Digitales Desaster

Illustration: Nicolas Mahler

In Ruhe nachdenken – das war mal, sagt Birgit Schönberger. Heute blubbt der Computer mit Pop-ups ständig dazwischen. Ein Hilfeschrei

Ich muss Sie warnen. Jetzt kommt gleich ein analoger Shitstorm. Ich hab die Faxen dicke von der digitalen Welt. Wenn Sie das nicht lesen wollen, sollten Sie jetzt einen Schutzfilter aktivieren.

Also: Mein inneres Betriebssystem kommt nicht mehr mit. Man hat mir wohl aus Versehen eine Dinosauriersoftware eingebaut. „Konnte nicht heruntergeladen werden“, meldet mein System ständig und weigert sich, neues Infofutter zu verarbeiten. Meine Dinosauriersoftware lässt mich an vorsintflutlichen Bedürfnissen festhalten, wie zum Beispiel Termine in einem Papierkalender aufzuschreiben. Wenn ich das im Beisein von Kollegen tue, schauen sie mich an, als sei ich ein Alien. Wahrscheinlich denken sie, dass ich auch ein Plumpsklo auf dem Balkon habe.

Ich will nicht zurück in die Steinzeit, ich muss nur mal über die Kollateralschäden meiner digitalen Existenz sprechen.  Einer meiner Lieblingssongs lautet „Nieder mit IT!“ von Pigor & Eichhorn. „Rache für die gebrochenen Versprechen von IT.“ Wenn ich richtig schlecht drauf bin, weil mein Drucker mal wieder den Dienst verweigert, hör ich mir diesen Song auf Youtube an. Und singe laut mit. Mein Leben ist nämlich komplizierter geworden, obwohl man mir verspricht, dass alles einfacher wird. Vielleicht habe ich den Simplify-Button noch nicht gefunden.

Kennengelernt ohne Matching Points

Früher war ich hauptsächlich damit beschäftigt, Interviews zu machen, zu recherchieren, nachzudenken und zu schreiben. Heute bin ich Reiseverkehrskauffrau, Facility-Managerin, Ver­sicherungsfachfrau, Bankerin, Netzwerkerin und meine eigene Führungskraft. Ständig ermahne ich mich selbst und erinnere mich an anstehende Aufgaben. Vor langer Zeit habe ich mal Freundschaften gepflegt, inzwischen mache ich Powernetworking und versuche immer, möglichst viele auf einen Termin zu legen, um Synergien zu erzeugen.

Meine Xing-Kontakte kenne ich mittlerweile besser als meine Nachbarn. Was ich an meinen Nachbarn schätze: Ich kann mir ein analoges Ei borgen, da nutzt einem auch ein iPad nichts, noch kann man Eier nicht downloaden, aber das kommt sicher bald. 

Ich bin übrigens stolz darauf, die letzte Frau zu kennen, die ihren Liebsten in einer Bar kennengelernt hat, ohne vorher die Matching Points ausrechnen zu lassen. Meine Freundin Susi war so unerschrocken, den Kerl, der neben ihr stand und Caipirinha trank, einfach anzusprechen, ohne ihn vorher zu googeln. Das erfordert wahren Heldinnenmut. Meine Prognose für den Liebesmarkt: Das Nächste, was kommen wird, ist das Portal Carship. Singles geben ihre Automarke ein und bekommen dann Besitzer von passenden Marken vorgeschlagen. Heute sind kompatible Statussymbole wichtiger als kompatible Seelen. Seele. Auch so ein altmodisches Wort. Ein Teil von mir ist wohl in der Romantik hängengeblieben und hat den Transfer in die Moderne nicht geschafft. Irgendwas mit der Konvertierung ist schiefgelaufen.

