Studien: Lehrkräfte schlecht auf Antisemitismus vorbereitet

epd-bild/Norbert Neetz

Mann mit Kippa

Mann mit Kippa

Die Frankfurter Soziologin Julia Bernstein wünscht sich ein entschiedeneres Eintreten gegen Judenfeindlichkeit an Schulen.

Lehrkräfte in Deutschland sind laut Untersuchungen der Frankfurter Soziologin Julia Bernstein schlecht auf den Umgang mit antisemitischen Ressentiments vorbereitet. Die Pädagogen gingen in der Regel davon aus, dass es an der Schule keine jüdischen Schüler gebe und hätten wenig Kenntnis über das Judentum, sagte die Professorin an der University of Applied Sciences am Donnerstag in Frankfurt am Main. Sie machten sich häufig falsche Vorstellungen vom Antisemitismus und betrachteten ihn als auswärtiges Problem. Bernstein stellte ihre Forschung auf dem Kongress "Antisemitismus-Studien und ihre pädagogischen Konsequenzen" vor.

Warnung vor Bagatellisierung

Viele Lehrkräfte wüssten über den Holocaust und über den christlichen Antisemitismus Bescheid, aber nicht über den aktuellen israelbezogenen Antisemitismus, erläuterte Bernstein. Antisemitische Ressentiments unter Schülern wie der Gebrauch des an Schulen häufigen Schimpfworts "Du Jude" würden von Lehrkräften häufig hingenommen und als Modeerscheinung oder Jugendsprache bagatellisiert. Beispielhaft sei das Verhalten eines Schulleiters gewesen, der nicht wollte, dass über die Zeichnung eines Hakenkreuzes gesprochen werde. Der Lehrerin, die dies meldete, sei von einer Kollegin und von Schülern vorgeworfen worden, sie sei nur so sensibel, weil sie Jüdin sei.

Jüdische Schülerinnen und Schüler verheimlichten häufig aus Angst ihre Herkunft, berichtete die Soziologin von ihren Interviews. Manche versuchten, sich maximal an die nichtjüdische Umwelt anzupassen, um nicht aufzufallen. "Was fühlt ein Schüler, wenn es plötzlich ganz leise wird, wenn er sagt, dass er Jude ist?" fragte Bernstein. "Was denken Juden, wenn ein Gericht Wahlplakate mit der Aufschrift erlaubt: Israel ist unser Unglück?" Jüdische Schüler würden oft mit antisemitischen Vorurteilen konfrontiert und fühlten sich in ihrer Notlage von Lehrkräften nicht ernstgenommen.

Verweis auf Erziehungsauftrag

Lehrkräfte fühlten sich häufiger dem Neutralitätsgebot als dem Erziehungsauftrag verpflichtet, fasste Bernstein zusammen. Viele erklärten sich in Fällen von Antisemitismus für fachlich nicht zuständig. Wichtig wäre aber, dass Lehrkräfte bei antisemitischen Äußerungen sofort ein klares Zeichen setzten. Verbale Gewalt dürfe nicht hingenommen oder kleingeredet werden, sondern müsse ernstgenommen und pädagogisch bearbeitet werden.

Bei dem dreitägigen Kongress beraten noch bis Freitag 200 Pädagogen, Sozialarbeiter, Vertreter jüdischer Gemeinden und Interessierte im Ignatz-Bubis-Gemeindezentrum der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt. Veranstalter ist der Zentralrat der Juden in Deutschland.

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