epd-Filmtipps: Die Bologna-Entführung, Hör auf zu lügen, The Quiet Girl

Gehirnwäsche, Gefühle, Geborgenheit
Die Bologna-Entführung: Da Edgardo (Leonardo Maltese) heimlich von seiner Amme getauft wurde, muss er katholisch erzogen werden

Anna Camerlingo/Pandora Film

Die Bologna-Entführung: Da Edgardo (Leonardo Maltese) heimlich von seiner Amme getauft wurde, muss er katholisch erzogen werden

Die Bologna-Entführung: Da Edgardo (Leonardo Maltese) heimlich von seiner Amme getauft wurde, muss er katholisch erzogen werden

Die Bologna-Entführung – Geraubt im Namen des Papstes (Italien/Frankreich/Deutschland 2023)

Mitte des 19. Jahrhundert in Bologna: Die Familie Mortara lebt in einem jüdischen Viertel, wo sie ihren siebenjährigen Sohn Edgardo aufziehen. Als eines Tages Soldaten, im Auftrag des Papstes, in ihr Haus stürmen und Edgardo mitnehmen, ist die Familie erschüttert. Der Papst beruft sich auf das katholische Recht: da Edgardo heimlich von seiner Amme getauft wurde, muss er katholisch erzogen werden. Die verzweifelten Eltern versuchen alles um ihren Sohn zurückzubekommen. Sie erhalten öffentliche Unterstützung der jüdischen Gemeinde, protestieren auf der Straße und probieren eine Gegenentführung, aber immer wieder scheitern sie an der mächtigen Kirche. Marco Bellocchios Film ist eine sorgfältig ausgearbeitete Anklageschrift. Dabei schenkt er den Eltern und ihrer Suche ebenso viel Aufmerksamkeit wie der Verwandlung des Jungen, der unter dem Deckmantel der Religion regelrecht einer Gehirnwäsche unterzogen wird.

Ausführliche Kritik bei epd Film.

© Pandora Film

Regie: Marco Bellocchio. Buch: Marco Bellocchio, Susanna Nicchiarelli. Mit: Paolo Pierobon, Fausto Russo Alesi, Enea Sala, Barbara Ronchi. Länge: 125 Minuten FSK: ab 12 Jahren

Hör auf zu lügen (Frankreich 2023)

Der Romanautor Stéphane Belcourt (Guillaume De Tonquédec) kehrt nach langer Zeit zum ersten Mal in seine Heimatstadt zurück, um die Schirmherrschaft für das 200. Jubiläum einer berühmten Cognac-Marke zu übernehmen. Eine emotionale Angelegenheit, denn Stéphane wird nach der Ankunft von Erinnerungen geplagt. Rückblenden in die Schulzeit klären über seine unvollkommene Jugendliebe Thomas (Julien De Saint-Jean) auf. Diese Liebe, die sie damals geheim halten mussten, verfolgt Stéphane bis heute, seine Gefühle hat er in seinen Romanen verarbeitet. Als er zufällig den Sohn von Thomas kennenlernt, stellt er sich endlich den Geistern seiner Vergangenheit. Olivier Peyon adaptiert auf berührende Weise Philippe Bessons gleichnamigen Roman und untersucht dabei das Verhältnis von Wahrheit und Lüge in der Fiktion.

Ausführliche Kritik bei epd Film.

© 24 Bilder

Regie: Oliver Peyon. Buch: Oliver Peyon. Mit: Guillaume de Tonquedec, Victor Belmondo, Guilaine Londez, Jérémy Gillet. Länge: 98 Minuten FSK: ab 12 Jahren

The Quiet Girl (Irland 2022)

Die neunjährige Cáit (Catherine Clinch) wächst 1981 unter ärmlichen Verhältnissen im ländlichen Irland auf. Sie hat drei Schwestern und ihre Mutter ist schon wieder schwanger. Die Eltern sind erleichtert, als sie einen Brief von der Cousine der Mutter erhalten, dass Cáit den Sommer über zu ihnen könnte. Angekommen auf dem neuen Hof lernt Cáit eine Fürsorge kennen, die sie aus ihrem Elternhaus nicht gewohnt ist. Colm Bairéad hält sich eng an die literarische Vorlage von Claire Keegan. Seine Verfilmung ist unspektakulär, aber gerade deswegen berührend. Mit beiläufigen Betrachtungen des Alltags, zeigt er die Bedeutung von Geborgenheit für Kinder und wie schon kleine Dinge ausreichen, um sie herzustellen.

Ausführliche Kritik bei epd Film.

© Neue Visionen Filmverleih

Regie: Colm Bairéad. Buch: Colm Bairéad (nach einer Vorlage von Claire Keegan). Mit: Carrie Crowley, Andrew Bennett, Catherine Clinch, Michael Patric. Länge: 95 Minuten FSK: ab 12 Jahren

Vienna Calling (Deutschland/Österreich 2023)

Philipp Jedicke porträtiert in seinem neuen Dokumentarfilm atmosphärisch die Wiener Underground-Szene um Voodoo Jürgens, Der Nino, EsRap und mehr. Auf interessante Art und Weise gelingt Jedicke hierbei der Spagat zwischen authentischem Porträt einer Subkultur und filmischer Bühne auf der sich die Charakternasen austoben dürfen. "Vienna Calling" ist kein Film der versucht vollständig aufzuklären. Vielmehr liefert der deutsche Regisseur einen persönlich anarchischen Blick auf die verschiedenen Musiker und lässt dabei gerne die Musik für sich sprechen.

Ausführliche Kritik bei epd Film.

© Mindjazz Pictures

Regie: Philipp Jedicke. Buch: Philipp Jedicke. Mit: Voodoo Jürgens, Ansa Panier, Der Nino aus Wien, Lidya Haider. Länge: 85 Minuten FSK: ab 12 Jahren

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