Kommt meine Spende an?

Kritische Fragen zur Entwicklungshilfe und zum Spenden
Entwicklung - Teilen

STUDIO I LIKE BIRDS

Entwicklung - Teilen

40 Zweifel, Fragen, Vorurteile: Nichts hat geholfen in Afrika? Am besten für Kinder spenden? Wir haben Antworten

"Bettelbriefe nerven – muss das sein?"
Ja, denn wer nicht fragt, bekommt auch nichts, sagt Burkhard Wilke von der Organisation DZI, die das renommierte Spenden-Siegel vergibt. Der Brief sei nach wie vor die wichtigste Werbeform. "Die Bereitschaft zum Spenden ist tief im Menschen verwurzelt. Aber man braucht dazu Gelegenheiten und manchmal auch eine Erinnerung." Allerdings seien höchstens vier Briefe pro Jahr okay und die dann auch eher informierend wie ein Newsletter.

"Was kann ich denn mit meinen 50 oder 100 Euro schon ausrichten?"
Für 25 Euro kann Ärzte ohne Grenzen ein Narkosekit kaufen, das reicht für die Narkose einer schwerverletzten Person, die nach einem Gewaltausbruch oder einer Naturkatastrophe notoperiert werden muss. Brot für die Welt kann mit 50 Euro die Gebühren für das Einreichen von fünf Vergewaltigungsklagen in der Demokratischen Republik Kongo bezahlen. 60 Euro reichen für sechs Säcke Zement (à 50 kg) - damit kann eine kleinbäuerliche Familie in Malawi, wo man bereits unter dem Klimawandel leidet, einen Bewässerungskanal bauen. 80 Euro kostet ein Jahr Ausbildung für zwei ehemalige Kindersoldaten in der Demokratischen Republik Kongo. Terre des hommes kann für 60 Euro einer Familie in den Anden zwei Lamas finanzieren – Lamas geben Dünger und Wolle und tragen Lasten. Und die Welthungerhilfe organisiert für 100 Euro einem Kind vier Jahre lang ein warmes Schulessen.

"Auch 1000 Euro würden nicht wirklich was bewegen!"
Für 1000 Euro können zehn Frauen in Mali über die Welthungerhilfe an einer Alphabetisierungsschulung teilnehmen, inklusive Kinderunterbringung. Brot für die Welt sorgt mit 1000 Euro dafür, dass ein abgelegenes Dorf in den peruanischen Anden, wo es wegen des Klimawandels oft nur noch zwei statt vier Monate im Jahr regnet, ein Wasserrückhaltebecken für 20 Familien bauen kann, dazu gibt es noch ein paar Sprinkler. Ärzte ohne Grenzen bezahlt mit 1780 Euro das 45 Quadratmeter große Zelt für eine Feldklinik.

"Am besten, ich gebe jedem etwas"
Nein, es ist besser, 100 Euro an eine einzige Organisation zu spenden als je 20 Euro an fünf Organisationen, sagt Burkhard Wilke, Leiter des DZI, der Verbraucherschutzorganisation für Spenderinnen und Spender. Denn jede Spende löst einen Verwaltungsvorgang aus, kostet also. Manche Menschen verteilen ihre Spende, weil sie so viele Briefe bekommen und niemanden zurückweisen wollen. Davon könne man sich emanzipieren, meint Wilke. Besonders freuen sich Spendenorganisationen übrigens über langfristige Fördermitgliedschaften – denn dann wissen sie, womit sie rechnen können.

"Könnten die Entwicklungsländer nicht auch selbst was tun?"
Ja! Das tun sie auch. Denn eins habe man in den Jahrzehnten der Entwicklungspolitik wirklich gelernt, sagt Dirk Messner, Leiter der United Nations University in Bonn: Man kann Entwicklung nicht exportieren, und man kann sie auch nicht importieren. Die Länder müssen selbst wollen. Aber die Entwicklungsanstrengung kann von außen wirksam unterstützt werden. "Wir sollten vor allem zusehen, dass wir diese Länder nicht zusätzlich belasten mit unseren eigenen Fehlern. Mangelnder Klimaschutz bei uns führt zu Ernteausfällen und Hunger dort."

