Gottesdienstkritik: Evangelische Kirche Schönberg

Schafgeruch und Sonnenstrahl
Evangelische Kirche Schönberg

Andreas W. Lüdtke

Zwiebelspitze mit Goldkugel: Die Schön­berger Kirche

Evangelische Kirche Schönberg

Evangelische Kirche Schönberg, Sonntag, 10 Uhr: Licht flutet durch die Sprossenfenster der prächtigen Schönberger Backsteinkirche. Links vom wuchtig-barocken Altar steht ein mit roten Papiersternen geschmückter ­riesiger Nadelbaum. 35 Menschen verteilen sich auf die hellgrauen Bänke. Pfarrer Andreas Lüdtke bittet drei Konfirmandinnen, die sich in der 20. Bank­reihe verschanzt haben, zehn Reihen weiter vor. Dann setzt die Orgel ein. „Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder. Viele Geister treiben uns. Wir suchen Orientierung in einer verwirrenden Welt. Gott spricht zu uns. Das zu hören, dafür nehmen wir uns heute Morgen Zeit.“ Klar und zügig eröffnet Lüdtke den Gottesdienst. Klar sind auch seine Gesten: wie er zum Altar betet (ein Headphone überträgt die Worte gut hörbar in den Raum). Wie er bei der Grußformel „Der Herr sei mit euch“ in die Gemeinde blickt. Wie er sich dem Lektor zuwendet und sich leicht verneigt, während der von der 
Taufe Jesu vorliest. Es ist der Tag nach dem Fest 
der Heiligen Drei Könige.

 chrismon

„Gestern, da waren sie noch an der Krippe, liebe Gemeinde: die Weisen, die Vornehmen, die Mächtigen. Heute ist Jesus erwachsen und wird getauft. Morgen haben wir den ersten Arbeits- und Schultag.“ So ­beginnt Lüdtke seine Predigt. Heute sei die Krippe leer, aber ein Duft von Schafmist liege noch in der Luft. Der Philosoph Friedrich Nietzsche habe diesen Kleine-Leute-Geruch verachtet. „Das ist das Haupt­ärgernis unserer Religion: Wir predigen den Gekreuzigten. Genau darum vertraue ich darauf, dass mein Leben bei Jesus Christus gut aufge­hoben ist.“ Lüdtke erzählt vom Goldstaub der Weisen aus dem Morgenland, der sich unter den Stallstaub mischte. Wie die Heilige Familie ihre Flucht nach Ägypten mit den Geschenken der ­Weisen bezahlte. Und wie sich das Flüchtlingskind Jesus unter zweifelhafte und verkrachte Existenzen mischte. „Vergessen wir nicht diejenigen, denen es so geht.“

Trump ist ein zu leichter Gegner

Dann schimpft Lüdtke auf US-Präsident Donald Trump und empfiehlt, das Skandalbuch über ihn, „Fire and Fury“, zu lesen. Der Banknachbar seufzt leicht genervt. Trump ist ein zu leichter Gegner. Ansonsten: eine gute Predigt. Der Organist kommentiert sie spontan mit der Melodie „Ich steh an deiner Krippen hier“. Passt! Nach dem Segen fällt ein Sonnenstrahl auf den Weihnachtsbaum. „Sehen Sie das?“, fragt Lüdtke in die Runde, ­bevor er hinausgeht. „Ja“, rufen einige – „Ich wünsche Ihnen eine leuchtende Woche.“

Kontakt

Ev.-Luth. Kirchengemeinde Schönberg, Niederstraße 15, 24217 Schönberg

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