Manfred Lütz über unnötige Psychotherapien

Gedränge auf der Couch

Magda Wel

Heute wird jedes Seelengrummeln therapiert. Manfred Lütz meint: Vielen Hilfesuchenden wäre mit einem Freund besser geholfen

„Ich möchte ganz werden“, so erklärte mir eine Frau telefonisch, warum sie Psychotherapie bei mir wolle. Sie hatte mich gerade im Fernsehen gesehen und hielt mich wohl für eine Art Guru. Ich lehnte höflich ab, denn kein seriöser Psychotherapeut kann eine solche Sehnsucht erfüllen. Doch Medienpräsenz und Psycho­kompetenz lösen nicht selten ganz unmäßige Assoziationen aus. Und das ist kein Einzelfall. Nicht mehr der liebe Gott oder der Herr Pastor, sondern Psychofachleute und Therapiemethoden gelten als Vermittler von Glück und Heil. Dabei ist das ein einziger Bluff! Psychofachleute können im besten Fall erfolgreich psychische Störungen behandeln. Vom Leben und seinem Sinn wissen sie nicht mehr, sondern vielleicht sogar weniger als eine alte Frau aus der Eifel, die manche Lebenskrise bewältigt hat und dennoch nicht verzweifelt ist.

Die Therapiewelt hat keinen Sinn, sondern nur einen Zweck. Der einzige Zweck der Psychowelt, in der ich mich professionell aufhalte, ist die Therapie von psychischen Krankheiten. Die existenziellen Erfahrungen dagegen, die Erfahrung von wirklicher Liebe, von Gut und Böse, vom Sinn des Lebens oder von Gott kommen  in der Psychowelt gar nicht vor, genauso wenig wie in den anderen künstlichen Welten, in denen wir uns unvermeidlich aufhalten, in der Medienwelt, der Wissenschaftswelt und der ­Finanzwelt. All diese Welten sind zwar wichtig und nützlich, doch sobald man ihnen mehr Realität zuspricht als dem eigentlichen wirklichen Leben, läuft man Gefahr, sein eigenes unwieder­holbares Leben aus Versehen zu verpassen. Nicht also nur der Psychogläubige lebt in einer falschen Welt, sondern auch wer die ­„Tagesschau“ für realer hält als die Tränen der eigenen Tochter, wer glaubt, die Welt sei nur das, was die Wissenschaft beschreibt oder wer das, was an der Börse passiert, für den Ernst des Lebens hält.

Psychofachleute werden zu allem und jedem befragt

In einer religionsmüden Zeit fasziniert freilich gerade besonders die Seelenwelt viele Menschen. Psychofachleute werden daher zu allem und jedem befragt. Wer keinen persönlichen Coach hat, der liest wenigstens einen Ratgeber, der die Kompetenz des Autors hochleben lässt und das eigene Ungenügen schonungslos offenlegt. Nichts gegen den einen oder anderen Tipp. Aber natürlich gibt es in Wirklichkeit nur einen einzigen Menschen, der für das eigene Leben wirklich kompetent sein kann: man selbst, mit allen Fähigkeiten und Unfähigkeiten, Lösungen und Problemen, Sehnsüchten und Enttäuschungen. Niemand anders hat das ­eigene Leben schon mal gelebt, kennt genau die Mitmenschen, die man selbst kennt, und war genau der Situation ausgesetzt, der man selbst jetzt gleich ausgesetzt sein wird.

Die Ungewissheit des Lebens schafft einen Markt für feierliche Pseudosicherheiten. Und weil mehr denn je gilt: „Wer nichts mehr glaubt, glaubt alles“, ist inzwischen fast jeder Unsinn verkäuflich. Aus der angeblichen Höhe der Psycho­kompetenz verkündet, findet jede Heilslehre geradezu blinde Gefolgschaft. Längst überholte Methoden, die nach dem Motto vorgehen: „Sie lächeln so, was verdrängen Sie?“ oder: „Sie haben ein Problem, da hätt’ ich noch eins für Sie, frühe Kindheit und so...“, schaffen es, aus bers­tend gesunden Mitbürgern verunsicherte Seelen zu machen.

Schwer depressive Menschen warten heute manchmal drei Monate auf einen ambzulanten Therapieplatz

Normale Lebensprobleme werden zu veritablen Krankheiten hochgejazzt, leichte Störungen zu schweren Beeinträchtigungen. So ist der verschwiegene Skandal unserer Tage, dass dadurch mittlerweile für die wirklich psychisch Kranken nicht mehr genügend Therapieplätze zur Verfügung stehen. Während ich vor 30 Jahren binnen zweier Tage einen ambulanten Therapieplatz für einen schwer depressiven Patienten bekam, kann das heute drei Monate dauern. Man tut einfach alles, um die eigenen Psychomethoden an den Mann und an die Frau zu bringen. Es wie bei Stan und Olli, wo Stan in einer Straße die Scheiben einwirft und Olli dienstbereit als Glaser hinterherkommt. Das betrifft natürlich nicht alle Repräsentanten dieses Fachs, aber wenn sogar die neueste, fünfte Fassung des amerikanischen Klassifikationssystem DSM eine länger als zwei Wochen währende Trauer zur psychischen Störung erklärt, dann hat das nichts mehr mit Wissenschaft zu tun, sondern mit hemmungsloser Geschäftemacherei. Auf diese Weise ist inzwischen ein ­gigantischer Markt entstanden, der im Ergebnis freilich nicht Heil und Heilung produziert, sondern Unglück und Ratlosigkeit.

