Die Schule am Fluss. Ein Dokumentarfilm aus Burma/Myanmar

"Ins Mittelalter zurückgebombt"
Myanmar - Ins Mittelalter zurückgebombt

Detlev Neubert

1989 benannte das Militärregime Birma in Myanmar um. Detlef Neufert bleibt beim vorigen Namen; den neuen verbindet er mit dem Militärregime

Myanmar - Ins Mittelalter zurückgebombt

Der Filmemacher Detlev Neufert hat Kinder einer christlichen Schule in Myanmar begleitet. Nun ist dort Bürgerkrieg. Und junge Menschen bewaffnen sich.

chrismon: Sie haben einen Dokumentarfilm über eine christliche Internatsschule in Myanmar gedreht. Was macht diese Schule für Sie zum Friedens­projekt?

Detlev Neufert: Für mich gibt es kein größeres Ideal als die Nächstenliebe. Und das wird in der Schule auch so gelehrt. In Birma leben die Christen gemischt unter ­Hindus, Buddhisten und anderen, da gibt es äußerlich keine ­Differenzen. Die Schule steht inmitten der alten buddhistischen Tempelstadt Bagan.

Detlev F. Neufert

Detlev Neufert, Jahrgang 1948, ist freier Filmemacher. Über zwölf Jahre lebte er in Bangkok, Thailand. 2017 bat ihn die Myanmar- Stiftung aus ­München um einen Imagefilm für das von ihr geförderte "Ferdi Boarding Home" in Bagan, ­Myanmar. Neufert blieb länger und drehte den Dokumentar­film "B. B. und die Schule am Fluss".
Detlev F. NeubertDetlev F. Neufert

Und jetzt sind diese Kinder im Krieg.

Ja. Der Film ist 2020 fertig geworden, am 1. Februar 2021 putschte sich das Militär an die Macht. Seither wurde vieles, was vorher aufgebaut war, wieder ins Mittelalter zurückgebombt. Ich habe mit einem jungen burmesischen Team gedreht und war der einzige Ausländer. Das Team ist seit dem Putsch teils auf der Flucht, viele Schüler sind in den bewaffneten Widerstand gegangen und lernen, ­Brücken zu sprengen, um das Militär aufzuhalten. Ich konnte mir selbst nicht vorstellen, dass die mal eine ­Waffe in die Hand nehmen – bis ich per Facebook Kontakt zu zwei Schülern aufgenommen habe, die mir über Videochat ihre MGs gezeigt haben. Der eine 18, der andere 20. Beide Christen, die mal gelernt haben, auch die andere Wange hinzuhalten.

 1989 benannte das Militärregime Birma in Myanmar um. Detlef Neufert bleibt beim vorigen Namen; den neuen verbindet er mit dem MilitärregimeDetlev F. Neubert

Was sie nicht tun.

Einen von ihnen, nennen wir ihn Min, habe ich gefragt: "Warum machst du das?" Min sagte: "Ich muss mein Land verteidigen. Die Militärs sind Verbrecher. Sie versuchen, meine Zukunft kaputt zu machen." Jeden Tag finden sich junge Leute zu kleinen Demonstrationen zusammen, ­laufen über die Straße, filmen das und stellen es ins ­Internet. Das ist sehr tapfer. Denn die Militärs haben bereits mehr als tausend Menschen erschossen und über 8000 ins Gefängnis gesteckt, wo sie unter entsetzlichen hygienischen Bedingungen hausen und gefoltert werden: Hausfrauen, Lehrer, Tagelöhner, Bauern, Beamte und viele Journalisten. Sie schießen gezielt auf Kinder und Jugendliche. Eine getötete Studentin wurde zur Ikone des Widerstands. Das Militär will der Bevölkerung Angst machen.

"Wir haben alles versucht, auch gewaltfreien Widerstand"

Kinder von der christlichen Schule im Krieg, wie geht das zusammen?

Ich bin mit einem Burmesen trotz Internetsperre durch die Militärs noch immer in gutem Kontakt. Er sagt: "Ich kann nicht zulassen, dass Menschen willkürlich in den Dörfern erschossen werden, dass das Militär in ­Yangon auf der Suche nach Jugendlichen alle Leute auf die ­Straße zerrt und gnadenlos elf Leute erschießt. Soll ich ­zulassen, dass wir alle getötet werden? Wir haben alles versucht, auch gewaltfreien Widerstand. Aber die Militärs sind brutale Verbrecher, gerade in den Dörfern, wo keine ­Videokameras die Szenen festhalten." – Ich vergleiche das mit dem ­Zweiten Weltkrieg. Die Alliierten konnten die Nazis auch nur mit Waffengewalt niederzwingen. Vielleicht würde ich auch selbst in den Widerstand gehen.

