Milliardengeschäft Sklaverei

Einblick in eine zutiefst grausame Welt
Sklaverei ist ein Milliardengeschäft. Die mexikanische Autorin Lydia Cacho hat bestürzende Schicksale zusammengetragen.

Die mexikanische Journalistin Lydia Cacho hat für ihr Buch grausame und bestürzende Schicksale zusammengetragen. Mädchen und junge Frauen werden ihren Eltern abgekauft, mit falschen Versprechen auf Arbeit in andere Länder verschleppt, ihrer Ausweispapiere beraubt und zur Prostitution gezwungen, mit der sie dann ihre astronomisch hohe „Schulden“ abarbeiten sollen. Die „Sklavinnen“ werden vergewaltigt, ständig bedroht und, wenn sie Widerstand leisten, ermordet.

Kleine Mädchen werden von Zuhälterinnen ausgebildet, in großen Gruppen gefangen gehalten, ununterbrochen mit Pornofilmen bearbeitet und so zu „hypersexuellen“ Persönlichkeiten abgerichtet. Ihre Seelen werden zerstört. Wenn sie es schaffen, zu fliehen, landen sie ohne Papiere oft in Gefängnissen, werden von Polizisten erneut drangsaliert, dann abgeschoben – und enden in der Welt der Prostitution, weil sie von ihren Familien verstoßen werden.

Menschenhändler verdienen Milliarden

Lydia Cacho hat undercover unter teils lebensgefährlichen Bedingungen in 46 Ländern recherchiert. Ihr Befund: die Sexsklaverei wächst „explosionsartig“: Jedes Jahr werden weltweit 1,4 Millionen Menschen verkauft und weiter verkauft „wie Rohstoffe der Industrie, wie Trophäen, wie Opfergaben oder wie gesellschaftlicher Müll.“ Laut den Vereinten Nationen verdienen Menschenhändler jedes Jahr 135 Milliarden US-Dollar an diesem Geschäft.  Offene Grenzen und das Internet als virtueller Marktplatz machen es möglich. Neuestes Produkt ist die Folterpornografie. 7000 Dollar kostet ein Mädchen, dessen Leben der Käufer mit Peitschenhieben, Stichen und Schnitten ein für alle mal verwüstet.

Beteiligt an diesem neben Drogen- und Waffenhandel „einträglichsten Geschäft der Welt“ sind Verbrechernetzwerke aus aller Welt, schreibt Lydia Cacho: die japanische Yazuka, die chinesischen Triaden, die russische, die italienische und die albanische Mafia sowie die lateinamerikanischen Drogenkartelle. Mit unzähligen Gesprächen mit Opfern, oft ängstlichen Beamten in Ermittlungs- und Einwanderungsbehörden, Journalisten und anonymen Informanten hat sie das komplexe Geflecht der Syndikate rekonstruiert: die regionalen Routen, die Methoden von Schutzgelderpressung bis zu Bestechung, Geldwäsche und meist exzellenten Beziehungen zur jeweiligen Geschäftselite.

Europäische Sextouristen leben Perversionen aus

In Cachos Heimatland Mexiko ist es ein ehemaliger Agent und Folterer der argentinischen Militärdiktatur, der immer und überall straflos davonkommt. In China und Japan sind die Mafiosi seit Jahrhunderten integrierter und mächtiger Teil der Gesellschaft.

Auch wenn in anderen Staaten die Vernetzung des organisierten Verbrechens mit Ordnungshütern und Politik nicht so eng ist, macht Cacho die patriarchalen Strukturen weltweit für die Verbrechen mitverantwortlich. Denn Präsidenten, Richter und Abgeordnete fragen ebenfalls Prostituierte nach. Und europäische Sextouristen leben in Kambodscha und Thailand ihre Perversionen mit Minderjährigen aus. Die meisten Pädophilen kommen aus Deutschland und Holland.

Lydia Cacho steht unter Personenschutz

Diese männlich dominierte Kultur müsse beseitigt werden, fordert Cacho. Sie sei auch der Grund dafür, dass Sexsklaverei so oft straflos bleibe. Denn selbst die Auskunft junger Frauen über Adressen, Namen, Telefonnummern, Schleuser-Routen, ja sogar Mitschnitte von Telefongesprächen würden „nicht sonderlich ernst genommen.“ Lydia Cachos Buch kann zu Alpträumen führen. An manchen Stellen ist es oberflächlich, zum Beispiel bei der Analyse der Globalisierung und ihrer Folgen wie Armut und Zwangsmigration.

Aber das kann man ihr nachsehen, weil die Berichte aus einzelnen Ländern tiefe Einblicke in eine äußerst barbarische und kalte Verwertungsmaschinerie kindlicher und weiblicher Körper geben, die unbedingt ans Licht der Öffentlichkeit gehören. Die 48-jährige Cacho hat bereits 2005 mit einem Buch über Kinderhandel und –pornografie, in dem sie Namen von Tätern genannt hat, einen Skandal ausgelöst. Seitdem steht sie unter Personenschutz.

Lydia Cacho: Sklaverei. Im Inneren des Milliardengeschäfts Menschenhandel,
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2011, 19,95 Euro

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