Wie das funktioniert, kann man beispielhaft an der Karriere des Burn-out-Begriffs ablesen. Ursprünglich der gut gemeinte, aber eher misslungene Versuch, ein diffuses Störungsbild näher zu fassen, handelt es sich beim Wort Burn-out heute vor allem um einen Marketingbegriff, der eine ganze Burn-out-Industrie unter Dampf hält. Das Problem dieses Begriffes ist vor allem, dass darunter unterschiedliche Phänomene gefasst werden: zum einen echte psychische Krankheiten. Prominente Burn-out-Patienten erklären im persönlichen Gespräch, dass sie natürlich eine Depression gehabt hätten. Zum anderen firmiert inzwischen aber jede leichte Befindlichkeitsstörung als Burn-out, was auch an Zeitungsartikeln liegt, die die über 70 Symptome des Burn-out-Syndroms so ins Licht stellen, dass im Grunde jeder Leser denkt, der Autor habe speziell ihn gemeint. Wer ist nicht mal schlaflos, unkonzentriert und von irgendeiner Aufgabe überfordert! Am folgenreichsten aber ist die unter dem Titel Burn-out laufende Verwechslung von existenziellen Krisen mit psychischen Erkrankungen.

Heute fehlt oft der Trost von Religion, von Familie, von lebensweisenden Menschen

Wenn eine Frau plötzlich von ihrem Mann verlassen worden ist, dann führt das oft zu einer Erschütterung, die viel schlimmer ist als eine Depression, aber diese Erschütterung ist natürlich keine Krankheit, sondern eine gesunde Reaktion auf eine schreckliche Erfahrung, und in dieser Lage braucht die Frau keine Psycho­therapeutin, die gegen Geld am Schicksal herumwerkelt, sondern vielleicht eine gute Freundin, die womöglich selbst so eine Erfahrung bewältigt hat, oder einen guten Seelsorger. Und wenn man einen schrecklichen Chef hat, dann hilft es auch nichts, wenn man mal vier Wochen Wassertreten in einer Burn-out-Spezialklinik macht und anschließend wieder zu diesem Ekel zurückkehrt.

Wo nicht mehr der Trost der Religion, der Familie, der lebensweisen Menschen zur Verfügung steht und wir die Fragen, die jedes Leben stellt, von angeblichen Spezialisten gegen Geld aus der Welt schaffen wollen, da überfordern wir das Gesundheitswesen und schaffen ein kostspieliges Unglück. Denn die Therapeuten verfügen bei all ihrer Betriebsamkeit in Wahrheit über keine Instrumente gegen Schicksalsschläge, gegen Lieblosigkeit, Einsamkeit und Rücksichtslosigkeit, gegen Hass und Missgunst und gegen echte Verzweiflung am Leben und seinem Sinn.

Psychotherapie kann weniger als echte Seelsorge

Nur ernste menschliche Begegnungen können solches Leid lindern oder erträglich machen, Begegnungen mit Freunden, mit Seelsorgern oder sogar mit Gott. Insofern war es ein Irrweg, als noch vor Jahren frustrierte Seelsorger sich zu Psychotherapeuten umschulen ließen, um irgendwie besser anzukommen. Denn jede gute Psychotherapie ist bloß eine im besten Sinne manipulative künstliche Beziehung auf Zeit für Geld. Seriöse Psychotherapie kann und darf in Wahrheit viel weniger als echte Seelsorge, die nach Martin Buber dem Du des anderen auf Augenhöhe wirklich begegnet, ihm nahekommt und diesen anderen Menschen wirklich tief berührt. Doch solche echte Seelsorge ist Mangelware.

Die Psychowelt fasziniert viele Menschen, sie ist mit ihrenmodernen Methoden bei Krankheiten äußerst hilfreich, aber sie ist und bleibt eine künstliche Welt, und wenn man ihr ganz verfällt, verpasst man sein Leben. Ganz zu werden, dazu vermag sie nichts beizutragen. Ganz zu werden, ist ein religiöses Projekt, es ist von alters her die tiefe glutvolle Sehnsucht der Menschheit.

 

Zum Thema schrieb Manfred Lütz das Buch: Bluff! Die Fälschung der Welt (Verlag Droemer)

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Lesermeinungen

In einem fort fordert er die Psychotherapie "nur für Krankheiten" oder "nur für schwere Störungen", die auch noch als "echte" von "unechten" abgegrenzt werden.

