Oxfam will Missbrauchsfälle aufklären lassen

Nach Bekanntwerden von Missbrauchsfällen zieht die Hilfsorganisation Oxfam Konsequenzen. Externe Experten sollen das Ausmaß der Vorfälle untersuchen. Zudem will das Hilfswerk verloren gegangenes Vertrauen zurückgewinnen.

Nach sexuellen Missbrauchsfällen bei Oxfam hat die Hilfsorganisation Konsequenzen angekündigt. So soll eine externe Untersuchungskommission mit international führenden Frauenrechtsexpertinnen sexuelle Gewalt und sexuelle Ausbeutung, Organisationskultur und -prozesse umfassend prüfen. Dafür solle diese auch Zugang zu internen Unterlagen des Hilfswerks mit weltweit rund 10.000 Mitarbeitern erhalten, sagte die Geschäftsführerin von Oxfam Deutschland, Marion Lieser, am Freitag in Berlin.

Ein insgesamt zehn Punkte umfassender Aktionsplan sehe auch vor, die Anzahl der Mitarbeiter zum Schutz vor sexuellem Missbrauch, Ausbeutung und Belästigung weltweit zu verdoppeln und das Jahresbudget dafür auf mehr als eine Million US-Dollar zu verdreifachen. Damit reagierte die Hilfsorganisation auf Berichte, wonach es bei einem Nothilfeeinsatz 2011 in Haiti zu Vorfällen sexuellen Missbrauchs durch Oxfam-Mitarbeiter gekommen war. Unter anderem sollen Sex-Partys mit Prostituierten gefeiert worden sein.

87 Fälle sexuellen Missbrauchs

Das Hilfswerk habe sich mittlerweile von sechs früheren Mitarbeitern getrennt, die in Haiti tätig waren, sagte Lieser. Ähnliche Vorfälle habe es zudem 2006 im Tschad gegeben. Insgesamt seien von Oxfam intern bislang 87 Fälle sexuellen Missbrauchs registriert worden, sagte Lieser. Auch andere Hilfswerke wie "Ärzte ohne Grenzen" und das "International Rescue Committee" haben in den vergangenen Tagen Fälle von sexuellen Übergriffen publik gemacht.

Möglicherweise habe es auch in anderen Ländern Missbrauchsfälle gegeben, sagte Lieser. Die externe Untersuchungskommission werde in den kommenden Wochen ihre Arbeit aufnehmen. Derzeit würden Gespräche zwischen Oxfam und internationalen Expertinnen geführt. Etwa sechs Monate nach dem Start der Untersuchungskommission werde mit einem Abschlussbericht gerechnet, der dann der Öffentlichkeit präsentiert werde, kündigte Lieser an. Oxfam rechne nach Bekanntwerden der Missbrauchsfälle mit einem Spendenrückgang. "Wir werden um das verloren gegangene Vertrauen der Menschen kämpfen müssen", sagte Lieser.

Machtgefälle macht Übergriffe möglich

Unterdessen befürchten auch anderen Hilfsorganisationen Spendenrückgänge. Es sei nachzuvollziehen, "dass der Abscheu dann besonders groß ist, wenn so etwas vorkommt im Kontext von Hilfsorganisationen, die einen sehr hohen ethischen Standard haben und die eigentlich helfen wollen", sagte der Vorsitzende des Verbandes Entwicklungspolitik (Venro), Bernd Bornhorst, im Inforadio des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB). Venro ist der Dachverband von über 120 kirchlichen und privaten Hilfsorganisationen.

Um dauerhaft Schaden abzuwenden, sei es neben einer umfassenden Aufklärung auch wichtig klar zu machen, "dass wir mit sexueller Gewalt und sexuellen Übergriffen immer wieder dort zu tun haben", wo es Machtgefälle gebe. Außerdem müsse deutlich gemacht werden, dass es sich bei den Vorfällen um "nichts Systemisches", sondern um "das Fehlverhalten einzelner Mitarbeiter" handele, erklärte Bornhorst.

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