Tratschende Ehefrauen in Syrien

Die Witwen-Gang
Illustration Witwen-Gang

Ahaok

Als Kind lauschte unser Autor dem Plausch der Nachbarinnen. Und erfuhr Schreckliches . . .

Ich war zehn, aber innerlich noch ein Kind von sechs Jahren, und nahm in unserer Nachbarschaft an einem Kaffeeklatsch junger, verheirateter Frauen teil. Kleine Jungs waren willkommen. Zuerst sprach Aum Mohammed: "Das Leben ist schrecklich. Wie werde ich nur meinen Mann los?" Aum Diab schüttelte ihren Kopf: "Unsere Männer, Albträume sind sie!" Und Aum Haitham murmelte: "Hoffentlich sterben sie bald und verschwinden. Von ihnen bekommen wir nur Traurigkeit und Elend. Mein Mann soll der Erste sein. Amen." Aum Ibrahim klagte: "Nie kam ein Kompliment über seine Lippen. Und wenn er doch freundlich ist, weiß ich sofort: Er hat Hunger oder will eine Tasse Tee." Da lachte Aum Mohammed: "Dein Glück, dass dein Mann dich freundlich darum bittet. Meiner – möge er sterben – motzt mich an, wenn ich ihm Essen, Tee oder sonst was zubereiten soll."

"Sollen wir alle unsere Männer zusammenbringen und dann mit Tee vergiften?"

Meine Mutter lächelte alle an. Mal hob sie die Brauen mitleidsvoll, mal schüttelte sie den Kopf. Da sagte Aum Diab: "Sollen wir unsere Männer zusammenbringen und mit Tee vergiften? Wir würden sie alle auf einmal los!" Aum Mohammed erwiderte: "Mein Mann mag keine Männertreffen. Er sagt ja so schon kaum Hallo." Auch Aum Haitham seufzte: "Gar nicht so einfach, sie alle gemeinsam durch Gift umzubringen!" Ich ließ Aum Diabs süße Nachspeise stehen. Mein Magen rumorte. "Sollen wir alle unsere Männer heute beim Abendessen vergiften?", fragte Aum Haitham. Ihr Dracula-Lachen dröhnte in meinen Ohren. Die anderen lachten auch und philosophierten über Gifte und die nötige Konzentration. Und wie ab morgen die Nachbarschaft den Namen "Straße der Witwen" tragen werde. "Nein", warf jemand ein: "Sie wird Glückliche-Frauen-Straße heißen. Weil wir nach viel Geduld und fünf bis sieben Kindern endlich unsere Männer los sind."

Abdolrahman Omaren

Abdolrahman Omaren, Jahrgang 1979, arbeitete als Journalist für syrische Tageszeitungen und Magazine sowie als Nachrichtenmann beim Fernsehen. Er floh vor dem Assad-Regime, lebt nun in Berlin.
Benny Golm

Nach dem Treffen schlich ich schweigend neben meiner Mutter heim. Zu Hause, es war schon fast Nacht, bat sie mich, vom Großvater etwas Käse fürs Abendessen zu holen! Das letzte Abendessen für meinen Vater, dachte ich, ging aber dennoch. Hätte ich Großvater den finsteren Plan der Frauen offenbaren sollen? Ich wusste es nicht. Wortlos brachte ich den Käse.

Noch viele Jahre später trafen sich die Nachbarinnen und planten weiter den Männermord. Als junger Mann war ich nicht mehr willkommen. Näherte ich mich, verstummte ihr Gespräch. Einmal rief ich ihnen zu: "Ich kenne einen Auftragsmörder. Wenn ihr Hilfe braucht: Haltet euer Geld bereit." Sie lachten wieder wie verrückt. Und Aum Mohammed rief zurück: "Ich habe den größten Teil meines Lebens mit ihm verbracht. Soll ich auch mein Geld ausgeben, um ihn loszuwerden? Das ist kompletter Wahnsinn!" Später starb Aum Mohammed. Ihr Mann lebte weiter. Könnte ich in die Zeit zurückkehren, würde ich ihr sagen: "Das Leben ist zu kostbar. Man sollte es nicht mit Leuten vergeuden, die sich nicht um einen bemühen. Freiheit ist die wichtigste Quelle für menschliches Glück. Und ob du frei bist, liegt ganz bei dir."

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