Filmvorführungen in Frankfurt am Main (Harmonie-Kino, 12. Dezember, 12 Uhr), in Bremen, Dresden, Köln und anderswo.

Aber es sind Kinder.

Das ist schlimm. Ich sehe an Min, wie sein Gesicht altert. Seit drei Tagen habe ich keinen Kontakt mehr mit ihm und mache mir Sorgen. Min hat mir gesagt: "Wir machen das nicht für uns, sondern für unsere Geschwister und Kinder. Die Welt zieht sich zurück und tut nichts." – Jedes Mal, wenn ich mit Jungs wie Min telefoniere, lächeln sie, trotz ihrer Lage. Da ist kein Jammergesicht. Min hockt mit einem MG in der Hand in einer Höhle oder steht draußen im Monsunregen oder sitzt unter dem Sonnensegel, wo er sein Handy auflädt – und die erste Frage ist immer: "How are you doing?" Das haut mich um. Das ist keine Floskel, sondern eine richtig besorgte Frage.

"Die Militärs scheinen auf natürliche Auslese zu setzen"

In Ihrem Film begleiten Sie einen Jungen, den Sie B. B. nennen. Woher dieser Name?

Sein burmesischer Name heißt übersetzt: "tapferer Junge". Ich konnte ihn nicht aussprechen, also nannte ich ihn auf Englisch: Brave Boy, B. B.; anfangs war er 13, am Ende des Drehs 16.

Wo ist B. B. jetzt?

Im Nagaland im Norden von Birma in seinem Dorf. Die Schule ist wegen Corona geschlossen. Im Nagaland haben wir auch gedreht. Eigentlich darf man da nicht hin, weil das militärisch besetzte Zone ist. Man kann nur mit einem alten Boot zu B. B.s Dorf gelangen, da gibt es keine Straße. Diese Reise dauert zwei Tage.

Leidet das Land sehr unter Corona?

Ja. Und die Militärs scheinen auf natürliche Auslese zu setzen. Impfstoffe gibt es nicht und sie werden bis jetzt auch nicht nach Myanmar geliefert. Sauerstoff für die ­Erkrankten? Fehlanzeige.

 Detlev Neubert

Was macht B. B. im Nagaland?

Er rodet den Dschungel. Seine Eltern sind Tagelöhner. ­Bauern heuern sie an. Sie hauen an einem Tag ­verwilderte Flächen, die zwei Jahre ruhen konnten, für den Reisanbau frei. B. B. zählt noch zu den Glücklichen, die weit vom Schuss sind. Das Militär hat nur eine kleine Einheit in ­seinem Dorf stationiert. Das Militär geht davon aus, dass dort keine Sabotage geschieht, und das ist bislang auch nicht passiert. B. B. ist relativ geschützt. Ich frage mich nur: Wie lange noch? Inzwischen rücken auch die ersten Militäreinheiten ins Nagaland vor.

"B. B. ist zweimal von der Schule geflogen"

Im Film sagt B. B., er habe eine Entwicklung durchgemacht. Inzwischen interessiere ihn der Tod.

B. B.s Bruder ist während der Dreharbeiten gestorben, er hat also den Tod kennengelernt. B. B. war vorher ein Kleinverbrecher, er hat geklaut, sogar fremde Kühe ge­tötet. ­Eltern und Lehrer kamen mit ihm nicht mehr klar. Ein christlicher Priester sagte: "Ich kenne da diese christliche Schule, wir werden versuchen, dass er dort angenommen wird." B. B. ist dann zweimal von der Schule geflogen. Sie haben ihn nur wieder aufgenommen, weil er der Protagonist unseres Films war. Nun ist er nachdenklicher ge­worden, kann seine Situation viel besser einschätzen, kann ohne ­Abstriche ehrlich über sich reden. Er ist zugänglicher geworden für die Ideen anderer, hat gelernt zu reflektieren.

Und Sie meinen, das war der Einfluss der christlichen Schule?

Ja, hundert Prozent.

Infobox

Bürgerkrieg in Myanmar

Seit seiner Unabhängigkeit 1948 wird Birma bzw. Myanmar von Bürgerkriegen erschüttert. Ethnische Minderheiten rebellieren gegen die Zentralregierung, in der die größte ethnische Gruppe des Landes dominiert. Die 2015 demo­kratisch gewählte Regierungspartei der Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi hat während der vergangenen fünf Jahre versucht zu vermitteln.

Doch am 1. Februar 2021 putschte sich das Militär an die Macht und begann, diesen Friedensprozess zu torpedieren. Daraufhin gründete sich eine Gegenregierung, die den Zusammenschluss mit den ethnischen Rebellengruppen sucht und Oppositionelle aufruft, sich ihrem Kampf anzuschließen.

1989 benannte das Militärregime Birma in Myanmar um. Detlef Neufert bleibt beim vorigen Namen; den neuen verbindet er mit dem Militärregime.

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