Arbeit als Experimentalarchäologin

Knochen sind ihre Spezialität
Anja Probst-Boehm am Bach. Beim Einweichen der Rohhaut des Dechsels.

Foto: Ann Sophie Stolz

Die Experimentalarchäologin baut Steinzeitwerkzeuge nach und entdeckt dabei die Langsamkeit

Anja Probst-Böhm, 31:

Bei meiner ersten Feuchtbodengrabung stand ich da und sagte nur immer wieder: Toll! Himbeersamen aus der Jungsteinzeit! Wir fanden sogar die Holzstämme, auf denen die Pfahlbauten in der Bodenseeregion standen. Das hat sich alles erhalten, weil es unter Luftabschluss im Wasser liegt – zum Beispiel im ­ Moor oder unter Feuchtwiesen. Das ist für mich schöner, als Gold zu finden.

Und erst die Werkzeuge! Die Menschen in der Jungsteinzeit, haben nicht so primitiv gelebt, wie man sich das immer vorstellt. Ja, sie hatten noch keine Schrift um 4000 vor Christus, auch noch kein brauchbares Metall für Werkzeuge. Aber sie haben sich beholfen. Ihre Werkzeuge waren hocheffektiv. Was Besseres hätten sie nicht herstellen können.

Mich interessiert der Alltag der Menschen damals: Was haben die alles an Material und Werkzeugen gebraucht, um ihren Alltag zu bewältigen? Für meine Promotion als Experimental­archäologin baue ich Knochenwerkzeuge nach und vergleiche die Gebrauchs- und Herstellungsspuren an meinen Werkzeugen mit den Spuren an den Funden. Geld verdiene ich vor allem damit, dass ich Werkzeuge für Museen nachbaue.

Kein Vergleich zu Baumarktware

Mein Lieblingswerkzeug ist derzeit ein Meißel aus Elch­knochen. Damit kann man Löcher aus Holz stemmen. Knochen halten mehr aus, als man denkt! Man muss sich nur trauen draufzuschlagen. Ich arbeite damit schon drei Jahre, mehrmals ist ein Stück abgebrochen, er hat auch zwei lange Risse – trotzdem kann man noch immer mit der gleichen Kraft draufschlagen. Jedes moderne Werkzeug wäre längst auseinandergebrochen.

Demnächst baue ich eine Axt nach, bei der die Schneide aus Hirschgeweih ist. Damit kann man zwar keine richtig dicken Eichen fällen, das geht besser mit einem Steinbeil. Aber guten Stein musste man in der Steinzeit von weit her handeln. In Oberschwaben gab es zum Beispiel nicht so guten Feuerstein wie in Frankreich. Steinbeile waren also wertvoll. Tierknochen dagegen hatte man viele. Und mit Knochenbeilen kann man die Bretter für einen Brunnen oder ein Haus schneller und auch präziser bearbeiten als mit Steinbeilen. Die Menschen von damals sind immer präsent, wenn ich auf einer Grabung bin. Ich denke ja dauernd über die Funde nach: Zu was war das gut? Und manchmal findet man sogar ihre Fußspuren, zum Beispiel in der Seekreideschicht am Ufer des Bodensees. Da läuft mir schon ein Schauer runter.

Derzeit wartet man mit größeren Grabungen, bis neue Technologien da sind. Früher ging viel kaputt, weil die Archäologen alles mit der Zahnbürste saubergeschrubbt haben. Mit den neuesten Methoden kann man auch feine Substanzen wie Fette und Milchsäuren analysieren – etwa mikroskopisch kleine Essensreste an Scherben. In zehn Jahren kann man sicher noch mehr. 

Steinzeitmenschen lebten langsamer – und zufriedener

Ich glaube, die Menschen in der Steinzeit waren zufriedener als wir heute. Obwohl sie viel und schwer arbeiten mussten. Den Zeugnissen nach, die sie uns hinterlassen haben, scheinen sie ­jedenfalls nicht unglücklich gewesen zu sein. Denn sie waren kreativ, machten auch viel Kunst, zum Beispiel die Venusfiguren. Und für so eine Schnitzerei braucht man Ruhe.

Ich merke das bei den Knochen genauso. Wenn ich nicht zur Ruhe gekommen bin, zu viel anderes im Kopf habe, dann kann ich kein Werkzeug herstellen, dann geht es mir kaputt. Ich muss mir sagen: Ich nehme mir jetzt die Zeit, das ist in Ordnung. Mit so einem Beil bin ich schon eine Woche beschäftigt. Ich muss am Knochen ja erst einmal mit einem Feuerstein Sägerillen machen, damit ich ein kürzeres Stück bekomme. 

Damals haben die Sachen die Zeit gebraucht, die sie gebraucht haben. Wenn man Leinen hergestellt hat zum Beispiel, dann ­dauerte das Rösten des Flachses nun mal vier bis sechs Wochen. Das musste nicht schnell, schnell sein. Die hatten nicht so ein stressiges Leben wie wir heute. Wehe, man braucht zwei Semester länger fürs Studium.

Aber natürlich bin ich auch über vieles heute froh: dass ich per Telefon und Internet mit Leuten von überall Kontakt haben kann. Und vor allem: dass ich morgens nicht erst das Feuer anfachen muss, um es warm zu haben.

Protokoll: Christine Holch

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