Was er damit beim vom Unglücksgefühl Betroffenen bewirkt, ist einfach: er muss sich noch mehr anstrengen, dass sein Unglück als "echte" Störung erkannt und ernst genommen wird.

Niemand, dem es nach seinem Empfinden schlecht geht, hilft es, wenn ihm gesagt wird, die erwünschte Hilfe sei nur für schwere Störungen.

Es bewirkt nur, dass er damit tiefer in den Strudel hinein gerät. Und letztlich wird die Psycho-Industrie, die ein ihr Angehörender hier zu kritisieren vorgibt, damit nur noch weiter gestärkt.

Zwar ist es schon 3 Jahre her, dass Herr Lütz diesen Artikel verfasst hat - er ist jedoch nachwievor aktuell und wird es wohl noch lange bleiben. Er berührt einen empfindlichen Nerv und ist mitnichten undifferenziert. Die sehr empörten Reaktionen mancher Kommentatoren offenbaren: Herr Lütz ist es gelungen, selbstkritisch und provozierend den Finger in die Wunde zu legen. Wer meint, Herr Lütz verunglimpfe Psychotherapeuten und Psychiater, kennt Herr Lütz schlecht. Ich empfehle ihm/ihr seine Kabarett-Veranstaltungen (die auf YouTube zu finden sind). Herrlich!
Ich finde es gut, dass Herr Lütz die Grenzen seiner eigenen Profession so kritisch ausleuchtet. Manche seiner KollegInnen wohl nicht. Am meisten kritisiert Lütz aber ein sehr verbreitetes - und kostspieliges! - Denken in unserer Gesellschaft, dass wegen jeder Befindlichkeitsstörung gleich nach dem Spezialisten ruft. Hier sehe ich den Kernpunkt von Herr Lütz's Kritik: Die Spezialisten bzw. Profis sollten dort tätig werden, wo man sie wirklich braucht, nämlich bei schwerwiegenden psychischen Störungen. Jedoch: "Therapeuten verfügen bei all ihrer Betriebsamkeit in Wahrheit über keine Instrumente gegen Schicksalsschläge, gegen Lieblosigkeit, Einsamkeit und Rücksichtslosigkeit, gegen Hass und Missgunst und gegen echte Verzweiflung am Leben und seinem Sinn." Das Instrument, von dem Herr Lütz hier spricht, ist der Glaube. Und ich sehe es wie er: Wir brauchen die Psychotherapie und Psychiatrie unbedingt - aber noch mehr brauchen wir es, das wir ganz werden und den Sinn unseres Lebens verstehen. Dazu brauchen wir die Religion und die Seel-Sorge - die nicht nur der Seelsorger, sondern jede gute Freundin ausüben kann!
"Wo nicht mehr der Trost der Religion, der Familie, der lebensweisen Menschen zur Verfügung steht und wir die Fragen, die jedes Leben stellt, von angeblichen Spezialisten gegen Geld aus der Welt schaffen wollen, da überfordern wir das Gesundheitswesen und schaffen ein kostspieliges Unglück." Wir alle sind in die Pflicht genommen, wenn es um um unsere seelische Gesundheit geht. Psychotherapie und Seelsorge haben jeweils ihre Chancen aber auch Grenzen - das aufzuzeigen ist Herr Lütz, finde ich, gut gelungen mit seinem Artikel.

Ich bin schon sehr überrascht, dass Chrismon diesen provozierenden und unsensiblen Artikel druckt! M.E. ist es eine sehr einseitige Darstellung, dass nur Gott und der Herr Pastor „Glück und Heil“ den psychisch Kranken vermitteln können. Die Psychotherapie wird stark abgewertet. Auch in der „Psy-chotherapiewelt“ begegnen sich zwei Menschen; mancheiner erlebt dort zum ersten mal, dass je-mand verläßlich ist, zuhört, dem man vertrauen kann. „Psychowelt“ ohne Akzeptanz, Achtung, kann das überhaupt funktionieren? Dass ich mein eigener Chairman bin, wissen viele erst nach einer guten Therapie. Wir alle sind heute problembewußter geworden – zum Glück. Viele sind bereit an eigenen oder sich durch Generationen ziehenden Problemen zu arbeiten.
Diese abfällige Haltung von Herrn Lütz läßt leicht die Frage aufkommen, warum er sich selbst dem Stress unterzogen hat, Psychiater und Psychotherapeuth zu werden, wo doch eigentlich das Theolo-giestudium gereicht hätte?
Und wenn jemand einen Schimmer in sich trägt von einem vollkommneren Leben, das zu führen möglich wäre, mit welchem Recht will oder kann ich das ablehnen, ihm nicht dazu zu verhelfen?
Ruth Fischer, München

