Friedenskirchen-Serie: Church of the Brethren

"Ich war voller Zorn und Hass..."
Die Terrorgruppe Boko Haram entführte und ­versklavte ihre Töchter. Dennoch beten nigerianische Mitglieder der Church of the Brethren für ihre Feinde. Ihre Glaubensgeschwister in den USA bestärken sie. Ein Gespräch mit den Leitern des Krisenstabs
Gewalt löst keine Probleme, sie schafft nur neue, sagen die Friedenskirchen. Sind die Quäker, Mennoniten und Brethren für andere Kirchen Vorbilder? Was tun sie, wenn es hart auf hart kommt? Und was bringt ihr Engagement wirklich für den Frieden?

Carl und Roxane Hill leiten seit 2014 das Nigeria Crisis ­Response Team, Illinois: einen Krisenstab der amerikanischen Friedenskirche Church of the Brethren für ihre nigerianische Schwesterkirche. Zuvor hatten die Hills an einem Predigerseminar in Nigeria unterrichtet. Noch während ihres Aufenthalts entführte die islamistische Terrorgruppe ­Boko Haram in Chibok – 100 Kilometer von ihrem Predigerseminar entfernt – 273 Mädchen, überwiegend Mitglieder dieser Friedenskirche. 219 sind bis heute in Gefangenschaft, viele von ihnen vermutlich als Sklavinnen.

Serie: Friedenskirchen

  • Sind Mennoniten, Quäker und Brethren für andere Kirchen Vorbilder?
  • Bleiben sie pazifistisch, wenn es hart auf hart kommt?
  • Und was bringt ihr Engagement wirklich für den Frieden?
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chrismon: Roxane Hill, Sie haben eine lange Geschichte mit Nigeria.

Roxane: 1930 gingen meine Großeltern als Missionare dorthin. Meine Eltern waren auch Missionare da, ich bin in Nigeria aufgewachsen. Nach der Schule bin ich in die USA zurückgezogen – und erst vor kurzem wieder nach Nigeria gegangen. Mein Mann und ich haben dort von 2012 bis 2014 an einem Bibelseminar für Pastoren der Ekklesiya Yan’uwa a Nigeria, der EYN, unterrichtet.

Nach Ende Ihres zweijährigen Aufenthalts hat die amerikanische Church of the Brethren einen Krisenstab eingerichtet, um die Hilfe für EYN massiv aufzustocken. Was war geschehen?

Carl: Nur wenige Monate nach unserer Rückkehr attackierte Boko Haram die Hauptgeschäfts­stelle der Kirche und das Seminar, an dem wir unterrichtet hatten. Die Church of the Brethren sah, was in Nigeria los war: etwa 1600 Frauen und Kinder wurden entführt, viele von ihnen EYN-Mitglieder, 100 Pfarrer vertrieben, 10 000 EYN-Mitglieder getötet, drei Millionen in irgend­einer Weise betroffen. Wir mussten darauf reagieren. Inzwischen hat unsere Kirche vier Millionen Dollar Hilfsgelder für das Volk und für die ­Kirche in Nigeria gesammelt.

Roxane: Jemand nannte unsere Hilfe einen Tropfen im Ozean, auch wenn 2015 schon 2,8 Millionen zusammenkamen. Nach den jüngsten Militäraktionen gegen Boko Haram kehren viele Familien heim. Aber jedes zweite Haus, ­jedes zweite Geschäft ist zerstört. 2016 wollen wir beginnen, den Familien Wiederaufbauhilfe zu geben, damit sie sich einfache Dinge wie Hühner oder anderes leisten können.

Carl: Wir stärken auch die EYN, vor allem die Kirchenleitung. Wir haben ein Gebäude als vorläufige Geschäftsstelle eingerichtet, wir helfen, Gottesdienstmaterial zu drucken, und unter­stützen die EYN bei Konferenzen und jährlichen Treffen. Natürlich liefern wir auch Essen, Grundnahrungsmittel für Flüchtlinge, bauen Kinder­tagesstätten und finanzieren Workshops für Traumatisierte. Und wir helfen, dass die Schulen für die Kinder wieder öffnen können.

