Religion und Politk keine eigenen unzweideutigen Alleinstellungsmerkmale zuerkennt. Dieser Zustand kann als normal gelten, denn schon von den Römern, die das Christentum als Staatsreligion inthronisierten*, war eine Trennung nie vorgesehen. Wohlwollend verbunden war damit auch der universale diktarorische Machtanspruch, sowohl über die Gläubigen als auch über den Staat und seine Macht.

Auch die ev. Kirche ist nach wie vor ein Sklave des Konkordates und damit in innigster Verbundenheit zum Geld, zum Staat, zur Macht. Nur aus dieser finanziellen Geborgenheit ist es möglich, gegen den eigenen sie nährenden Staat zu löcken und von der erhoben Kanzel für die einfältig Gläubigen per Wunschdenken idealisierte Zustände als demnächst greifbar erscheinen zu lassen. Wer immer noch beklagt, dass Glaube und Geld zwei unvereinbare Gegensätze sind, der hat die Welt noch nicht vertanden. Sowohl der Glaube und die Kirchen als auch die durch sie fundamentierte Politik werden damit zum Spielball der menschlichen Schwächen. Wäre dem nicht so, hätten wir bereits das Paradies auf Erden.

* Übrigens Inthronisation: Die weltlichen Herrscher waren nahezu 1600 Jahre auf die geistliche Legitimation (Segen) der Kirche angewiesen. Das Gottesgnadentum hätte am liebsten der gesamte Adel für sich beansprucht. Die Kanzel war und ist bis heute nicht nur das arrogant von oben erhobene Haupt, es ist auch der Thron der nach wie vor erwünschten Macht. Allerdings ticken die Macht-Uhren inzwischen doch etwas anders. Und darüber wird dann unverdrossen gejammert. Eine Lösung dieses Knäuels von Unvereinbarkeiten ist nicht in Sicht.

OCKENGA schrieb am 12. Juni 2015 um 9:44: "Die mit Links verbundene Einseitigkeit lähmt Religion...". Deswegen hat der liebe Gott ja bei den Rechten die Vielseitigkeit eingeführt. Die können immer wählen, ob sie das Rabenschwarze oder das Kackbraune bevorzugen. Diese Vielfalt hilft dann der Religion, dem Glauben und dem Schöpfer aller Dinge ungemein auf die Sprünge......

Ein Kirchentag, der kaum 1000 Menschen zu einer Friedenskette vereinen konnte, ist an seinen eigenen Zielen gescheitert. Den Linksprotestantismus gibt es gar nicht mehr. Die wenigen Veteranen waren in Bielefeld beim Linken-Parteitag oder in Garmisch zum Protestieren. Studien und Umfragen bieten seit Jahren das gleiche Meinungsbild: weder Bürger noch Christen wollen einen kirchen-politischen Einmischungs-Circus. Trotzdem gibt es "immer mehr des gleichen" im Watzlawickschen Sinn.
Und immer weniger von dem, was wirklich Zeitansage bewirkt und Menschen bewegt, "dem Rad in die Speichen zu fallen": Jesus Christus. Indiz dafür war die fehlende Erinnerungskultur für das "Stuttgarter Schuldbekenntnis". Ein erschütternder theologischer Fehltritt. Mehr Mut zur eigenen Geschichte zu stehen, mehr Barth und Bonhoeffer, mehr "solus christus" und wir hätten einen international bemerkenswerten Schritt auf dem Weg zum Reformationsjubiläum getan. Auch unsere ruandischen Geschwister lassen sich von diesem Geist bewegen, wie der vorige Kommentar zeigt und auch der Moderator des Reformierten Bundes Peter Bukowski in seiner letzten Ansprache anmahnte. Wenn wir gemeinsam mit den Christen aus Ruanda wieder öfter das alte Lied anstimmen: "Welch ein Freund ist unser Jesus..." könnte sich für uns und für viele, die Rettung dort draußen brauchen, wieder etwas ändern. Links- und Rechtsprotestantisch.

Es ist richtig, dass meine Frau (und ich) in diesem Podium des Kirchentags von vielen erstaunlichen Beispielen von Vergebung und Versöhnung (was übrigens nicht dasselbe ist, Vergebung ist einseitig möglich) in Ruanda berichten können. Aber als evangelisches Magazin hätten Sie doch erwähnen sollen, dass Denise und die meisten derer, die zu dem eigentlich Unmöglichen imstande sind, dazu sagen: es war nur möglich aus der Kraft Christi, der am Kreuz für unsere Sünden und Schmerzen starb. Und man darf die Vergebung nicht aus dem Zusammenhang reißen: Denise konnte erst Jahre später der UNO vergeben, auf die sie lange sauer war, weil ihre Friedenstruppen in Ruanda waren und abgezogen wurden anstatt die wehrlosen Tutsi zu schützen. So blieben nur ein paar Beobachter übrig, die zuschauen durften, wie im Schnitt pro Tag 10.000 Tutsi (und einige gemäßigte Hutu) auf grausamste Weise umgebracht wurden - es war ja eine Gnade, erschossen zu werden.
Und Sie hätten auch von unserer Überzeugung berichten können, dass es zynisch ist, die skrupellosen fanatischen Völkermörder damals in Ruanda oder jetzt vom "Islamischen Staates" oder anderen nicht zu stoppen und von dem zu raisonnieren, was man hätte vorher tun müssen. Das ist in solch einem Zeitpunkt zutiefst unmenschlich und friedensfeindlich. Vorbeugend muss man tun, was man kann, aber wenn Tausende von Menschen massakriert, vergewaltigt und versklavt werden, ist es ein Gebot der Nächstenliebe, dem auch mit militärischer Gewalt Einhalt zu gebieten! Das sagen wir, die wir nicht am grünen Tisch diskutieren, sondern seit Jahrzehnten für die Heilung der traumatischen Folgen und Versöhnung in Ruanda engagiert sind und Tausende von Hiobsgeschichten kennen. Ähnlich berichtete es der Vertreter aus dem Kosovo in unserem Podium, dass die Menschen dort unendlich dankbar sind für das militärische Eingreifen (das ja auch dort nicht das einzige ist, was getan wurde), weil sonst noch viel mehr Menschen umgebracht oder vergewaltigt worden wären.

Dr. Wolfgang Reinhardt
(Theologe und Genozidforscher, Aktivist für Überlebende
des Völkermords in Ruanda