Friedenskirchen-Serie: Mennoniten in Deutschland

"Bloß niemandem reinreden"
Mennoniten beim Gesang

Die Mennoniten-Gemeinde aus Bebra besucht Glaubensgeschwister in Bielefeld und feiert mit ihnen Gottesdienst

Foto: Mika Sperling

Viele Mennoniten in Deutschland ziehen sich in ihr privates Glück zurück. Anderen ist das zu wenig. Sie wollen in aller Welt Frieden stiften. Ein Besuch bei den russlanddeutschen Mennoniten in Bebra
Hitler, Saddam Hussein, Islamischer Staat: manchem Irren müsse man sich mit Gewalt entgegenstellen, sagen viele Christen. Gewalt löst keine Probleme, sie schafft nur neue, sagen die Friedenskirchen.

Friedlich ist es in der alten Eisenbahnerstadt Bebra. Bewaldete Hügel ringsum, wenig Betrieb an dem Bahnhof, der für das nordhessische Städtchen etwas überdimensioniert wirkt. Vor hundert Jahren war er mal einer der wichtigsten Verkehrsknoten in ganz Deutschland. 1938 fiel Bebra noch einmal auf wegen der Übergriffe auf jüdische Geschäfte – bevor die Novemberpogrome losgingen. Sogar bis kurz vor der Wiedervereinigung hatte Bebra eine gewisse Bedeutung als Grenzbahnhof. Doch spätestens seither liegt es abseits der großen Verkehrswege. Auch deshalb war Bebra für Peter Löwen und seine Gemeinde der richtige Ort, um sich anzusiedeln.

Serie: Friedenskirchen

  • Sind Mennoniten, Quäker und Brethren für andere Kirchen Vorbilder?
  • Bleiben sie pazifistisch, wenn es hart auf hart kommt?
  • Und was bringt ihr Engagement wirklich für den Frieden?
Alle Folgen unserer Friedenskirchen-Serie finden Sie hier.

 

Die mennonitische Gemeinde kam aus der zerfallenden Sowjetunion. „Es war eine Heimkehr“, sagt Löwen, 52, noch immer mit einem leicht russischen Akzent. Immer wieder waren sie einst vor Verfolgung geflohen. Von Norddeutschland über Preußen ­siedelten sie sich im späten 18. Jahrhundert in der Region um Orenburg nahe Kasachstan an. Ihren plattdeutschen Dialekt ­haben sie sich über all die Zeit bewahrt.

Über 17 Jahre war Löwen Vorsteher der Mennonitengemeinde. Im Februar gab er diese Position an ein jüngeres Gemeindemitglied ab. Er ist einer, der zu seinen Prinzipien steht – nicht aus der Lust am Streit, sondern weil ihm sein Glaube so wichtig ist.

Ein guter Mennonit ist frei“, sagt Löwen. Deswegen taufen Mennoniten nur Erwachsene, die sich für ihre Gemeinde entscheiden: „Man kann niemanden zum Glauben zwingen.“ In früheren Jahrhunder­ten mussten die Mennoniten fliehen, weil sie ihre Säuglinge ungetauft lassen. Ein guter Mennonit handle selbstbewusst durch Gottes Gnaden und trage den Frieden im Herzen, sagt Löwen, der alles andere als ein Verkäufer­typ ist. Löwen schwatzt anderen seinen Glauben nicht auf. Er wartet ab, dass man ihn danach fragt. Er will auch nicht fotografiert werden, als Mennonit präsentiere er sich nur ungern. An der Wand hinter der Couch hängen Bilder seiner acht Kinder und vier Enkel.

Militärdienst oder Gefängnis - das waren die Alternativen

Ihr seid das Salz der Erde, sagte Jesus in der Bergpredigt. „Es verteilt sich und wirkt von selbst“, sagt ­Löwen, die Hände gefaltet. Er hält viel darauf, unpolitisch zu sein. Politik machen heißt für ihn mit dem Staat kooperieren. Doch Mennoniten bekleiden keine öffentlichen Ämter, sie tragen keine Uniformen und leisten auch keinen Militärdienst. Das hat ihnen damals in Russland viel Ärger eingebracht.