Dauernd macht es irgendwo blubb

Apropos Konvertierung: Ich bin schon beinahe bekehrt. Zum neuen Trend Liquid Democracy. Doch, ehrlich, ich stehe auf ­Liquid Democracy, ich liebe alles, was flüssig ist. Leider. Aber auch hier scheitere ich an meiner Dinosauriersoftware. Wenn ich es endlich geschafft habe, die Petitionen, die ich unterschreiben soll, von den Kettenbriefen zu unterscheiden, die mir ewiges Pech und alles Unglück dieser Welt androhen, falls ich mich ­weigern sollte, den Brief innerhalb von 12 Stunden an 24 Freunde zu verschicken. Wenn mir das also gelungen ist, fordert mein antikes Bewusstsein seinen Tribut. Ich denke – und das ist natürlich totaler Retroquatsch – ich sollte mich erst mal informieren, recherchieren, ein kluges Buch lesen, Argumente abwägen, den Denkvorgang vorläufig abschließen und dann eine fundierte Entscheidung treffen. Fundierte Entscheidung. Wie das schon klingt. Wie Stoffwindeln.

Jedenfalls gelingt es mir nicht mehr, etwas zu Ende zu denken, weil immer irgendwer und irgendwas schreit: Druck mich aus! Öffne mich! Schließe mich! Aktiviere mich! Kontaktiere mich! Ruf mich an! Date mich up! Hundert offene Denkvorgänge laufen ständig parallel. Mein Gehirn ist voll mit Pop-ups. Dauernd macht es irgendwo blubb. Und wenn ich dann endlich zu einem Ergebnis kommen will, meldet mein Entscheidungszentrum im Kopf: „Zur Zeit sind alle Entscheiderplätze belegt. Bitte versuchen Sie es zu einem ­späteren Zeitpunkt. Oder besuchen Sie uns im Internet.“

Private Passwortinsolvenz ­

Theoretisch könnte ich mein Entscheidungszentrum im Netz natürlich besuchen. Praktisch kommt es dazu nicht, weil ich  dicke Probleme habe. Neulich war ich kurz davor, private Passwortinsolvenz ­anzumelden und meine Rest­identität bei eBay zu versteigern. Doch ich hatte zum 23. Mal mein Passwort vergessen und konnte mich vor Schreck nicht mehr an den Mädchennamen meiner Mutter erinnern. eBay schmiss mich hochkant raus. Da bin ich aufgewacht. So geht es nicht weiter. Ich bin viele, das war mir immer schon klar, dumm nur, dass ich den Überblick verloren habe, unter welchen Pseudonymen meine multiplen Identitäten im Netz unterwegs sind. ­Crazy007, palma19xy, schöni2000?! Ich wollte alles richtig machen mit kryptischen Zahlen- und Zeichenkombinationen. Und – ich schwöre, dass ich das wirklich vorhatte – mich eines schönen Tages hinsetzen und eine Liste anlegen mit sämtlichen TANs, PINs und Net-Keys. Diese Liste wollte ich verschlüsseln, kopieren und an einem geheimen Ort deponieren und dann das Original vernichten. Ich habe auch tatsächlich ein super Versteck gefunden. Es ist so perfekt, dass ich keinen Schimmer habe, wo die Daten sind. Ich musste also alle Passwörter wieder ändern.

Mein einziger Trost, ich bin nicht alleine mit meinem Problem. Icebreaker, Lupus und Millionen andere Hilfesuchende schreien in Internetforen: „Gebt mir ein Passwort- und PIN-Depotprogramm!“ Ich war kurz davor, einen dieser hochbegabten Sticks zu bestellen, und hatte das Log-in bravourös bewältigt. Doch dann wurde mir klar, dass das völlig unnötig ist. Da das Management meiner Passwörter und sonstigen Daten mittlerweile den größten Teil meiner Arbeitszeit frisst, komme ich nicht mehr zum Geldverdienen. Das Konto ist leer. Ich kann meine TANs also be­denkenlos auf Youtube veröffentlichen. Bediene sich, wer will. Manche Probleme lösen sich von selbst, ohne Software. Das lässt mich zuversichtlich in die Zukunft blicken.

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Lesermeinungen

beeindruckend...! der hilfeschrei verklingt nicht ungehört... !
aber sie sollten sich was schämen, mit dem technischen schrott, hier das christentum zu verbrämen ! der digitale schrott vergiftet außerdem den himmel... , nachdenken ist immer gut !