"Aber wenn Regierungen sich um nichts kümmern oder Krieg ist?"
Dann macht man nicht Entwicklungszusammenarbeit, sondern leistet humanitäre Hilfe, also Überlebenshilfe – Nahrungsmittel, Flüchtlingscamps, medizinische Hilfe, Wiederaufbau. Beispiele: Jemen, Kongo, Somalia, Südsudan.

"Die Not ist zu groß für mich allein"
Das ist wie im Gleichnis mit dem Saatkorn in der Bibel, sagt Markus Dröge, Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz: Das Senfkorn sieht ungeheuer klein aus, aber es kann etwas Großes daraus wachsen. "Wir sind als Christen eingebunden in ein weltweites Netz von Menschen, die glauben, lieben und hoffen und Verantwortung übernehmen wollen für diese Welt." Auch so ein schlichtes Projekt wie das in Peru, das er als Aufsichtsratsvorsitzender von Brot für die Welt besucht hat, bewirke viel: Die Bauern und Bäuerinnen in abgelegenen Dörfern bekamen Unterstützung bei der Vermarktung und können jetzt ihre Produkte bis in die Hotels in Lima verkaufen. Manche Abgewanderte ziehen aus den Slums von Lima nun sogar wieder zurück in ihre bäuerliche Heimat. 

"Es gibt genug Armut bei uns!"
Ja, es gibt auch in Deutschland bedürftige Menschen. Es kommen ja auch weit mehr als die Hälfte aller Spendengelder hiesigen Projekten zugute, schätzt Burkhard Wilke vom DZI. Zum Beispiel Sportvereinen oder der Behindertenhilfe.

"Was gehen fremde Arme unsere Kirche an?"
Die gehen uns sehr wohl was an, sagt Bischof Markus Dröge, der auch Aufsichtsratsvorsitzender bei Brot für die Welt ist. "Weil wir eine Weltgemeinschaft sind; und weil alle Menschen Gottes Kinder sind. Einer trage des anderen Last, heißt es in der Bibel, und die Stärkeren haben mehr Verantwortung." Wir stehen an einem geschichtlichen Wendepunkt, sagt Dröge: "Gott stellt uns vor die Frage: Was tut ihr, um Menschen zu helfen, die in ihrer Heimat kein menschenwürdiges Leben mehr führen können? Was habt ihr für einen Lebensstil, der andere Weltgegenden belastet? Hören wir diesen Ruf oder verschließen wir uns?"

Christine Holch

Christine Holch spendet gern. ­Regelmäßig ­größere Summen an drei ­Organisationen und spontan kleinere Summen, wenn sie etwas anrührt oder wenn sie eine Projekt­idee toll ­findet.
Lena UphoffChristine Holch, Chefreporterin chrismon

"Ich will nicht bedrängt werden"
Richtig! Bedrängende Spendenwerbung geht gar nicht. Etwa so: "Wollen Sie wirklich zulassen, dass dieses Kind stirbt?" Man solle solche Fälle an das DZI melden und auch der Hilfsorganisation eine Rückmeldung geben, sagt DZI-Leiter Burkhard Wilke. E-Mail: sozialinfo@dzi.de

"Ist überhaupt irgendwas besser geworden?"
Ja! Der Anteil der extrem Armen an der Weltbevölkerung hat sich zwischen 1980 und heute von 40 Prozent auf 10 bis 15 Prozent aller Menschen reduziert, sagt Entwicklungspolitikforscher Dirk Messner. "Das ist ein enormer Fortschritt! Das Bild, dass nichts vorangeht in den Entwicklungsländern, ist komplett falsch." Allerdings fand der Fortschritt vor allem in Asien (China, Indien, Indonesien) und Lateinamerika statt, in Afrika keineswegs flächendeckend.

