Käßmann: Europa verrät in Flüchtlingsfrage seine Werte

epd-bild/Norbert Neetz

Margot Käßmann

Elf Jahre lang war Margot Käßmann Landesbischöfin in Hannover und danach mehrere Jahre Reformationsbotschafterin der evangelischen Kirche. Jetzt geht sie in den Ruhestand - mit einem politischen Appell.

Hannover (epd). Die Theologin Margot Käßmann hat mehr Solidarität mit Flüchtlingen und Asylsuchenden in Europa angemahnt. "Ich finde es bedrückend, wie nur noch über Flüchtlinge als Problem gesprochen wird und das Schicksal der Menschen, die vor Krieg und Hunger nach Europa fliehen, überhaupt nicht mehr im Blick ist", sagte Käßmann am Freitag in Hannover einen Tag vor ihrer offiziellen Verabschiedung in den Ruhestand. "Europa fängt an, seine Werte zu verraten."

Dass insbesondere die osteuropäischen Staaten, die 2004 mit viel Unterstützung in die EU aufgenommen worden seien, jetzt die Solidarität mit den Partnerländern aufkündigten, die Flüchtlinge aufnähmen, sei "dramatisch", sagte Käßmann. Allerdings dürfe die Flüchtlingsfrage nicht andere dringende Themen in Deutschland überlagern wie die Zukunft der Pflege, die Kinderbetreuung oder den sozialen Wohnungsbau, mahnte die Theologin.

Bis zu 2.000 Gäste erwartet

Käßmann wird am Samstag mit einem Gottesdienst in der evangelischen Marktkirche in Hannover und einem Fest unter freiem Himmel in den Ruhestand verabschiedet. Die Theologin, die bis 2010 als erste Frau Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) wurde, war zuletzt als Botschafterin für das 500. Reformationsjubiläum tätig. Aus diesem Amt sowie als Pastorin der hannoverschen Landeskirche wird sie offiziell entpflichtet. Von 1999 bis 2010 war Käßmann Landesbischöfin in Hannover. Zu dem öffentlichen Fest, das um 15 Uhr beginnt, erwartet die evangelische Kirche bis zu 2.000 Gäste. Käßmann war Anfang Juni 60 Jahre alt geworden.

Zum Ende ihrer Amtszeit rief Käßmann die evangelische Kirche auf, in ihrem politischen Engagement nicht nachzulassen. "Ich wünsche mir, dass sich die Kirche weiter einmischt und sich nicht in eine private Nische abdrängen lässt, wie das manche möchten", betonte sie. "Kirche muss politisch sein, weil das Evangelium mit dem Leben der Menschen zu tun hat."

Im Ruhestand will Käßmann erst einmal ein halbes Jahr lang keine Vorträge oder Gottesdienste halten. Gerade weil sie sich noch "fit" fühle, gehe sie jetzt mit 60 Jahren in Pension. "Ich fühle mich jung genug, die Zeit zu genießen." Gerade sei ihr sechstes Enkelkind unterwegs. Mit dem Ruhestand habe sie einige Schirmherrschaften und Kuratoriumsmitgliedschaften abgegeben. Für die in Hannover ansässige Deutsche Stiftung Weltbevölkerung und die Deutsche Friedensgesellschaft will sie sich aber weiter engagieren. Auch als Buchautorin will Käßmann weiter aktiv sein.

Präsenz von Frauen

Rückblickend zeigt sich sie zufrieden darüber, dass es in der evangelischen Kirche mittlerweile selbstverständlich sei, dass Frauen alle Ämter bekleiden dürfen. Darüber hatte es vor ihrem Amtsantritt als Bischöfin 1999 noch Streit gegeben. Mittlerweile sei die Präsenz von Frauen geradezu ein "Kennzeichen" des Protestantismus geworden. "Ich hoffe, dass sich dass in der Ökumene herumspricht", sagte Käßmann. Insgesamt werde Religion immer noch zu sehr nur von Männern repräsentiert. Auch bei anderen einst umstrittenen Themen wie dem Umgang mit Geschiedenen und dem Zusammenleben von Homosexuellen im Pfarrhaus habe sich die Situation in der evangelischen Kirche inzwischen "entdramatisiert".

Käßmann arbeitete unter anderem für den Ökumenischen Rat der Kirchen und die Evangelische Akademie Hofgeismar sowie als Dorfpastorin und als Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentags. 2009 wurde sie Ratsvorsitzende der EKD. Sie blieb dies aber nur wenige Monate bis zu ihrem Rücktritt von allen kirchlichen Ämtern, nachdem sie unter Alkoholeinfluss Auto gefahren war.

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