50 Jahre Kirchenreform - und alle Fragen offen?

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Warum ein weit zurückliegendes Konzil immer wieder für Unruhe sorgt

Als ich vor einigen Jahren versuchte, einem philosophischen Kollegen die epochale Bedeutung des II. Vatikanischen Konzils (1962–1965) nahezubringen, bemerkte er nach ein paar Minuten trocken, meine Schwärmerei erinnere ihn an die Begeis­terung der Reformkommunisten für den XX. Parteitag der KPdSU im Jahre 1956. Der hätte auch versucht, ein verkrustetes System mit ein paar Beschlüssen aufzu­brechen: Viel geholfen hätte es letztendlich nicht.

Ich könnte verstehen, wenn es evangelischen Christinnen und Christen mit dem II. Vaticanum ähnlich erginge. Was geht es sie an, wenn die katholische Kirche vor 50 Jahren endlich die lange verschlafene ­Modernisierung nachholte? Und das auch noch halbherzig und nicht unbedingt nachhaltig, schließlich stockt die Ökumene und lud der Vatikan eben erst erklärte Gegner des Konzils, die in ihm nur verderbliche „Protestantisierung“ sehen, zur Rückkehr ein – die Priesterbruderschaft Pius X.

Mittel gegen Selbstgefälligkeit

Es gibt mindestens zwei gute Gründe, warum sich evangelische Christen und Christinnen (und darüber hinaus an Reli­gion Interessierte) mit dem Konzil – ­immerhin eine Weltversammlung von ­katholischen Bischöfen, einberufen vom Papst – beschäftigen sollten. Einer liegt nahe, der andere weniger, ist aber noch wichtiger. Der naheliegende Grund: Wie es dem konfessionellen Nachbarn geht, kann einem nicht gleichgültig sein. Schließlich hat man jeden Tag mit ihm zu tun. Der noch gewichtigere Grund: Das Konzil ist ein Gegenmittel gegen jede reli­giöse Selbstgefälligkeit, die sich erhaben dünkt über die anderen – und diese Selbstge­fälligkeit gibt es auch im Protes­tantis­mus.

Natürlich hat sie da ein anderes Gesicht als in der katholischen Kirche: Sie kommt eher in liberal-bildungsbürgerlicher Gestalt daher, ein bisschen versteckter und weniger triumphalistisch. Und es stimmt ja auch: Das II. Vatikanische Konzil war notwendig geworden, weil sich gerade die katholische Kirche ziemlich ausweglos in eine intellektuelle und soziale Festung geflüchtet hatte. Man hatte zwei Schocks nicht wirklich verarbeitet: die Entmachtung der Kirchen durch die modernen ­bürgerlichen Gesellschaften und die Entdeckung, dass auch religiöse Institutionen und Auffassungen geschichtlich gewachsen sind und nicht schon immer so waren, wie sie heute sind. 

Im gewissen Sinne war diese Flucht durchaus verständlich. Schließlich hatte die katholische Kirche seit der Reforma­tion eine einzige Kette von Demütigungen verarbeiten müssen. Der Protestantismus hatte erfolgreich konkurrierende christliche Kirche(n) etabliert, die liberale bürgerliche Gesellschaft hatte die christlichen Kirchen generell politisch entmachtet, und die Ideologien des 19. und 20. Jahrhunderts entwickelten alternative, nichtreligiöse Weltanschauungen und Existenzkonzepte. Heute aber wird in den westlichen Ländern Religion überhaupt immer weniger nach althergebrachtem kirchlichem Muster genutzt. „Kirche“, das hieß, gerade katholisch, exklusive Mitgliedschaft, lebenslange Gefolgschaft und umfassende Macht über die religiöse Biografie. Heute finden sich die Religionsgemeinschaften plötzlich auf einem religiösen Markt wieder. Und es steht ihren Mitgliedern frei, kirchlichen Äußerungen zuzustimmen oder nicht.

Beginnt hier die Revision von Herrschaft?

Das ist eine finale Demütigung – gerade für die so lange so stolze katholische Kirche. Die hatte auf die neuzeitliche Kette von Einflussverlusten mit der Abgrenzung nach außen und der Disziplinierung nach innen reagiert – mit dem unvergleichlichen Höhepunkt der Papstkirche des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, die heute oft fälschlich mit der katholischen Kirche überhaupt identifiziert wird.

Die feierliche Eröffnungszeremonie des II. Vatikanischen Konzils verlief noch ziemlich exakt nach den Regeln dieser ­triumphalistischen, zugleich aber auch merkwürdig ängstlichen und defensiven Papstkirche. Das päpstliche Zeremoniell fuhr zur Konzilseröffnung noch einmal alles auf, was es zu bieten hatte: die Tiara etwa, jene dreifache Krone nach Art des byzantinischen Hofs, welche den Papst als „Vater der Fürsten und Könige“, als „Haupt der Welt“ und „Statthalter Jesu Christi“ kennzeichnete, oder den Thronsessel, auf dem Johannes XXIII. hereingetragen wurde. Doch Johannes lässt die Prozession in der Mitte des Kirchenschiffs anhalten, steigt herab und geht zu Fuß weiter, auf Augenhöhe mit den Kollegen im Bischofsamt. Yves Congar, später ein wichtiger Konzilstheologe, notiert in seinem Tagebuch: „Ist das der Anfang einer gründlichen Revision von Herrschaft? Und wie weit wird das gehen?“