"Weniger Arme? Dann ist ja alles super"
Nein, etwa jeder zehnte Mensch weltweit ist laut Weltbank weiterhin "extrem arm". Das bedeutet: Er kann sich nicht mal täglich die Menge an Gütern kaufen, die in den USA 1,90 Dollar kosten würden (oder 1,62 Euro in Deutschland). Extrem arm heißt konkret: Da ist kein Arztbesuch drin, auch nicht fürs Ziehen von zwei kaputten Zähnen. Ein Drittel der extrem armen Menschen lebt südlich der Sahara, ein Drittel in Indien.

"Kindern helfen, das bringt am meisten"
Kinder sind die Zukunft. Aber Kindern geht es nur gut, wenn es den Eltern gut geht. Man kann nicht einzelne Kinder privilegieren, sondern man unterstützt das ganze Dorf, auch die Alten, denn die sind oft am ärmsten dran. Auch Organisationen für Kinderpatenschaften nehmen die ganze Gemeinschaft in den Blick.

"Wir wissen es doch auch nicht besser!"
Genau! Die alte Denke – wir hier im reichen Norden haben das Know-how, die "da unten" nicht – habe noch nie gestimmt, sagt Klaus Seitz, Leiter Politik bei Brot für die Welt. Kompetenz gebe es genug vor Ort. Die Unis in Afrika entlassen jährlich zehn Millionen akademisch Ausgebildete. Viele nichtstaatliche Organisationen wie Brot für die Welt schicken keine Entwicklungshelfer in die Welt, die eigene Projekte umsetzen, sondern arbeiten mit Partnern in den armen Ländern. Partner sind zum Beispiel kirchliche Einrichtungen, zivilgesellschaftliche Organisationen oder Selbsthilfevereinigungen – etwa die der landlosen Bauern. Die Partner stellen Projektanträge und werden dabei beraten. Wenn Brot für die Welt Fachleute aus Deutschland entsendet, dann nur auf Anforderung und nur vorübergehend. Zum Beispiel eine Sozialforscherin, die Menschenrechtsgruppen in Zentralamerika dabei unterstützt, Daten über Diskriminierung zu erheben.

"Alles furchtbar in Afrika, das wird nie was"
Afrika ist der Kontinent mit den größten Entwicklungsproblemen in der Weltgesellschaft. Sehr viele extrem Arme leben auf diesem Kontinent. Und das Wirtschaftswachstum ist kaum höher als das Bevölkerungswachstum. Aber die Länder Afrikas unterscheiden sich stark. "Von den gut 50 Staaten sind etwa zehn Konfliktländer – wegen Bürgerkrieg oder zerfallendem Staat. In den anderen Ländern aber geht es voran", sagt der Entwicklungsexperte Dirk Messner: Da wird in Mädchen investiert, die Regierungsführung wird besser, etwa vier von fünf Kindern gehen wenigstens in die Grundschule – um nur einige der Voraussetzungen für Entwicklung zu nennen. 

"Warum kommen dann so viele Flüchtlinge?"
Es kommen gar nicht so viele der weltweit Fliehenden nach Deutschland. Obwohl 2017 so viele Menschen auf der Flucht waren wie nie zuvor, nämlich 68,5 Millionen. Das ist jeder 110. Mensch auf der Erde. Die meisten, nämlich 85 Prozent, wurden von armen Ländern aufgenommen, nicht von den reichen Industriestaaten, haben die Vereinten Nationen festgestellt.

"Und die ‚Wirtschaftsflüchtlinge‘"?
Die größten Treiber für Migration sind Krieg und Diktatur. Aber es gibt auch zunehmend Menschen, die sich fragen, warum nur Waren um die Welt reisen können sollen, warum sie dagegen am "Ende der Welt" bleiben sollen, nur weil sie das Pech hatten, dort geboren worden zu sein. Menschen gehen dahin, wo sie Chancen sehen. Allerdings ziehen die meisten dieser Menschen nicht in den reichen Norden, sondern in ein entwickelteres Land in ihrer Region.

"So viel Geld – und immer noch arm"
So viel Geld ist das gar nicht, was die Staaten der OECD für Entwicklungszusammenarbeit pro Jahr ausgeben, zuletzt nicht ganz 150 Milliarden Dollar. Das ist nur rund ein Zehntel des Geldes, was weltweit für Rüstung ausgegeben wird.