„Es gab nur diese beiden Möglichkeiten: zwei Jahre Dienst an der Waffe oder fünf Jahre Gefängnis“, sagt Peter Löwen, verschränkt beide Hände im Schoß zu einer Faust und wippt mit dem Fuß. Die Entscheidung, die er damals traf, scheint ihn heute noch zu quälen: „Ich ging zur Armee“, sagt er knapp. „Doch als ich dort war, konnte ich keine Waffe in die Hand nehmen. Mir wurde zum ersten Mal wirklich bewusst, was die Menschheit sich antun kann.“ Löwen, heute ein hagerer Mann mit zurückweichendem grauem Haaransatz, hatte Glück. Ein Offizier nahm sich seiner an, zeigte Verständnis für den jungen Mann und setzte ihn als Fahrer ein. Er leistete den Wehrdienst ab, ohne je eine Kugel abzufeuern. „So erging es nicht allen. Ein Schulkamerad von mir ging tatsächlich für fünf Jahre ins Gefängnis.“ Als sich in den 1990er Jahren die Gelegenheit bot, kehrte Löwen und viele andere Mennoniten Russland den Rücken.

Wer sind die Mennoniten – moralische Vorbilder oder ­einfach nur Leute, die sich vor allem Unangenehmen drücken, was der Staat von ihnen verlangt? Wenn man die Gemeinde in Bebra an einem Sonntagvormittag besucht, ­erlebt man eine besondere Gemeinschaft mit geordneten Strukturen und sehr traditionellen Werten.

Ein Mann mit orangefarbener Warnweste dirigiert die Autos auf den geräumigen Parkplatz vorm neuen weißen Bethaus in Bebra. Im großen, hellen Foyer drängen sich sommersprossige, rot­wangige Mädchen mit karierten Röcken und hochgeschlossenen Blusen und kichern. Ledige Frauen haben die Haare zu festen Zöpfen geflochten oder hochgesteckt, die Verheirateten tragen ein Kopftuch.

Gläubig, aber nicht weltabgewandt

Ältere Herren in Anzügen begrüßen einander mit kräftigem Handschlag. Der Gottesdienstraum ist hell und schlicht, kein Kreuz, kein Altar, kein Schmuck. Überm Chorraum steht in großen grauen Lettern: „Selig sind, die das Wort Gottes hören und bewahren – Lukas 11,28.“ Links sitzen die Frauen, rechts nur Männer, der mittlere Bereich für Gäste ist gemischt. Drei mittelalte Herren halten ­ihre Predigten, Brüdergemeinden haben keine Pfarrer. Sie sprechen von Vergebung, warnen vor materiellem Besitz und klagen, dass Kinder und Jugendliche durch Medienkonsum von den wesentlichen Dingen des Lebens abgelenkt würden.

Rückständig und weltabgewandt sei seine Gemeinde nicht, sagt Peter Löwen nach dem Gottesdienst daheim in seinem Esszimmer. Man benutze auch Smartphones. „In Mexiko und Kanada leben teilweise noch streng rückwärtsgewandte Mennoniten“, sagt er, und man spürt, dass er nicht viel davon hält. „Sie haben das ­Wesentliche aus dem Blick verloren. Für sie zählt die Tradition mehr als der Glaube.“ Sie leben dort alle von der Landwirtschaft. – Löwen zeigt spöttisch auf Tomatenpflanzen auf dem Fensterbrett. „Das ist die einzige Landwirtschaft, die wir noch betreiben.“

Der Autor

Michael Güthlein, 25, brach den Plattdeutschen Zwieback korrekt auseinander, bevor er ihn aß. „Steckt schon ein richtiger Mennonit in dir“, sagte sein Gastgeber.

