Mehrheit der Presseverlage erwägt Kurzarbeit

epd-bild / Matthias Rietschel

Tageszeitungen am Kiosk

Tageszeitungen am Kiosk

In der Corona-Krise plant die Mehrheit der Zeitungs- und Zeitschriftenverlage Kurzarbeit oder hat diese bereits umgesetzt, auch in Redaktionen. Die Bundesagentur für Arbeit kündigt Prüfungen der Rechtmäßigkeit in den jeweiligen Einzelfällen an.

Die meisten deutschen Zeitschriftenverlage planen wegen der Corona-Pandemie Kurzarbeit für einen Teil ihrer Mitarbeiter. Wie der Hauptgeschäftsführer des Verbands Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ), Stephan Scherzer, bei einer digitalen Jahrespressekonferenz Mittwoch sagte, erwägt die Hälfte der Verlage, Kurzarbeit in einzelnen Unternehmensbereichen einzusetzen. Weitere 33 Prozent möchten dies flächendeckend tun. Produktionsrelevante Bereiche und die Zeitschriftenredaktionen seien bisher weniger betroffen, da die Nachfrage nach journalistischen Inhalten groß sei.

Ähnlich stellt sich die Situation bei den Zeitungsverlagen dar. Nach Angaben des Bundesverbandes Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV) haben aktuell rund 80 Prozent der Verlage Kurzarbeit geplant oder diese bereits veranlasst. Typischerweise betroffen seien unter anderem die Anzeigenabteilungen, teilte der BDZV auf Anfrage des Evangelischen Pressedienstes (epd) mit. "Nach unserer Kenntnis dürfte es bei mehr als 30 Prozent der Unternehmen auch Kurzarbeit in den Redaktionen geben", sagte eine BDZV-Sprecherin. Seit Anfang April ist der Anteil der Verlage im BDZV, die Kurzarbeit praktizieren, damit weiter um rund 30 Prozentpunkte sprunghaft gestiegen.

Große Chance

Eine Sprecherin der Bundesagentur für Arbeit sagte dem epd, wie in anderen Branchen auch prüfe die Arbeitsagentur vor Ort jeweils im Einzelfall auch in den Redaktionen die Rechtmäßigkeit von Kurzarbeit. Wegbrechende Anzeigeneinnahmen reichten als Begründung allein nicht aus, betonte die Sprecherin: "An diesem Punkt tragen auch Verlage ein Betriebsrisiko." Zudem gelte in Redaktionen wie überall, dass eine Umsetzung des Arbeitnehmers in andere Bereiche immer geprüft werden müsse.

Die Bundesgeschäftsführerin der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in ver.di, Cornelia Berger, wies darauf hin, dass die Medienhäuser in der Corona-Krise eine große Chance verpassten. "Die Nachfrage nach Medieninhalten ist derzeit stark erhöht, nach allem, was mit dem Thema Corona zu tun hat, aber auch abseits davon", sagte sie dem epd. Die Unternehmen hätten allerdings seit langem keine ausreichenden Monetarisierungsstrategien im Bereich Online entwickelt. "Das wirkt sich in dieser wichtigen Phase natürlich negativ aus", sagte Berger. So werde aus der vernachlässigten Chance, Online-Reichweite auch umsatzwirksam zu machen, "eine Umsatzkrise trotz Produktions- und Nachfrage-Chancen".

Kurzarbeit angemeldet

Kurzarbeit sei ein Instrument, um eine Umsatz- oder Produktionskrise aufzufangen und damit Kündigungen möglichst zu vermeiden, durch eine zeitweilige Reduzierung von Arbeitszeiten in einzelnen Abteilungen oder ganzen Betrieben, betonte Berger. Für Medienhäuser bedeutete dies, dass zunächst in Abteilungen, die mit zurückgefahrenen Werbe-Aufträgen verbunden waren, die Arbeitszeiten teils deutlich reduziert würden und Kurzarbeit angemeldet worden sei.

Die gesetzlichen Voraussetzungen und die Ermessensspielräume auf der Entscheidungsebene in den Arbeitsagenturen rechtfertigten die Gewährung von Kurzarbeit als milderes Mittel vor der Entlassung von Beschäftigten und deutlich schwereren Zerrüttungen auch der werbefinanzierten Branchen, "die ja nach der Kurzarbeit so schnell wie möglich wieder ihren Geschäftsbetrieb in gewohnter Weise aufnehmen sollen", sagte Berger. Dies betreffe unter anderem die Werbe-Akquise und Produktion, aber auch den Terminjournalismus.

Deutlich gestiegene Nachfrage

Die Werbeeinnahmen der Zeitschriftenverlage sind nach VDZ-Angaben infolge der Pandemie zwischen 20 und über 80 Prozent eingebrochen. Das treffe besonders die anzeigenfinanzierte Fachpresse in bestimmten Industriebereichen. Verkaufsstellen an Flughäfen und Bahnhöfen verlören teilweise mehr als 50 Prozent der Verkäufe. Im Einzelverkauf seien derzeit rund acht Prozent der Verkaufsstellen geschlossen. Im Einzelhandel hingegen sei die Nachfrage nach Zeitschriften aktuell noch annähernd stabil. Die deutlich gestiegene Nachfrage nach digitalen Angeboten könne die Rückgänge bei weitem nicht auffangen, resümierte der VDZ.

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