"Wir haben uns auch alles allein aufgebaut"
Stimmt nicht ganz. Nach dem Zweiten Weltkrieg unterstützten die USA die unter den Kriegsfolgen leidenden Länder Westeuropas mit – umgerechnet auf heute – 131 Milliarden Dollar.

"Mein Geld geht doch nur an korrupte Regierungen"
Man kann Korruption nicht zu 100 Prozent ausschließen – und "bad governance" gibt es ja auch bei uns, sagt Entwicklungspolitikforscher Dirk Messner, man denke nur an den Zusammenbruch der Finanzmärkte ab 2008. Aber es gebe großangelegte Maßnahmen, auch vom Bundesrechnungshof, um das Umleiten von staatlichen Entwicklungsgeldern in dunkle Kanäle zu verhindern. Hat ein armes Land eine korrupte Regierung, kann die deutsche Regierung sie eben nicht einfach umgehen und selbst Schulen im Land aufbauen, das lässt das Völkerrecht nicht zu. Aber die Bundesregierung gibt auch Entwicklungsgelder, beispielsweise an die beiden kirchlichen Hilfsorganisationen Brot für die Welt und Misereor. Die sind dank ihres weit verzweigten Netzes an Gemeinden nah dran an den Menschen, besonders an den Ärmsten der Armen. "Die kirchlichen Hilfswerke besitzen oft noch Handlungsmöglichkeiten, wenn staatliche Entwicklungszusammenarbeit nicht mehr agieren kann oder darf", so beschreibt das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung die Aufgabenverteilung.

"Idiotisch: hier teuer Lebensmittel kaufen und über Afrika abwerfen"
Stimmt. Deswegen macht das heute auch niemand mehr. Aber es gab mal eine Luftbrücke mit Lebensmittelpaketen, organisiert von Christen weltweit: Biafra, 1967. Die Region hatte sich von Nigeria abgespalten, Nigeria reagierte mit Hungerblockade und Krieg. Heute kaufen Nothilfeorganisationen die Nahrungsmittel in der Region (es herrscht nie überall gleichzeitig Mangel). Und immer öfter bekommen die Notleidenden kein fertiges Paket, sondern Bargeld. Die Familien wissen selbst am besten, was sie akut brauchen. Würdiger ist das auch.

"Katastrophenhilfe nützt nichts, nachher ist es so schlimm wie vorher"
"Nein, nachher ist es besser als vorher", sagt Thomas Beckmann von der Diakonie Katastrophenhilfe. Und das geht so: erst die akute Überlebenshilfe mit Decken, Zelten, Wasser, Essen. Dann bauen die Partnerorganisationen vor Ort die Häuser wieder auf und zwar stabiler als vorher, so dass sie dem nächsten Erdbeben oder Wirbelsturm standhalten. Die Betroffenen sollen dabei möglichst viel selbst machen – etwa in Somalia in den Flüchtlingscamps Brunnen bauen. Sie bekommen dafür Geld und können sich Lebensmittel, Waschmittel, Babykleidung selbst kaufen. Auch wenn die Medien schon wieder weg sind, die Diakonie Katastrophenhilfe bleibt und unterstützt dann zum Beispiel Menschen, die in ihre zerstörten Dörfer zurückkehren, mit Saatgut und landwirtschaftlichem Gerät. Deshalb ist die Hilfsorganisation besonders froh über zweckungebundene Spenden.

"Wieso hungern ausgerechnet Bauern? Kann doch gar nicht sein"
Es klingt paradox, aber 70 Prozent der Hungernden sind kleinstbäuerliche Familien. Sie sind oft abgedrängt auf magere Böden, haben viel zu kleine Felder, müssen sich gegen Landraub wehren, können ihre Produkte weder lagern noch kühlen, weil die Regionalverwaltung sich nicht kümmert, können ihre Felder nicht bewässern und haben schon bei kleinen Wetterkapriolen wie einer unvorhergesehenen Dürre keine Reserven mehr.