Roxane: Die Kirchenpräsidenten der EYN sagten uns: Ohne unsere Hilfe gäbe es ihre Kirche nicht mehr.

2014 erregte die Entführung von 273 Schülerinnen aus einer Mädchenschule in Chibok ­internationales Aufsehen. Es war eine staatliche Schule. Trotzdem wurden die Mädchen christlich erzogen. Wie passt das zusammen?

Carl: Alle staatlichen Schulen sind entweder christlich oder muslimisch, je nach Gegend und Konfession der Menschen dort. In vielen Teilen des Nordostens Nigerias ist die Kultur sehr stark vom kirchlichen Leben bestimmt. Die EYN hat Einfluss auf alle Aspekte des Lebens. Zur christlichen Erziehung in den Schulen gehört auch, auf Vergeltung zu verzichten – und eine friedliche Haltung einzuüben, wie Jesus sie vorgelebt hat.

Was haben Sie von den entführten Mädchen in Erfahrung bringen können?

Carl: 54 von ihnen konnten während der ersten Wochen fliehen. Über die anderen 219 vermissten haben wir keine Nachricht. Wir stehen mit den Eltern dieser Mädchen in Kontakt. Man kann sich die Angst dieser Eltern vorstellen und wie schwierig ihr Leben geworden ist, seit ihnen ihre Töchter genommen wurden.

Wie können Sie in dieser Lage dazu auffordern, auf Vergeltung und auf Gewalt zu verzichten?

Church of the Brethren

Schwarzenauer Neutäufer, so hieß die Brüdergemeinde aus dem heutigen Bad Berleburg im Rothaargebirge ursprünglich. Anfang des 18. Jahrhunderts gründete Alexander Mack diese radikal­pietistische Täufergruppe. Schon bald breitete sie sich nach Amerika aus, wo heute die meisten „Brethren“ (alter englischer Plural von „Brother“, „Bruder“) leben. Anfang des 20. Jahrhunderts änderte die Kirche ihren Namen von Old German Baptist ­Brethren zu Church of the Brethren, auch weil die Kirche längst nicht mehr in Deutschland vertreten war. Wegen ihres Eintretens für Gewaltfreiheit zählt sie zu den historischen Friedenskirchen.

1923 kam der erste Missionar aus der Church of the ­Brethren in den Nordosten Nigerias. Die Konfessionen hatten Missions­gebiete in Nigeria unter sich aufgeteilt, die Church of the Brethren bekam zusammen mit der Baseler Mission den Nordosten des Landes zugeteilt. Gemeinsam legten sie den Grund für die Ekklesiya Yan’uwa a Nigeria, EYN („Yan’uwa“ bedeutet „Kinder derselben Mutter“), die sich bald unabhängig erklärte. Heute ist die EYN die größte Kirche im Nordosten Nigerias. Sie leidet auch am stärks­ten von allen Kirchen unter den Angriffen der islamistischen Terrorgruppe Boko Haram.

Spenden an die Church of the Brethren online über brethren.org oder per Auslandsüberweisung an:

Church of the Brethren. Inc., Kto: 5330015065, BLZ (ABA ­Routing Number): 071000013, Swift Code: CHASU33

Roxane: Zu dem Wunderbaren, das man über Nigerianer sagen kann, gehört ihre Widerstandskraft, ihre Fähigkeit, weiterzuleben und das Beste aus fast jeder Lage zu machen. Hat das Haus kein Dach, versucht man, mit irgendeinem Blech klarzukommen. Sie überleben mit wenigem, und schon dabei hilft vielen ihr ­Glaube an Gott und Jesus Christus so sehr, dass sie weitermachen können, ohne an Vergeltung zu denken. Andere hegen Rachegefühle. Deshalb ist unsere Arbeit mit Traumatisierten so wichtig. Dort ­lassen wir sie auf sich selbst blicken. Und sie merken: Wenn du den Rachegefühlen in dir Raum gibst, wenn du dich darauf fokussierst, der nächsten Person Schaden zuzufügen, dann leidest du noch mehr als ohnehin schon. Trauma­tisierte, die sich auf Vergebung ein­lassen, spüren die Erleichterung und können damit besser weiterleben. Wir haben schon erlebt, dass Menschen anderen zurufen: „Ihr müsst zu diesem Workshop gehen. Ich war so voller Zorn und Hass, aber jetzt sehe ich, dass Vergebung der richtige Weg ist. Ihr müsst dahin gehen!“

Gerüchten zufolge lernen die Mädchen von ­Chibok, andere zu töten, ihnen die Kehle durchzuschneiden. Können Sie selbst weiter für Gewaltfreiheit einstehen, wenn Sie so etwas hören?