In Deutschland leben auch andere Mennoniten. Sie sind über die Jahrhunderte hier geblieben, haben alle Entwicklungen mitgemacht. Im Dritten Reich bekannten sich manche der deutschen Mennoniten offen zu Hitler. Einige setzten sich sogar über das eherne Prinzip der Kriegsdienstverweigerung hinweg. Fernando Enns ist ein Mennonit, den die deutsche Geschichte seiner Glaubensgeschwister stark bekümmert. Enns, Anfang 50, graues Haar, hohe Stirn, ist Professor. Er lehrt die Theologie der Friedenskirchen an den theologischen Fakultäten in Hamburg und Amsterdam.

Wie er sich den Sündenfall der deutschen Mennoniten in den 1930er Jahren erklärt? Das Bedürfnis, sich der Mehrheitsgesellschaft anzupassen, Bürgerrechte zu erhalten und mitzubestimmen, sei damals einfach zu stark gewesen. Die Mennoniten hätten den Bruch mit dem Friedenszeugnis ihrer Tradition später schwer bereut. Nach dem Zusammenbruch Deutschlands hätten sie dieses  Friedenszeugnis wieder entdeckt und daran anknüpfen können. Als 1956 die Bundesrepublik wiederbewaffnet wurde, gründeten sie das Deutsche Mennonitische Friedenskomitee. Es soll „bei globalen Problemen, die zu Unfrieden führen, Handlungsmöglichkeiten aufzeigen“, so steht es auf der Internetseite des Komitees.

Mut, Energie und der unbedingte Wille

Fernando Enns wurde in Brasilien geboren, weil sein Groß­vater aus der Sowjetunion nach Südamerika geflohen war. Wenn man mit Enns über das redet, was seine Glaubensgeschwister ­heute ausmacht, dann erzählt er nicht von Peter Löwen, der seinen Frieden in Bebra gefunden hat, sondern von Mennoniten, die sich überall da einmischen, wo Streit ist. Die sich in Kanada auf die Seite der Ureinwohner stellen, um gegen den Raubbau von Großkonzernen zu demonstrieren.

Enns erzählt von kolumbianischen Mennoniten, die sich weigerten, im Bürgerkrieg Partei zu ergreifen, und daraufhin von beiden Seiten bedroht wurden. Und von Paulus Hartono, einem mennonitischen Pastor in Indonesien, der Anfang der 2000er ­Jahre zu militanten Muslimen in den Dschungel ging, um Vertrauen auf- und Spannungen abzubauen.

„Ich bin voller Bewunderung für so viel Mut und wie ernst diese Menschen ihr Friedenszeugnis leben, wie bereit sie sind, ihren Weg als Gemeinschaft zu gehen“, sagt Enns.

Wie passt das, was Enns beschreibt, zum Leben von Peter ­Löwens Gemeinde in Bebra? „Ich sehe das eher als zwei Seiten einer Medaille“, sagt er. Natürlich gibt es auch in unserer Kirche ganz unterschiedliche Akteure. „Die einen haben den Mut, die Energie und den unbedingten Willen, sich politisch zu betätigen, um Dinge im gesamtgesellschaftlichen Zusammenleben zu verändern, durch Anwaltschaft, durch politische Aktionen, durch Protest“, erklärt er. „Die anderen sind Menschen, die ihre Friedenskirche vor allem so verstehen: gewaltfrei in ihrer unmittelbaren Umgebung zu leben, in der Familie, im Beruf, vor Ort.“ 
In der Gemeinde kann man ein friedfertiges Zusammenleben einüben, „so, wie man es sich für die gesamte Gesellschaft wünscht“. Und man zeigt anderen außerhalb der Gemeinde, dass das möglich ist.

Die Fotografin

Mika Sperling, 25, stammt selbst aus einer menno­nitischen Familie. Seit 2013 fotografiert sie Mennoniten in Deutschland. 