Mit dem II. Vatikanischen Konzil auf einen schwierigen Weg

Auf dem Konzil ging es ziemlich weit. Die Kirche, so heißt es da in einem seiner zentralen Texte, sei „nicht gegründet, um irdische Herrlichkeit zu suchen, sondern um Demut und Selbstverleugnung auch durch ihr Beispiel auszubreiten“. Das II. Vaticanum ist das Bekenntnis der einst so stolzen katholischen Kirche zum Weg der Demut. Sie will, so sagt sie da, „das Werk Christi“ weiterführen, der in die Welt kam, „zu retten, nicht zu richten, zu dienen, nicht sich bedienen zu lassen“.

Die katholische Kirche hat sich mit dem II. Vatikanischen Konzil auf einen schwierigen Weg begeben, und sie kämpft mit dieser Entscheidung bis auf den heutigen Tag: Es ist der Weg von einer Logik des Ausschlusses zu einer Logik des universalen Heilswillens Gottes, der Weg von ­einer erhaben-überlegenen Haltung ge­genüber der Welt zur Solidarität mit allen Menschen guten Willens, der Weg von der gesicherten Macht zur gewagten Autorität. Wenn man sich heute in der katholischen Kirche ums Konzil streitet, dann streitet man sich genau darum. Für ein paar Reformen braucht man kein Konzil, auf Konzilien geht es um grundsätzlich neue Orientierungen.

Software für das 20. und 21. Jahrhundert

Diese bekommt man freilich nicht ohne Opfer. Vor allem musste die katholische Kirche ihre traditionelle Bindung an die Macht im Staate aufgeben und auch an das philosophische Konzept, das geschichtliche Entwicklung mit Beliebigkeit gleichsetzte. Erst das führte zu Durchbrüchen: Es anerkannte Religionsfreiheit, Menschenrechte und ökumenische Arbeit als Konsequenzen des Evangeliums selbst. Erst das führte auch zum grundlegenden Ansatz des II. Vatikanischen Konzils, dass sich das Evangelium im solidarischen Handeln der ­Kirche bewähren muss – aber auch kann.

Das Konzil lieferte die Software der ­katholischen Kirche für das späte 20. und das 21. Jahrhundert. Was passiert, wenn man dieses Programm aktiviert, das ist die eigentliche Prüfstrecke des Konzils. Ohne Zweifel gibt es weite und wichtige Bereiche der katholischen Kirche, in denen die konziliare Software umfassend angewandt wird und auch bestens funktioniert. Das gilt vor allem beim Einsatz für die Menschenrechte weltweit und speziell im Kampf für die Religionsfreiheit aller Menschen, bei der positiven Stellung zur Demokratie, im Kampf für eine gerechte Weltwirtschaft oder in der völlig neuen Beziehung zum Judentum. Je näher man aber den innerkatholischen Realitäten kommt, umso weniger traut man offenbar den konziliaren Weichenstellungen. Das halte ich gegenwärtig für das Hauptproblem.

Welche Kirche hat eine Zukunft?

Aber es kann überhaupt kein Zweifel sein: Eine Kirche, die sich zuerst in den Kategorien von Über- und Unterordnung denkt und nicht von ihrer Aufgabe her, dass sie nämlich Zeichen und Werkzeug des Heils sein soll, ist in Gefahr zu versagen. Eine Kirche ohne Kultur der Aufmerksamkeit und der Ehrlichkeit hat keine Zukunft. Eine Kirche, die sich an den Existenzproblemen der Menschen von heute vorbeidrückt, verfehlt ihren Sinn und hat keine Bedeutung. Eine Kirche, die sich nicht aussetzt, die in der Sicherheit scheinbar unverletzbarer Räume und Gewissheiten bleibt, eine Kirche, die meint, sie könne im kleinen Rettungsboot die Stürme der Gegenwart überstehen und müsse nicht dem Ruf Jesu folgen und aussteigen und sich aufs Meer des Wagnisses und der Hingabe begeben, wird unter­gehen.

Für welche christliche Kirche, einschließlich der evangelischen, aber sollte das nicht gelten?

Rainer Bucher

Jahrgang 1956, lehrt Pastoral­theologie in Graz. Der ­katholische Franke ­arbeitete zuvor viele ­Jahre im Cusanuswerk und an der Uni Bamberg.

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Lesermeinungen

Aber es kann überhaupt kein Zweifel sein: Eine Kirche, die sich zuerst in den Kategorien von Über- und Unterordnung denkt und nicht von ihrer Aufgabe her, dass sie nämlich Zeichen und Werkzeug des Heils sein soll, ist in Gefahr zu versagen. Eine Kirche ohne Kultur der Aufmerksamkeit und der Ehrlichkeit hat keine Zukunft. Eine Kirche, die sich an den Existenzproblemen der Menschen von heute vorbeidrückt, verfehlt ihren Sinn und hat keine Bedeutung.
Diesem Satz kann ich ohne Einschrenkung zustimmen! Es freut mich
das es Menschen gibt, die soetwas so gut formulieren können!