Sowjethelferin Olga Kosorez

Sie zog die Gefahr an
Olga Kosorez im ­Buero von Memorial

Foto: Oksana Yushko

Olga Kosorez berät noch immer als ­Juristin im ­Büro von Memorial.

Soldaten der Roten Armee befreiten Deutschland - und zahlten einen hohen Preis dafür. Unter ihnen auch: Olga Kosorez

Olga Kosorez war als Funkerin an der Front. Sie kam bis Berlin. Dann wurde sie Juristin. Auch mit 94 Jahren berät sie noch Opfer staatlicher Willkür. Einmal pro Woche, im winzingen Büro der Menschenrechtsorganisation Memorial. Anfangs spricht Olga Kosorez mit einer dünnen Altfrauenstimme, dann wird ihre Stimme weich und voll, wie die einer jungen Frau.

Danke, Viktor!

 Frauke Thielking

Vor 70 Jahren gab sich das faschistische Deutschland endlich geschlagen. Das Kriegsende war nicht schön für die meisten Deutschen. Und es war eine Befreiung, für die die Soldaten der Roten Armee einen hohen Preis zahlten. Zum Artikel.

An einem Sonntagvormittag, dem 22. Juni 1941, war die 20-jährige Jurastudentin mit dem Bus unterwegs zu einem Rendezvous, stieg aber am Bolschoi-Theater wie alle aus, um die Radioerklärung von ­Außenminister Molotow zu hören: Morgens um vier hatte Deutschland die Sowjetunion überfallen. Olga meldete sich zum Bau des Verteidigungsrings um Moskau. Später arbeitete sie in der Feindaufklärung hinter der Front, dann als Funkerin an der Front.

Sie war eine von fast einer Million Frauen, die in den sowjetischen Streitkräften dienten. Die meisten frontfern – als Wäscherinnen oder Scheinwerferbedienerinnen bei der Flugabwehr. Andere waren direkt an der Front – als Soldatinnen, als Sanitäterinnen, die unter feindlichem Feuer Verwundete aus dem Feld zogen, oder eben als Funkerin für einen mili­tärischen Stab, so wie Olga. Wäre sie den Deutschen in die Hände gefallen, hätten die ­sie sofort erschossen als „entartetes Weib“.

Olga aber kam bis Berlin. Was sie wundert, so oft wie sie in Gefahr war. Einmal wurde sie um ein Haar lebendig begraben, zusammen mit den Toten nach einer Granatenexplosion. Sie war aber nur ohnmächtig gewesen. Einmal erfror sie fast, als sie nachts alleine zu einer anderen Einheit marschierte, um eine Nachricht zu überbringen. Zwei Tage lag sie auf dem Ofen, bis sie sicher war, dass sie doch noch lebte.

Und jetzt muss sie nach Hause. Alles tut ­ihr weh, überall sei sie wegen Krebs operiert. Dabei würde sie so gern noch Freunde be­suchen, in Holland, in Israel... „Ich habe ja schon viele Jahre meinen Urlaub nicht in Anspruch genommen“, sagt sie und kichert.

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