Roxane: Unser Glaube an Jesus Christus ist stark genug, dass wir sagen: Vergib jedem, der Ver­gebung sucht, selbst wenn er an solchen Gräueltaten mitgewirkt hat. Vergebung ist der einzige Weg, auf dem Mörder wieder in die Gesellschaft zurückfinden können. Es wird viele geben, die von Boko Haram zurückkommen, und sie ­brauchen dafür viel Unterstützung.

Carl: Zur Taktik von Boko Haram gehört es, Gefangene nicht bloß zum Islam zwangszubekehren, sondern sie einer Gehirnwäsche zu unterziehen. Zu den ersten Dingen, mit denen sich junge gefangene Männer gegenüber Boko Haram als loyal erweisen können, gehört, dass sie in ihre Dörfer zurückgehen und eigenhändig ihre Verwandten oder ihre besten Freunde töten. Im Gegenzug werden sie Vollmitglieder und bekommen Geld. Es ist eine wirklich satanische Organisation. Ihr Anführer Abubakar Shekau ist grausam und böse. Wegen des psychischen Drucks zünden auch Frauen als Selbstmord­attentäterinnen auf Marktplätzen ihre Bomben. Das ist fürchterlich. 

Sie sprachen von Workshops für traumatisierte Nigerianer, entwickelt in den USA.

Carl: Ja. Wir finanzieren sie. Wir selbst haben auch in den USA an einem Workshop mit einem der nigerianischen Anleiter teilgenommen, mit Mugu Zakka Bako.

Können Workshops, die in den wohlhabenden und vergleichsweise friedvollen USA entwickelt wurden, traumatisierten Nigerianern helfen?

Carl: Alle Anleiter in unseren Workshops sind Nigerianer. Und die Workshops selbst sind wirklich gut. Die aus den USA basieren auf indivi­duellem Training. Andere sind für Gemein­schaften gedacht, für ganze Dorfgemeinschaften zum Beispiel. Sie wurden in Ruanda nach dem Völkermord dort entwickelt. Viele Gemeinschaften im Nordosten Nigerias sind wegen dieser Gewalt traumatisiert und von Misstrauen durchsetzt. Derzeit hat die EYN etwa zwölf Trainer aus den Workshops gewonnen, die nun ihrerseits weitere Trainer ausbilden. Wir wollen die Zahl der Anleiter für diese Workshops multiplizieren, um noch mehr Menschen damit zu erreichen.

Wer zum Beispiel gibt so ein Training?

Carl: Der Direktor des Programms „Peace and Trauma“ ist Mugu Zakka Bako. Er ist beim Menno­nitischen Zentralkomitee angestellt und ist ausgebildeter Anleiter für Trauma-Workshops. Er trägt auch die Hauptlast der Organisation. Er sah zu, als zwei seiner Brüder getötet wurden. Wie er damit leben kann, weiß ich nicht. Auf jeden Fall kann er mit denen fühlen, die Ähnliches erlebt haben. Er hat viele Trainings hinter sich. Er war auch schon Gefängnisseel­sorger. Wir sind von den Anleitern dieser Workshops beeindruckt, sie haben so weite Herzen.

Sie bauen auch Brücken in die muslimischen Gemeinschaften hinein.

Carl: Wir haben dafür fünf Vereine. Einer hat eine interreligiöse Gemeinschaft außerhalb von Abuja aufgebaut. In diesem Dorf leben in 70 Häusern Christen und Muslime. Es ist ein Experiment. Andere Vereine helfen in den Dörfern und in den Städten und fragen nicht nach Christen, Muslimen oder Heiden. Sondern sie helfen jedem, der in Not ist.