"Entwicklungshilfe macht Menschen träge und abhängig"
Nein, die Hilfsorganisationen wollen die Selbsthilfe der Menschen stärken. Sie sollen und können ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen. Das kann auch heißen, dass sie ihr Recht gegenüber dem eigenen Staat einklagen. Klaus Seitz von Brot für die Welt nennt ein Beispiel: Wenn Menschen Land weggenommen wird und sie mangels Katasteramt nicht nachweisen können, dass sie das Land von ihren Großeltern haben – "dann versuchen wir, die Organisationen vor Ort zu stärken, damit die Leute ihre Rechte einklagen können".

"Es ist doch so viel gescheitert"
Vor allem in den 60er Jahren ist einiges gescheitert. Damals förderte zum Beispiel die Weltbank Großprojekte wie Staudämme und Stahlwerke. Doch das löste nicht die erhoffte Entwicklung aus. Manches funktionierte auch nur kurz – weil Stromausfälle nicht mitbedacht worden waren oder Ersatzteile fehlten. Auch einfach eine Schule hinzustellen, funktionierte nicht – die Leute identifizierten sich nicht damit, es gab, neudeutsch, keine "Ownership", erklärt Danuta Sacher von Brot für die Welt. Nichtstaatliche Hilfsorganisationen arbeiten schon lange anders: mit Partnern vor Ort. Dann legt ein ganzes Dorf rundum Terrassen an und bepflanzt sie, damit die Pflanzen mit ihren Wurzeln die seltenen Regengüsse in den Boden leiten und eine Quelle endlich wieder ganzjährig Wasser gibt. Schnelle Ziele (mehr Ackerfläche dank Terrassen) zusammen mit mittelfristigen Zielen (mehr Wasser) und das Ganze unter Beteiligung der gesamten Gemeinschaft – so was funktioniert.

"Sollen doch die anderen spenden!"
Die Deutschen sind nicht die Spendenweltmeister. Höchstens die Hälfte der Erwachsenen hierzulande spendet. In Großbritannien oder den Niederlanden sind es deutlich mehr. In Deutschland spenden sogar immer weniger Menschen. Vor allem jüngere Menschen bröckeln ab. Vielleicht, weil sie ihren Wohlstand als normal empfinden? Die Verbleibenden spenden dafür mehr und öfter. Noch. Nichtspendende sehen sich nicht auf der Geberseite der Gesellschaft, sie fühlen sich – rein subjektiv – nicht wohlhabend, reif genug für die Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung, sagt Sabine Loch, Psychologin beim Marktforschungsinstitut Rheingold. Jemand hat vielleicht viel Geld, fühlt sich aber immer zurückgesetzt. Und es gibt Menschen mit wenig Geld, die sich noch Bedürftigeren zuwenden und zum Beispiel für Kinder, Tafeln, Tiere spenden. Oder Flüchtlinge geben vom ersten Lohn einen Teil an eine Hilfsorganisation.

"Aber ich bin nicht wohlhabend!"
"Auf den Mangel zu schauen macht arm, wohlhabend macht es, auf das zu schauen, was ich alles habe. Es ist ein Schritt der Reife, sich an dem zu erfreuen, was ist", sagt der Theologe und erfahrene Fundraiser Udo Schnieders von der Kanzlei Schomerus. Vieles wird einem geschenkt – das Leben, gesunde Kinder, eine gute Ausbildung, ein lieber Mensch an der Seite … "Wer sich in der Fülle erlebt, gibt gern", sagt Udo Schnieders.

"Was hab ich davon, wenn ich spende?"
"Leute, die abgeben, fühlen sich zufriedener und entspannter", hat Psychologin Sabine Loch beobachtet. "Denn in dem Moment, wo ich mich auf die Geberseite stelle, sehe ich mich nicht mehr als Opfer. Man hilft damit sich selbst und den anderen." Die Bibel fasst diese uralte Erfahrung so zusammen: "Gebet, so wird euch gegeben."