Sehr geehrter Herr Lütz,

nachdem die von ihnen aufgeworfene Kontroverse bereits vielfach kommentiert wurde, möchte ich Wege der Versöhnung zwischen Psychotherapie und Seelsorge aufzeigen.
Erstmal ganz praktisch. Wenn zu mir in meine Coaching-Praxis ein Mensch kommt, bei dem ich den Eindruck habe, dass er offen für kirchliche Angebot ist und es passende seelsorgerliche Angebote für sein konkretes Anliegen gibt (Was leider überhaupt nicht selbsverständlich ist ... gerade für das persönliche Gespräch mit einem ev. Pfarrer gibt es z.T. enorme Wartezeiten bzw. Pfarrer die nicht mehr wissen was sie mit solchen Personen überhaupt anfangen sollen), dann werde ich dies auf jeden Fall nutzen und ihm das Wahrnehmen solcher Angebote empfehlen.
Inhaltlich arbeite ich sehr starkt mit einem Sinnzentrierten Modell der Selbstführung. Dieses Modell ist von der Logotherapie von Viktor Frankl abgeleitet und stellt gerade Sinnhaftigkeit und Spiritualität als existenzielle Bestandteile des Lebens dar. So kann man nicht nur beide Welten versöhnen sondern auch Menschen, die Kirche ablehnen, einen neuen Zugang zu ihrer Spiritualität verschaffen. Hierin liegt eine besondere Chance gerade für Psychotherapeuten, die ihren Beruf aus einer christlichen Grundmotivation heraus ausführen.

Viele Grüße,

Martin Uhl

Leider ist der Autor Manfred Lütz als Mediziner hier wieder einmal mit den bekannten Vorurteilen der Medizin gegen die Psychotherapie zu Felde gezogen. Er verkennt, dass die kassenzugelassenen psychologischen Psychotherapeuten (pP) im Rahmen der GKV nur nach ICD festgestellte Erkrankungen behandeln dürfen. Es darf also nicht wie schon in der Überschrift behauptet jedes Seelengrummel therapiert werden. Es ist bekannt, dass die Zusammenarbeit der psych. Psychotherapeuten und Ärzten in der KV mehr als problematisch ist und dies besonders sich bei der Honorierung der pP zeigt. Die Vorurteile des Autors zeigen sich deshalb besonders deutlich weil er in seiner Publikation m.E. nicht einmal zwischen pP und Psychologen allgemein unterscheidet, sondern alle in einen Topf wirft. Nur echte Seelsorge gilt für ihn. Ist nicht provokativ gefragt jede ärztliche Therapie eine manipulative künstliche Beziehung auf Zeit? Dürfen die Notfallpsychiater / Notfallpsychologen bei etwa einem Zugunglück oder Verkehrsunfall mit vielen Verletzten, Toten gegen diese Schicksalsschläge nicht therapieren? Bitte also in Zukunft etwas mehr differenzieren.

Herr Lütz hat mir aus dem Herzen gesprochen. Wer hat in den schweren Kriegs-und Nachkriegsjahren meine Eltern, vor allem aber meine Großmutter psychotherapeutisch betreut? Als junges Mädchen hat sie bereits ihre Mutter verloren. Das erste von 5 Mädchen, die sie zur Welt gebracht hat, starb kurz nach der Geburt,der Ehemann verstarb bereits im mittleren Alter, den Vater hat sie bis zu seinem Tod gepflegt, die Heimat hat sie im Osten verloren und die jüngste Tochter wurde nach Russlanad verschleppt.
Doch sie hatte ihren Gott. Ihr Glaube und ihr Vertrauen waren unerschütterlich und so ist sie bis heute 50 Jahre nach ihrem Tod mein Vorbild geblieben.

Wieso schreibt ein Psychiater, Psychotherapeut und Klinikleiter einen so unsachlichen, polemischen Artikel? Bringt das so viel Geld?
Ich bin ärztliche Psychotherapeutin mit Kassenpraxis, finde meine Arbeit sehr befriedigend, verdiene vergleichsweise wenig aber genug für mein Leben.
Es stimmt, die Trauerreaktion länger als zwei Wochen im neuen DSM 5 als Krankheit zu bezeichnen wird in der Fachliteratur heftig diskutiert.
Es stimmt, es gibt viel zu wenige Psychotherapieplätze für psychisch schwer erkrankte Menschen. Vor 30 Jahren mag das anders gewesen sein. Da haben sich vielleicht noch mehr Menschen eher umgebracht als die stigmatiserte Schwelle der "Psychofachleute" zu überschreiten.
Aber auch Herzchirurgen, Kieferorthopäden, Onkologen, Neurologen und viele andere Ärzte haben eine wesentlich höhere Auslastung als vor 30 Jahren. Liegt Herrn Lütz nichts an der besseren medizinischen Versorgung von uns allen?
Die Schlussfolgerung die "Psychofachleute" würden mit "manipulativen, künstlichen Beziehungen" nur die eigenen Finanzen bedienen ist eine grobe Verzerrung, die mich vermuten lässt, Herr Lütz mag sehr persönliche, frustrierte Erfahrungen mit "Psychofachleuten" gemacht haben, die nicht allgemeingültig sind. Meines Wissens verdienen Seelsorger auch Geld für ihre Tätigkeit, oder wie ernähren Seelsorger ihre Kinder? Meines Wissens haben Seelsorger nicht die Kapazität, über Jahre wöchentlich, echte, mitfühlende, gewährende, intensive, emotionale Beziehungen mit einzelnen Menschen einzugehen. Genausowenig wie Freunde das leisten können, ganz abgesehen davon, dass die "Psychofachleute" im Allgemeinen eine gute, von den Ärzte- und Psychologenkammern kontrollierte Ausbildung haben, die eine Selbsttherapie mit einschließt, um eigenen Frust möglichst außen vor zu lassen. Dies ist Herrn Lütz leider nicht geglückt, deswegen finde ich den Artikel höchst manipulativ und bedenklich.