Roxane: Seit Beginn der Krise 2009 sind die Beziehungen zwischen den Religionsgemeinschaften sehr angespannt. Manche Nigerianer haben früher in gemischten Gemeinden mit Christen, Muslimen und Heiden friedlich zusammengelebt. Was früher vielerorts möglich war, sollte auch wieder möglich werden.

Ist es sehr schwer, junge Männer von Gewaltanwendung abzuhalten?

Carl: Unsere Herausforderung ist eine ganz andere: Es leben so viele Menschen im Nordosten Nigerias. Die EYN sagt, sie habe eine Million Mitglieder. Wie kann man so vielen Menschen bei der Bewältigung ihrer Traumata helfen? Ganz zu schweigen von den Muslimen, die nicht weniger betroffen sind. Es ist eine beängstigend große Aufgabe. Unsere Workshops sind offen für alle Altersgruppen. Der Andrang ist groß, weil die Workshops so viel bewirken. Nur können leider immer nur 25 bis 30 jedes Mal mitmachen.  

Können Sie von jemandem erzählen, der einen solchen Trauma-Workshop mitgemacht hat?

Roxane: Wir haben den Bericht einer 38-jährigen Frau namens Comfort, Mutter von fünf Kindern. Ihr Mann lehrte an der Polytechnischen Hochschule in Mubi. Im Oktober 2014 überrannte Boko Haram ihre Heimatstadt. Die Familie floh mit dem Auto und wurde von einer Gruppe ­Jugendlicher auf Motorrädern gestoppt. Sie zogen ihren Mann aus dem Wagen und töteten ihn vor den Augen der Familie. Sie und die Kinder wurden in einem Gebäude gefangen gehalten, in dem Comfort glaubte, auch einige Mädchen aus Chibok gesehen zu haben. Diese Chibok-­Mädchen forderten sie auf, sich an die Regeln zu halten, sie müssten sie sonst töten. Ihre Hände seien bereits mit Blut befleckt. Später zerstörte die nigerianische Luftwaffe Teile des Gebäudes. Comfort konnte mit ihren Kindern fliehen. Vor dem Trauma-Workshop glaubte sie, dass ihr Leben ihr nichts mehr bedeute. Aber sie konnte neue Hoffnung für ihr Leben und ihre Kinder schöpfen.

War das Militär also eine Hilfe?

Carl: Erst als der Tschad, Kamerun und Niger eingriffen, begann das nigerianische Militär überhaupt ernsthaft, etwas zu unternehmen. Unter dem früheren Präsidenten Goodluck Jonathan schien zunächst gar nichts zu passieren. Der neue Präsident kommt aus dem Militär, er versucht, die Gewalt durch den Einsatz von Militär aus der Welt zu schaffen. Doch Boko Haram ist keine durchgehend identifizierbare Gruppe. Manche Kämpfer verdingen sich zwischendurch als Ladenbesitzer und Bauern. Es ist schwer, herauszufinden, wer die Guten sind und wer die Bösen.

Warum glauben Sie, dass Gewaltfreiheit der bes­te Weg ist?

Carl: Wer im Zorn zurückschlägt, schafft nur noch mehr Probleme. Die meisten Christen der EYN sind überzeugt: Vergebung und das Gebet für die Feinde sind der Weg, den Christus von ihnen verlangt. Wir haben zum Ende unseres Aufenthalts in Nigeria mit einem Deutschen zu Abend gegessen. Er sagte: „Wenn ich nach Deutschland in meine Kirche heimkehre, werde ich sagen: Bei uns hier fehlt was.“ Nigeria ist ein erstaunliches Land. Der Geist wirkt sehr stark. Bei diesen Menschen bestimmt ein fester Glaube ihre Handlungen. Statt Waffen in die Hand zu nehmen, beten sie für die Mörder von Boko ­Haram. Wie sie das tun können, weiß ich nicht. Aber sie tun es.

Information

Serie: Friedenskirchen

Hitler, Saddam Hussein, Islamischer Staat: Manchem Irren müsse man sich mit Gewalt entgegenstellen, sagen viele Christen. Gewalt löst keine Probleme, sie schafft nur neue, sagen die Friedenskirchen. In einer Serie von Interviews und Reportagen geht chrismon plus diesen Fragen nach:
 
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