"Die Mikrokredite waren auch so ein Flop"
Kleinstkredite für arme Menschen sind kein Flop, aber sie sind auch kein Wundermittel gegen Armut, sondern ein Instrument neben anderen wie Bildung oder Gesundheitsfürsorge, sagt Matthias Lehnert von Oikocredit, einer weltweiten Genossenschaft, die sich seit vielen Jahren im Mikrofinanzbereich engagiert. Umfangreiche Forschungen der Entwicklungsökonomin Esther Duflo zusammen mit dem Institut Poverty Action Lab zeigten: Kleinstkredite allein bringen nicht die Wende für arme Menschen, aber sie geben ihnen mehr Handlungsfreiheit – sie müssen dann zum Beispiel nicht wichtige Arbeitsgeräte verkaufen, um nach einer schlechten Ernte Geld für das Saatgut zu haben.

Und: Mikrokredite sollten mit Beratung verknüpft werden – denn macht es wirklich Sinn, neben den Pfannkuchenständen der Nachbarinnen noch einen dritten aufzubauen? Damit die Zinsen nicht zu hoch sind, sollten Mikrokreditvergeber keine Renditemaximierung anstreben, sagt Matthias Lehnert von Oikocredit. Die Anteilseigner von Oikocredit– zum Beispiel Kirchengemeinden oder Privatpersonen – haben in den vergangenen Jahren maximal zwei Prozent Dividende bekommen. Besonders hilfreich, so fand das Poverty Action Lab heraus, sind übrigens Mikroversicherungen – damit Menschen ihr wichtigstes Produktionsmittel absichern können: die Kuh, das Fahrrad, die Ernte.

"Sind nicht längst genügend Brunnen gebaut?"
Nein. Besonders viele Brunnen fehlen zum Beispiel in den Ländern südlich der Sahara oder in Nordindien, aber auch in den neu entstandenen großen Flüchtlingslagern. Jedes Jahr sterben 3,5 Millionen Menschen an Krankheiten, die durch verunreinigtes Wasser übertragen werden; die Hälfte davon sind Kinder. Aber auch Speicher fehlen und Wasserleitungen zu Häusern und Feldern.

"Fairer Welthandel – und alles wird gut"
Einerseits stimmt das, denn unsere Art von Handel benachteiligt Entwicklungsländer oft sehr, sagt Entwicklungspolitikforscher Dirk Messner, "zum Beispiel exportieren wir noch immer viel zu viel subventionierte Agrarprodukte aus Europa nach Afrika und zerstören damit die afrikanischen Märkte". Hühner und Tomaten sind so ein Beispiel. Andererseits kann Armut nur reduziert werden, wenn Wohlstand dann auch fair verteilt wird, wenn Sozial- und Umweltstandards gelten und Investoren ihre Steuern zahlen.

"Ich zahl doch schon mit meinen Steuern für Entwicklungshilfe"
Wieso also auch noch spenden? Weil es mehr Bedarf gibt, als die staatliche Entwicklungszusammenarbeit abdeckt. Und weil die großen Hilfswerke die Gelder, die sie von der deutschen Regierung bekommen, kofinanzieren müssen mit Eigenmitteln, also mit Spenden. Hilfswerke wie Brot für die Welt, Welthungerhilfe, Misereor bekommen staatliche Mittel, weil sie näher dran sind an den Ärmsten der Armen.

"Alle wollen was von mir, wem soll ich was geben?"
"Folgen Sie Ihrem Herzen", rät Fundraising-Experte Schnieders, "was rührt mich an, wenn ich Nachrichten höre? Wo habe ich den Impuls zu helfen?" Oder man spendet für etwas, was mit einem selbst zu tun hat – weil man selbst oder eine Angehörige Unterstützung erfahren hat. Oder weil eine bittere Erfahrung an einem vorübergegangen ist.

"Ich will helfen, wo niemand spendet"
Schwer an Gelder kommen zum Beispiel Projekte und Einrichtungen für geschlagene Frauen, für alte Menschen am Rand zur Armut, vor allem auf dem Land, und ganz besonders wenig Spenden gehen an Kinderpsychiatrie und Projekte für psychisch kranke Erwachsene. "Gib für das, wofür es dir am schwersten fällt, weil dahin wahrscheinlich auch die anderen nichts geben", so beschreibt Udo Schnieders die Strategie für eine Elite der besonderen Art.

