Stiftung Notfallseelsorge

Im tiefsten Leid nicht alleine sein
Tsunami, Love-Parade - die Stiftung Notfallseelsorge hilft

"Im tiefsten Inneren müssen Menschen allein den Weg finden, mit großem Leid umzugehen. Aber dennoch hilft es, auf diesem Weg nicht allein zu sein." Mit diesen Worten drückte die rheinische Vizepräses Petra Bosse-Huber am Jahrestag des Loveparade-Unglücks den Angehörigen der Opfer und den Überlebenden ihr Mitgefühl aus. Sie sprach im Juli 2011 in der Duisburger MSV-Arena vor 7.000 Menschen – und vielen Angehörigen und Betroffenen aus dem Herzen.
Ein Flugzeugunglück, ein Busunfall, ein Erdbeben, eine Massenpanik, der Tod eines eigenen Kindes: Solche Ereignisse stürzen Betroffene in extremes seelisches Leid. Hier hilft die christliche Notfallseelsorge – allen Menschen, ungeachtet ihrer Religion. Über ganz Deutschland verteilt arbeiten in den Landeskirchen Pfarrerinnen und Pfarrer und eigens ausgebildete Ehrenamtliche in ökumenisch ausgerichteten Notfallseelsorge-Systemen.
Seit 2004 gibt es parallel dazu die bundesweit agierende Stiftung Notfallseelsorge. Sie kümmert sich vor allem um die mittel- und langfristige Begleitung von Angehörigen und Betroffenen nach Katastrophen und Großschadenslagen, begleitet sie, hilft ihnen Jahrestage zu gestalten und lädt zu Angehörigentreffen und Zusammenkünften von Betroffenen ein.

Damit unterstützt und ergänzt die Stiftung die Arbeit der Notfallseelsorgerinnen und Notfallseelsorger, die in der Akutphase nach Todes- und Unglücksfällen den Betroffenen, Augenzeugen, Verletzten und Angehörigen Beistand und Nähe anbieten, bis die persönlichen Lebensbeziehungen und Netzwerke oder andere Hilfsangebote sie auffangen und unterstützen.

Fragen an Landespfarrer Dr. Uwe Rieske von der Stiftung Notfallseelsorge


Notfallseelsorge ist doch eigentlich nur für den Moment - für den Notfall eben, oder?

Ja, das stimmt. Die bundesweit agierende Notfallseelsorge wird von den Leitstellen der Feuerwehren, Rettungsdienste und der Polizei bei Todesfällen bei Bedarf alarmiert, wenn es einen besonderen Betreuungsbedarf gibt. Notfallseelsorgerinnen und Notfallseelsorger leisten dann „Erste Hilfe für die Seele“ und sind in den ersten Stunden nach einem Unglück für Betroffene da, stehen für Gespräch und Beistand zur Verfügung und helfen dabei, dass weitere Hilfen gefunden und einbezogen werden können. Aber besonders nach großen Katastrophen mit vielen Verletzten und Todesopfern hat es sich als sinnvoll erwiesen, die Betroffenen möglichst bald nach einem Unglück zu Gedenkveranstaltungen, Angehörigentreffen und Verletztentreffen einzuladen. Die hier entstehenden Netzwerke sind den Betroffenen oft eine große Hilfe, um mit erlittenen schmerzhaften Verlusten oder Leiderfahrungen umzugehen. Sie erleben, dass sie mit ihrem Schicksal nicht allein sind und werden Teil einer „Schicksalsgemeinschaft“, die viele Betroffene dankbar begrüßen. Wenn es solche Angebote gibt – und dies war und ist nach dem Loveparade-Unglück vom Sommer 2010 der Fall – unterstützt die Stiftung Notfallseelsorge.

Welche Voraussetzungen braucht man als Seelsorger?

Die Mitarbeitenden in der Notfallseelsorge erhalten für ihre Aufgaben eigene Fortbildungen und Schulungen. Pfarrerinnen und Pfarrer sind in der Begleitung von Menschen in Grenzsituationen erfahren und ausgebildet. Gleichwohl braucht es besondere Kenntnisse und eine eigene Kompetenz, um sich am Einsatzort in die Arbeit von Feuerwehren, Polizei und Rettungsdiensten einordnen zu können und für Betroffene hilfreich zu agieren. Die ehrenamtlich in der Notfallseelsorge Mitarbeitenden bekommen überdies eine Ausbildung in Grundlagen der Seelsorge, der Gesprächsführung und der angemessenen Gestaltung von Ritualen; hier bedarf es einer behutsam und kontinuierlich aufgebauten persönlichen Grundkompetenz, etwa wenn es um die Begleitung von Angehörigen beim Abschied von Verstorbenen geht.

Was ist für Sie die schwerste Aufgabe bei Notfällen als Seelsorger?

Wir werden das oft gefragt – aber die Frage stellt sich für alle, die Menschen im Umgang mit Todesfällen oder extremen Lebensbelastungen begleiten; es ist eine besondere Herausforderung, angesichts eines tief einschneidenden Verlustes das starke Leid zu spüren und ihm nicht auszuweichen, sondern es mit auszuhalten. Manchmal fehlen einem die Worte, weil es schlicht keine angemessenen Worte gibt. Mir persönlich und vielen anderen fällt es besonders schwer, wenn Kinder oder ihre Angehörigen von Unglücksfällen betroffen sind. Aber es gibt in der Notfallseelsorge auch viele beglückende Momente, etwa, wenn es Betroffenen nach einiger Zeit gelingt, ihren Dank für einen Beistand in Worte zu fassen, der für sie hilfreich war. Bereichernd ist auch, dass man den Eindruck hat, Nähe dort anbieten zu können, wo sie ganz besonders gebraucht wird.

Endet Trauer irgendwann?

Manchen Betroffenen scheint dies unmöglich; doch Trauerprozesse verlaufen individuell sehr unterschiedlich – wenn Menschen einen nahen Angehörigen verlieren, ohne sich verabschieden zu können, nimmt die Trauer viel Raum ein und lässt kaum noch etwas anderes neben sich zu. Wenn Eltern ihre Kinder verlieren, kann es sein, dass sie ein Leben lang diesen unglaublich schmerzhaften Verlust spüren. Die Arbeit der Notfallseelsorge will dazu beitragen, dass Trauerprozesse als heilsame Lebenswege begriffen und in die Ganzheit des Lebens integriert werden, so dass sie nicht blockieren, sondern dankbare Erinnerung und genaueres Verstehen ermöglichen. Leid ist – so schwer dies auch zu akzeptieren ist – Teil des Lebens und kann auch dazu führen, dass man sein Wert und Sinn tiefer verstehen und schätzen lernt. Dies braucht oft viel Zeit und Impulse und Begleitung, die dazu beitragen, diesen Weg zu finden – und ihn nicht allein zu gehen.

 

Spendenkontakt: 

Stiftung Notfallseelsorge
Adenauerallee 37
53113 Bonn
Tel 0228 / 422 85 444
Fax 0228 / 422 85 446
www.stiftung-notfallseelsorge.de

Bankverbindung
KD-Bank eG
Konto: 112 112 112 0
BLZ: 350 601 90
Stichwort: chrismon

Für die Spendenquittung unbedingt die eigene Anschrift im Betrefffeld der Überweisung angeben.

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