Was heißt "echte menschliche Beziehung" in der Psychotherapie? Dem Anderen auf Augenhöhe begegnen? Schon das ist fragwürdig, schließlich handelt es sich um eine assymetische Beziehung. Nicht der Psychotherapeut hat Ängste, sondern der Klient. In den professionellen Beziehungen, ob Arzt oder Psychotherapeut, ist Empathie gefragt. In freundschaftlichen Beziehungen dagegen Sympathie. Gerät mein Freund in Not, werde ich ihm z.B. für eine gewisse Zeit in meinem Haus einen Raum anbieten. Das ist Freundschaft. Als Psychotherapeut könnte ich dieser Person bestenfalls 45 Minuten Krisenintervention anbieten. Das istder Unterschied zwischen echter Welt und professioneller Empathie. Diese erhält ihren Sinn gerade dadurch, dass sie einen geschützten aber auch künstlichen Raum bietet. Gespräche am Zapfhahn und am Kamin sparen den Psychotherapeuten -Termin. Ich würde am Zapfhahn auch mit einem NPD-Funktionär nicht anstoßen wollen; als Patient in meiner Arztpraxis wäre ihm aber Empathie sicher.

Zitat aus dem Artikel: "Psychotherapie kann weniger als echte Seelsorge" Da hätte ich meine Zweifel. Irgendetwas für den Normalmenschen Nützliches hat die Seelsorge nicht auf Lager. Von daher gesprochen kann die Seelsorge nichts. Und weniger als nichts bringt nicht einmal die Psychotherapie zustande. _______________________________ Andererseits genießen sowohl der Glaube mit der Seelsorge im Schlepptau wie auch die psychologische Weltsicht mit der Psychotherapie als einem ihrer Aushängeschilder großes Ansehen. Wie passt denn das zusammen? Die Leistung des Glaubens besteht darin, die Menschheit ziemlich gründlich und das schon seit Jahrtausenden hinter das Licht zu führen. Ein gewisser Gott soll seine Finger überall drin haben. Deshalb muss jeder Mensch scharf darauf sein, dass er überhaupt eine und dann natürlich auch noch die richtige Beziehung zu Gott hat. Dafür wird dann auch noch eine Instanz im Menschen selber erfunden, die für die transzendenten E-Mails an und von Gott besonders zuständig ist. Das ist die Seele. Gott ist die reine Liebe, die törichte Seele kriegt das aber nicht immer in voller Schönheit auf die Reihe. Deshalb muss die Seele gepflegt werden. Der professionelle Seelsorger lernt die notwendigen Details an der Uni. Wer sich von dem ganzen abenteuerlichen Konstrukt nicht fern hält, kann dann sehr leicht in Lagen geraten, wo die goldenen Worte von Herrn Pfarrer oder Frau Pfarrerin als äußerst wohltuend und hilfreich empfunden werden. Und schon ist die Vorstellung in der Welt, Seelsorge sei eine ebenso notwendige wie segensreiche Angelegenheit. ________________________ Und wie schaut es mit der psychologischen Weltsicht aus? Genau so! Jetzt wird zwar darauf verzichtet, einen Gott zu erfinden. Dafür muss der Mensch sich selbst als eine Instanz sehen, zu der er in Beziehung zu treten hat. Auch dabei kann er jede Menge falsch machen. Und schon gibt es wieder studierte Fachleute, die jede nur denkbare Hilfe anbieten. Das geht vom wohlfeilen psychologischen Ratgeber für alle Lebenslagen bis zum ziemlich teuren Psychotherapeuten, der diejenigen gemäß seiner Weltsicht bearbeitet, die von der Krankenkasse als genügend krank eingestuft werden. Und auch hier gilt, dass dabei manch einer was erleben und lernen kann, was ihn seine Depression oder was auch immer überleben und ertragen lässt. Und schon ist die Vorstellung in der Welt, die psychologische Weltsicht sei eine ebenso notwendige wie segensreiche Angelegenheit.