Reger Austausch zwischen den Gemeinden

In Berlin-Neukölln organisieren Mennoniten Selbstverteidigungskurse für Frauen und Mädchen. Sie sollen den Wert von Gemeinschaft, Selbstachtung und eine friedvolle Antwort auf Gewalt lernen. Sie sollen verstehen, wie sie sich und andere schützen, ohne destruktiv vorzugehen. Es ist kein Zufall, dass sie das gerade in der Hauptstadt eines der mächtigsten Staaten Europas tun. „Hier sind sie nahe an den politischen Entscheidungsträgern und haben die Möglichkeit, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. So werden ihre Vorstellungen nicht nur an Sonntagschristen ­weitergegeben, sondern an die reale Politik“, schwärmt Enns. „Für Christen ist es notwendig, den Frieden nicht nur im Wort, sondern auch in der Tat und ihrem Lebensstil zu vermitteln. Also Gewaltfreiheit im Sinne Jesu Christi zu leben.“

Über so viel Aktionismus können Peter Löwen und ­sein Schwager Andrej Wonkaretin nur müde lächeln. „Katho­liken denken eigentlich so, ja“, sagt Wonkaretin und zieht amüsiert seine Augenbrauen hoch. „Die wollen immer etwas unter­nehmen.“ Andrej Wonkaretin ist mit seiner Frau aus einer Mennonitengemeinde im pfälzischen Frankenthal zu Besuch nach Bebra gekommen, um Tochter und Enkelkinder zu sehen. Er trägt einen grauen Vollbart, hat buschige Augenbrauen und ein väterliches Lächeln.

Mennonitengemeinden leben voneinander unabhängig, ­stehen aber in engem Austausch. Die Großfamilie aus Frankenthal und Bebra versammelt sich um den großen Tisch im Esszimmer der Löwens, man isst „plautdietschen Tweebak“, auch mennonitischer Zwieback genannt. Die kleinen Hefebrötchen sind – wie die ­Sprache – ein Überbleibsel aus der norddeutschen Vergangenheit der Russlandmennoniten.

„Jesus hat den Frieden vorgelebt und niemandem hineingeredet“, sagt Wonkaretin. „Der innere Friede ist unabhängig von äußeren Einflüssen“, so hat es einer der Brüder auch vorhin im Gottesdienst verkündet. Auch vom Krieg? Kann denn jemand, der wehrlos zusieht, wie sein Stadtviertel bombardiert wird, wie seine Nachbarn fliehen, wie schließlich sein Haus zerbombt und seine Familie getötet wird, kann der seinen inneren Frieden finden? 

„Ja, das ist möglich“, sagen Wonkaretin und Löwen ent­schlossen. Durch das Wort Jesu könne jeder zum inneren Frieden gelangen, solange er sich darauf einlässt und daran glaubt. Aber wenn die Gewalt bis an die Haustür kommt, solle man fliehen, sagt Löwen. „Nicht aus Feigheit, sondern weil man nach Gottes Wille keine Gewalt anwenden darf.“ 

Information

Serie: Friedenskirchen

Hitler, Saddam Hussein, Islamischer Staat: Manchem Irren müsse man sich mit Gewalt entgegenstellen, sagen viele Christen. Gewalt löst keine Probleme, sie schafft nur neue, sagen die Friedenskirchen. In einer Serie von Interviews und Reportagen geht chrismon plus diesen Fragen nach:
 
Sind die Friedenskirchen für andere Kirchen Vorbilder?
Was tun sie, wenn es hart auf hart kommt?
Und was bringt ihr Engagement wirklich für den Frieden?

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Lesermeinungen

Dass die Mennoniten keine öffentlichen Ämter bekleiden stimmt so nicht. Ernst Bergen war bis 2007 Finanzminister Paraguays. Annemarie Jorritsma war in den 1990ern Vekehrsministerin und anschließend Wirtschaftsministerin und stellvertretende Ministerpräsidentin in den Niederlanden. Herrmann von Beckerath saß 1848 im Paulskirchenparlament. Mennoniten sind/waren auch in der Friedens- und/oder Bürgerrechtsbewegung eingebunden, man denke an Vincent Harding. Es stimmt, dass es Täfufer/Mennoniten gibt, die bewusst nicht an politischen Wahlen teilnehmen. Genauso gibt es aber auch viele, die sich bewusst politisch einbringen (sei es friedenskirchlich oder direkt parteipolitisch).