Sexuelle Gewalt: Die meisten Schulen haben keine Präventionskonzepte

epd-bild / Hans-Jürgen Bauer

Schüler wehren sich gegen Gewalt.

Schüler wehren sich gegen Gewalt.

Noch immer haben die meisten Schulen und Kindergärten ihre Hausaufgaben für den Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexueller Gewalt nicht gemacht. Auch haben die Kinder längst nicht überall eine erste Anlaufstelle, wenn sie Hilfe brauchen.

Die meisten Schulen und Kindergärten haben bis heute kein Schutzkonzept gegen sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen. Das geht aus dem Abschlussbericht des Deutschen Jugendinstituts (DJI) zum Stand der Prävention hervor, der am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde. In Internaten und Heimen wird mehr getan, aber die Einrichtungen mit Schutz- und Hilfekonzepten sind in der Minderheit. Das gilt auch für Kirchengemeinden und Sportvereine.

Giffey: Von flächendeckenden Konzepten noch weit entfernt

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) erklärte, der Bericht zeige, dass man vor allem dort vorankomme, wo es verpflichtende Vorgaben zum Kinderschutz gebe wie etwa in der stationären Kinder- und Jugendhilfe. Von flächendeckenden Schutzkonzepten sei man aber noch weit entfernt.

Besonders niedrig ist der Anteil unter den Schulen. Nur 13 Prozent haben Präventionskonzepte, das sind nicht mehr als vor fünf Jahren, als das DJI Schulen und Einrichtungen schon einmal befragt hatte. Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, forderte die Bundesländer auf, Schulen gesetzlich zu Schutzkonzepten zu verpflichten und sie mit Geld und Personal zu unterstützen. Dunkelfeldstudien zu sexuellem Missbrauch gehen davon aus, dass statistisch gesehen in Deutschland in jeder Schulklasse ein bis zwei Kinder sind, die Opfer von Übergriffen und sexualisierter Gewalt werden, in der Hälfte aller Fälle im familiären Umfeld.

Rörig sagte, der Zustandsbericht zum Stand der Prävention sollte Politik und Gesellschaft aufschrecken lassen. Schutz und Hilfe hingen viel zu oft von dem Engagement Einzelner ab. Kitas, Schulen, Sportvereine oder Einrichtungen des religiösen Lebens hätten aber eine zentrale Rolle beim Schutz von Kindern und Jugendlichen.

Ergebnisse aus rund 5.000 Einrichtungen

Die neue Erhebung des DJI entstand zwischen 2015 und 2018 und liefert Ergebnisse aus rund 5.000 Einrichtungen. Der Anteil der Kindertagesstätten mit einem Schutzkonzept hat sich danach auf 22 Prozent verdoppelt. Von den Heimen hat ein Drittel ein Schutz- und Hilfekonzept, im Vergleichsjahr 2013 war es noch ein Viertel. Der Anteil der Internate, die sich intensiv um das Thema kümmern, stieg von 19 auf 28 Prozent. Heime und Internate standen 2010 beim Bekanntwerden der Missbrauchsskandale neben den Kirchen im Zentrum.

Schutzkonzepte gegen sexuelle Gewalt beinhalten zum Beispiel schriftlich festgelegte Verhaltensregeln, Fortbildungen für Lehrerinnen und Lehrer oder Erzieher sowie Beschwerdestellen für Kinder und Jugendliche. Außerdem sollen Betroffene Ansprechpersonen finden können, wenn sie etwa zu Hause Opfer von Übergriffen werden. Der Auftrag, solche Strukturen zum Schutz der Kinder zu entwickeln, ist bereits acht Jahre alt und stammt vom Runden Tisch Missbrauch, der nach dem Bekanntwerden der Skandale einberufen worden war.

Die katholische Deutsche Bischofskonferenz erklärte, Pfarreien würden unterstützt, wenn sie Schutzkonzepte entwickeln wollten. Die Ergebnisse des Monitorings zeigten indes, dass die Anstrengungen weiter verstärkt werden müssten. Laut dem DJI-Bericht haben beide Kirchen, die jüdischen Gemeinden und ein muslimischer Verband Präventionsvereinbarungen unterzeichnet. Bei der Umsetzung kommen sie aber nur langsam voran. Zwar gebe es inzwischen Beauftragte, Anlaufstellen und Forschungen, doch seien Kirchengemeinden, die sich an der Basis für Präventionsarbeit einsetzen, in der Minderheit. Muslimische Gemeinden stünden ganz am Anfang, in der Jugendarbeit der jüdischen Gemeinden habe man mit der Umsetzung begonnen.

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