Sehr geehrter Herr Lütz,
ich möchte eine Anmerkung zu folgender Aussage in Ihrem psychotherapiekritischen Artikel machen: "Seriöse Psychotherapie kann und darf in Wahrheit viel weniger als echte Seelsorge, die nach Martin Buber dem Du des anderen auf Augenhöhe wirklich begegnet ..." (Zitat Ende).
Von welcher Begegnung "auf Augenhöhe" sprechen Sie? Der mit Gott? Der des in Not Befindlichen mit dem theologisch geschulten Pfarrer?
Der Leidende sucht nach meiner persönlichen Erfahrung doch erst einmal in seiner Not keine Augenhöhe, sondern Halt bei einem, den er für Halt gebend hält, sobald eine existenzielle Krise eintritt Sie nannten die eheliche Trennung als Beispiel.
Natürlich entscheidet i m m e r die persönliche Integrität dessen, der Hilfe anbietet, darüber, ob man den Richtigen gefragt hat. Dass es sowohl im Bereich der Kirche als auch unter den Psychotherapeuten und Ärzten nicht ausschließlich integre Persönlichkeiten gibt, ist doch wohl Konsens? Ich finde nicht, dass es da einen Wettbewerb geben sollte zwischen den so ganz unterschiedlichen Helfern nach Art von "Wer bietet mehr" -gern die Kirche für die Gläubigen und solche, die es werden wollen. Ungläubigen wie mir hat das "Weniger" eines Psychoanalytikers mehr geholfen.
Freundliche Grüße M. Bair

Seit vielen Jahren bin ich als niedergelassener Psychotherapeut (Verhaltenstherapie) tätig und habe daher diesen Artikel mit Interesse gelesen. Ich lese den Chrismon oft, da ich einige Artikel spannend und zutreffend finde. Der Artikel von Manfred Lütz, der mir einmal bei einem Kongress begegnete und den ich als Mensch schätze, rief bei mir jedoch in einigen Punkten Widerspruch hervor. Es mag durchaus sein, dass es einen "Psycho-Boom" gibt und dass es viele sogenannte "Ratgeber" gibt, die mit fragwürdigen Methoden Geschäfte machen wollen. Das hat jedoch nichts mit ernsthafter Psychotherapie zu tun, bei der es um die Heilung von psychischen Erkrankungen geht. Für mich ist eine ernsthafte Psychotherapie auch nicht "manipulative, künstliche Beziehung auf Geld und Zeit", sondern eine echte, empathische Kontaktaufnahme in einem geschützten Raum, mit dem Ziel, dass es dem Klienten gelingt, von negativen und dysfunktionalen Gedanken und Verhaltensmustern wegzukommen, sein Leben wieder günstiger zu gestalten und nach Möglichkeit ohne Medikamente zu genießen. Der Artikel verschweigt, dass es z.B. immer noch viele Menschen mit Depressionen gibt, die den Weg zu ernsthafter Psychotherapie nicht finden und die deshalb lange leiden oder sich manchmal sogar das Leben nehmen. Ich halte es nicht für sinnvoll, statt einer ernsthaften Psychotherapie, den Kontakt mit Freunden oder einem Seelsorger zu empfehlen. Eine depressive Erkrankung mit tiefsitzenden, negativen Gedanken und negativem Selbst- und Weltbild kann eine Freundschaft völlig überfordern. Vielleicht wäre so manche Freundschaft aufrechtzuerhalten, wenn Betroffene eher den Weg zu einer ernsthaften Psychotherapie fänden. Natürlich können Begegnungen mit Seelsorgern oder auch mit Gott hilfreich sein. Aber, wie erst kürzlich auch im Ärzteblatt für Psychotherapeuten beschrieben (Nr. 8, Seite 358) gibt es Menschen, die an einer "Pathologischen Religiosität" leiden und die seit Jahren an negativen, strafenden und angstmachenden Gottesbildern leiden. Diesen Menschen wird vermutlich die Kontaktaufnahme zu einen Seelsorger oder zu "Ihrem Gott" nicht viel helfen. Hier ist vielmehr der einfühlsame Psychotherapeut gefragt, solche Vorstellungen zu finden und zu verändern. Die Welt der Psychotherapie sollte nicht, wie Manfred Lütz meint, eine "künstliche Welt" sein. Die Psychotherapie sollte vielmehr dem Klienten helfen, sich wieder als Mitglied einer Gemeinschaft zu erleben, in die "echte Welt" zurückzufinden, sich selbst wieder positiv zu erleben. Dabei kann es auch sinnvoll sein, z.B. mit einem Klienten hinauszugehen und Orte, an denen Angst entsteht, gemeinsam zu erleben. Wenn ein Psychotherapeut jedoch in einer künstlichen Welt lebt, ist ein solches Ziel schwer zu erreichen.