"Ich hab da in einem äthiopischen Dorf Leute kennengelernt …"
Einzelkämpferinnen und –kämpfer entwickeln oft ungeahnte Energien, wenn sie helfen wollen. "Aber Engagement allein ist zu wenig, ohne Professionalität lässt sich wenig bewirken", schreibt Friedbert Ottacher in seinem Buch "Entwicklungszusammenarbeit im Umbruch". Denn woher soll ein Rentner wissen, wie Schulen in Äthiopien gebaut werden, wer die Bewilligungen erteilt, die Lehrer zahlt … Am Ende steht oft Enttäuschung.

"Ich bin nicht so naiv"
Das kann einem aber leicht passieren, wenn man keinen Abstand hat. Udo Schnieders, heute Berater für gesellschaftliches Engagement bei der Kanzlei Schomerus, hat das als junger Mann selbst erlebt. Er war Gast in einer arabischen Familie, und die jüngste Tochter sollte studieren – das fand Schnieders toll. Aber die Familie brauchte dafür 5000 Euro. Schnieders mobilisierte alle, die er kannte, und konnte bald 5000 Euro überweisen. Die junge Frau hat nie studiert. Es fehlte halt gerade Geld an einer anderen Stelle, und die Tochter sollte besser doch erst mal heiraten. "Das war naiv von mir", sagt Schnieders, "ich hätte wissen müssen, wie mit Geld in solch einer arabischen Familie umgegangen wird. Klug wäre gewesen zu sagen: Schickt mir die Immatrikulationsbescheinigung, und ich schicke euch die erste Tranche." 

"Ich würde ja gern richtig viel spenden, aber vielleicht brauche ich das Geld noch selbst"
Wenn man zu Lebzeiten viel Geld spenden möchte, aber nicht sicher weiß, wie viel man selbst noch braucht, kann man ein Darlehen auf Zeit geben, sagt Marc Herbeck, Berater für Stiften und Vererben bei der Stiftung Welthungerhilfe. Die jeweilige Hilfsorganisation wirtschaftet dann mit den Erträgen. Man kann eine gemeinnützige Organisation auch erst im Testament bedenken, meist mit einem Vermächtnis. Manchmal wird die Organisation auch als Erbe eingesetzt, das sollte man vorher aber besprechen. Um Haustiere können sich Spendenorganisationen nicht kümmern, aber immer mehr übernehmen die Haushaltsauflösung. Der Service für die Nachlassabwicklung sei im Kommen, beobachtet Marc Herbeck.

"Ich mach lieber eine Stiftung auf, mit meinem Namen!"
Vorteil einer Stiftung: Man bestimmt den Zweck selbst. Die meisten Stifter und Stifterinnen managen auch alles selbst. Das kann glücklich machen. Allerdings stellt sich oft im Nachhinein heraus, dass das Stiftungsvermögen nicht genügend Ertrag abwirft (also etwa Zinsen oder Dividende), um den Stiftungszweck wirkungsvoll zu erfüllen, schreibt Stifterin Ise Bosch in ihrem Buch "Besser spenden! Ein Leitfaden für nachhaltiges Engagement". Will jemand die umliegenden Kindergärten mit Büchern ausstatten, dann können 50.000 Euro Stiftungsvermögen reichen, weil man jährlich einen Ertrag von vielleicht 500 oder 1000 Euro ausgeben kann, sagt Katrin Kowark vom Bundesverband Deutscher Stiftungen. Aber wenn Stiftungen zu klein sind für ihre Ziele, bewirken sie wenig. 72 Prozent der Stiftungen haben weniger als eine Million Euro Vermögen. Dann müssen weitere Geldgeber gefunden werden – schwierig, wenn die Stiftung im Titel den eigenen Namen trägt und nicht den Stiftungszweck.