Als regelmäßige Chrismon-Leserin stolpere ich über den undifferenzierten und wirklich schlechten Artikel von Herrn Lütz. Er spricht von "Psychofachleute" und "Psychowelt" und schmeißt damit seriöse Psychotherapie mit selbsternannten Wunderheilern in eine Schublade. Auch seine Definition von Psychotherapie ("manipulative künstliche Beziehung auf Zeit für Geld") hat der Autor hoffentlich provokant forumuliert. Sie entbehrt jeder Grundlage, denn Beratung und Therapie funktionieren gerade über die Gestaltung von Beziehung, über das Beziehungangebot, das "miteinander aushalten" und Gestalten von neuen Formen, wie Beziehung aussehen kann. Übrigens ist die Beziehung, die echte nicht eine manipulative, erwiesener Maßen ein zentraler Wirkfaktor von Psychotherapie.
Wirklich unseriös finde ich aber, dass Herr Lütz den Menschen, die sich - oft nicht leicht und nach langen Überlegungen - für eine Psychotherpie entscheiden den empfundenen Leidensdruck abspricht. Können und sollten diese Personen nicht selbst darüber entscheiden können ob sie - auch ohne schwerwiegende psychische Erkrankungen - Strukturierunghilfe in Anspruch nehmen und damit bewusste Entscheidungen in und für ihr Leben treffen können. Häufig ist genau dies der Weg zu mehr Selbstfürsorge, die mögliche spätere Erkrankungen verhindert. Und der auch das Erleben von "gelungeneren Freundschaften und Beziehungen" ermöglicht.
Tatsächlich gebe ich dem Autor in einem Punkt recht: DSM diagnostiziert vielleicht immer mehr Störungen, nach immer kürzerer Zeit. Aber hat die "Psychowelt" hier einen grösseren Beitrag zu dieser Entwicklung als die Kollegen von Herrn Lütz (Mediziner) und Ihre "Freunde der Pharmafirmen". Wohl kaum!
Erschrecken kann man dann am Ende noch über die Position, die der Autor mit seinen Positionen bekleidet. Unter Ihnen möchte man kein "Psychovertreter" sein und auch nicht Patient, der ohne geeignete DSM Diagnose aber mit Therapiewunsch nach Hause geschickt wird zur echten Begegnung mit seinen Freunden!

Auch in der Redaktion ist es vielleicht eine Überlegung wert, ob man sich "Seesorgerfürsprechern" dieser Art assoziiert werden möchte.

Gedränge auf der Couch,

ausgehend von meiner persönlichen Erfahrung und der Erfahrung von Menschen in meinem Freundeskreis finde ich den Ansatz von Dr. Lütz treffend.

Vor einigen Jahren steckte ich in einer tiefen Krise .Ich hatte mich als verheiratete Mutter von drei Kindern zutiefst in einen verwitweten Mann verliebt, der mir und auch meinen Kindern eine neue Perspektive bot. Ich habe mich aber entschieden, meine Ehe aufrechtzuerhalten, in erster Linie weil ich es nicht übers Herz brachte, meinem Mann und meinen Kindern eine Trennung zuzumuten. Nach dieser Entscheidung habe ich vier Jahre lang getrauert, es war eine sehr schwere Zeit für mich und auch besonders meine jüngste Tochter hat sehr unter meiner großen Traurigkeit gelitten. Ich hatte auch die ganze Zeit jemanden gesucht, mit dem ich über alles hätte sprechen können, aber meine gleichaltrigen Freundinnen verstanden mich nicht und eine ältere Kollegin, die ich ansprach, sagte, ich brauche professionelle Hilfe. Ich ging dann zu einer Psychologin, die mir gelangweilt zuhörte und überhaupt nicht verstand, was mein Problem war. Ich hatte sowohl bei der älteren Dame als auch bei der Psychologin ehrlich gesagt auf Trost gehofft. Gefunden habe ich Hilflosigkeit und schlecht verhülltes Desinteresse. So habe ich alles mit mir allein abgemacht, was ich bis heute tue. Aber ich habe auch Glück gehabt, denn ich habe von meinen Großeltern eine große Liebe zu Musik, schönen Dingen und eine echte Freude an Sport, Tanz und der Natur geerbt. Dieses Erbe hilft mir sehr und ich bin unglaublich dankbar dafür.
Ich stelle mir auch manchmal vor, dass meine Großeltern, zu denen ich immer ein besonderes Verhältnis hatte, mich umarmen und einfach mit mir weinen und das tut mir gut.

Fazit: Herr Lütz hat Recht, wenn er die Effektivität einer Psychotherapie bei normalen Lebenskrisen bezweifelt, aber es ist auch vielleicht gar nicht so selbstverständlich , dass ein Bedürftiger dann im Bekannten- und Freundeskreis jemanden findet, der zuhört und Trost spenden kann.

Erstaunlich und enttäuschend empfinde ich, wie undifferenziert und polemisch Herr Lütz argumentiert. Er differenziert nicht zwischen den unterschiedlichen vorfindlichen Therapierichtungen, setzt Psychoratgeber und Psychotherapie gleich, bezeichnet alles gleichermaßen global als "Heilslehre" und ortet allenthalben "berstend gesunde Mitbürger" , die durch psychotherapeutische Angebote allererst verunsichert und verführt würden, in der "künstlichen Welt der Psychotherapien ihr Leben zu verpassen". Das scheint mir doch erheblich an der seelischen Wirklichkeit vieler heutiger Menschen vorbeizugehen und die ganz realen Befindlichkeitsstörungen, Labilisierungen,Verunsicherungen und Sinnkrisen in heutiger Zeit zu bagatellisieren. Und natürlich vermag Psychotherapie einen Beitrag zur Ganzwerdung des Menschen zu leisten, sie hat nicht nur einen Zweck, sondern-man lese dazu einmal bei CG Jung nach - einen Sinn. Und Psychotherpie steht einer Begegnung mit Gott auch keineswegs im Wege;insofern war es nicht ein Irrweg, wie der Autor entwertend äußert (spricht er da womöglich von sich selbst??), als Seelsorger sichzu Psychotherapeuten weiterbilden ließen, um dadurch die nötigen Qualifikationen für ihre seelsorgerische Tätigkeit sich anzueignen. Bedauerlich, wenn der doch reichlich negativistische Artikel von Herrn Lütz, veröffentlicht ausgerechnet in einem Magazin der evangelischen Kirche, nun womöglich viele Leser in ihrem Bestreben nach Integration des in ihrem Leben bisher Unbewältigen, Unverstandenem, Schmerzlichen verunsicherm sollte und ihrer persönlichen Weiterentwicklung im Wege stünde.

Der Artikel von Manfred Lütz spricht mir aus der Seele. Aus verschiedenen
Gründen habe ich bereits in jungen Jahren mehrere Episoden durchgemacht,
die Herr Lütz als "Erschütterung" beschreibt. Leider musste ich dabei feststellen, dass
Freunde und sogar Seelsorger der evangelischen Kirche einen allzu schnell zu "Profis" (die ja
eigentlich nur für Krankheiten zuständig sind), wegjagen. Dabei war mir in jedem dieser Momente
klar, dass ich mich zwar schrecklich und erbärmlich fühle,
aber eben auf keinen Fall psychisch erkrankt bin. Vielmehr - und das dürfte auf
die Mehrheit vergleichbarer Fälle zutreffen, fand ich meine Reaktion
angesichts des erlebten Unglücks bzw. der Ungerechtigkeit absolut menschlich.
"Krank" wäre es demnach gewesen, den erlittenen Schock einfach so wegzudrücken.
Daher wünsche ich dem Artikel viele Leser, die sich seinen Inhalt zu Herzen nehmen.
Bei mir jedenfalls dürfen sich enge Freunde ausheulen und -toben - ggf. auch tage- oder mit
Unterbrechungen wochenlang. Das ist anstrengend, aber eben auch eine äußerst menschliche
Geste aus meiner Sicht.

Es kann sein, dass Sie Recht haben, und wirklich zu viele Menschen eine Psychotherapie machen wollen. Vielleicht ist es auch ein Zeichen über unsere Gesellschaft wen Vielen der von Ihnen eigentlich benötigte Gute Freund fehlt.
Aber vielleicht brauchen die Leute auch einfach einen guten Arzt. Jemand der Prfessionell zuhört und entsprechende Anregungen geben kann. Früher war sowas ein Hausarzt. Seit der dafür von der KV nur noch belächelt wird, ist der Therapeut leider der einzige der noch für Gespräche bezahlt wird. Kein Wunder, dass es dann nicht genug Plätze gibt.

Herrn Lütz' Protest gegen die "Psycho-Industrie", die die zum Leben dazugehörenden Krisen und Niedergeschlagenheiten zu behandlungsbedürftigen Störungen "hochjazzt", kann ich weitgehend unterschreiben. Ausdrücklich Widerspruch lege ich ein gegen die Behauptung, eine gute Psychotherapie sei eine "im besten Sinne manipulative künstliche Beziehung auf Zeit für Geld" und dies im Gegensatz zu den "ernsten menschlichen Begegnungen". Wenn ich keine echte menschliche Beziehung zu meinem Klienten eingehe, kann er sich auch nicht von mir erkannt und gewürdigt fühlen. Es geht nicht primär darum, ihm mit "Psychotechniken" irgendwelche Symptome "abzukurieren", sondern ihm den geschützten Raum zu schaffen, in dem er mit meiner Hilfe über seine Lage nachdenken und die nächsten Schritte in seinem Leben selbst finden kann. Natürlich begegne ich dem Du des anderen auf Augenhöhe, lasse mich von ihm berühren und berühre ihn selbst - was nach Herrn Lütz' Definition dann wohl Seelsorge wäre ...
(Ich muss allerdings sagen, dass mir solche Seelsorge in meinem Leben nur selten begegnet ist.)
Schließlich noch, eigentlich eine Trivialität: Keine Beziehung ist eine Einbahnstraße. Ich habe von meinen Klienten/innen sehr viel gelernt, und die Vielfalt der menschlichen Seelen und ihrer Bewältigungsweisen finde ich immer noch faszinierend.