Ob Katrin Kowark vom Stiftungsverband, Fundraiser Udo Schnieders oder Stifterin Ise Bosch: Alle raten, sich zu überlegen, ob man nicht besser eine sich selbst verzehrende Verbrauchsstiftung macht oder an eine bestehende Stiftung andockt mittels einer Zustiftung oder unter das Dach eines Stiftungsfonds geht und dort einen bestimmten Aspekt finanziert, der einem wichtig ist. Auch Gemeinschaftsstiftungen ermöglichen oft umfangreiche Mitbestimmung – etwa filia.die frauenstiftung oder die Bewegungsstiftung.

"Kann ich überhaupt jemandem vertrauen?"
"Ja! Vertraut den Organisationen, die meisten sind überaus vertrauenswürdig", sagt Burkhard Wilke des DZI, einer Verbraucherschutzorganisation für Spender und Spenderinnen. Das DZI prüft Organisationen, die überregional Spenden sammeln, und vergibt das Spenden-Siegel. Es gilt die Regel: Organisationen mit Spenden-Siegel sind seriös, aber welche ohne Spenden-Siegel sind nicht automatisch unseriös. Man sollte sich allerdings vergewissern, dass sie nicht auf der Negativliste des DZI erscheinen. Wer seriös ist, veröffentlicht zum Beispiel einen Jahresbericht, in dem auch erklärt wird, wie man die Wirksamkeit kontrolliert.

"Jeder Euro muss ankommen! Ich zahl doch nicht für all die Sesselpupser in der Verwaltung!"
Pardon, aber das ist eine unsinnige Forderung. Angemessene Werbung und Verwaltung sind unverzichtbar für eine gut arbeitende Organisation. Dazu gehören zum Beispiel die Wirtschaftsprüfung, die Buchhaltung oder die Spenderbetreuung. "Man kann auch zu wenig für Verwaltung ausgeben – dann verliert man den Überblick, macht dringend notwendige Kontrollen nicht", sagt Burkhard Wilke vom DZI. Weniger als zehn Prozent Verwaltungskosten – so wie bei Brot für die Welt – gelten als niedrig, aber auch 30 Prozent können noch angemessen sein – aufwendig ist zum Beispiel die Kommunikation mit Paten bei Kinderpatenschaften.

 

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.

Lesermeinungen

Wir haben seit nunmehr über 25 Jahre Patenkinder in Zimbabwe. In dieser Zeit haben wir bauliche Maßnahmen ebenso unterstützt wie auch landwirtschaftliche Anschaffungen. Besonders stolz sind wir jedoch auf die Tatsache, mittlerweile vier Kinder im Rahmen ihrer schulischen Ausbildung begleitet unterstützt zu haben. Man kann konkret helfen! Alles andere sind nur gewollte Ausflüchte.

Das Thema der korrupten Eliten in Afrika (von denen praktisch jedes Land betroffen ist), bleibt leider mal wieder unerwähnt. Es ist in erster Linie Aufgabe der Führungsschicht eines Landes, für die Entwicklung und das Wohlergehen Ihrer Bürger zu sorgen (das ist zumindest unser Verständnis). Jeder €uro/$ollar, der in die "Entwicklungshilfe" gesteckt wird, entlastet die Eliten von ihren Aufgaben, so dass diese sich so noch mehr in ihre Taschen stopfen können, unzählige Beispiele belegen dies. Und so werden die unterernährten Kinder mit ihren großen Kulleraugen als Druckmittel eingesetzt, um mehr Spenden zu generieren. Selbst wenn die Hilfe bei den Armen/Schwachen ankommt, dann wird trotzdem die Elite von ihrer Führungsverantwortung entlastet und kann sich um so ungenierter an den Einnahmen durch die Rohstoffausbeutung im jeweiligen Land bereichern. Das wäre ein Thema für "Good Governance", aber das ist für die dt./europ. Politik dann doch zu mühselig, hier Druck im Hinblick auf Verbesserungen zu machen. Den man will ja auch gute Geschäfte mit den Staaten machen. An einem einleuchtenden Kommentar zum Thema "Korrupte Eliten" bin ich sehr interessiert!