Der jüdisch-türkische Autor Mario Levi im Gespräch

Zwiespalt unter türkischen Juden
Blick auf Istanbul, mit Galata-Turm: das jüdische Viertel Karakoey

Andrea Künzig/laif

Blick auf Istanbul, mit Galata-Turm: das jüdische Viertel Karakoey

Tuerkei, Istanbul, Karakoey, Bosporus, Faehre, Moewe, Moewen, Faehrverkehr, Verkehr, 2007;

Mario Levi ist Jude und Türke. Er schreibt seine Bücher auf Türkisch und Ladino, der Sprache der spanischen Juden. 2008 kam "Istanbul war ein Märchen" (1999 auf Türkisch erschienen) als erstes seiner Bücher in deutscher Übersetzung auf den Markt: die Geschichte von drei Generationen seiner jüdischen Familie am Bosporus. Levi hat drei Töchter aus zwei Ehen
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chrismon: Sie schreiben gerade an einem Buch, das auf Türkisch und Ladino erscheinen soll. Warum?

Mario Levi: Ich habe diese vier Kurzgeschichten auf Türkisch fast zu Ende geschrieben. Wenn ich fertig bin, werde ich das Buch umschreiben ins Ladino. Es wird keine genaue Übersetzung, weil jede Sprache ihre eigene Seele hat. Ladino ist die Sprache meiner Kindheit, aber erst nach dem Tod meiner Großeltern und der Veröffentlichung meines Buches "Istanbul war ein Märchen", habe ich die Sprache richtig studiert und kann sie fließend sprechen. Ladino hatte ich zwar von meiner Großmutter gelernt, aber mich damals für die Sprache meiner Eltern geschämt.

Wird Ladino überleben?

Leider nein. Es wird nur noch an Universitäten unterrichtet. Ich gehöre zur letzten Generation, die Ladino zu Hause lernte, und ich bin schon 61.

In fast allen Ihren Bücher kommen jüdische Figuren vor. Auch im neuen?

Ja. In einer Geschichte erzähle ich von einem 50-jährigen Juden, der als türkischer Nationalist glücklich in Istanbul lebt. In einer anderen will eine junge Jüdin, die in Istanbul unglücklich ist, nach Kanada auswandern. Ich wollte den Zwiespalt in der jüdischen Gemeinde darstellen. Manche - auch ich - wollen in der Heimat bleiben und für mehr Säkularismus und Demokratie kämpfen. Die Jüdin im Buch hingegen steht für viele junge Juden, die sagen, sie hätten keine Zukunft in der Türkei.

Wie sehen das Ihre beiden Zwillingstöchter?

Die beiden sind 28. Sie wollen bleiben, denn sie sind sich sicher, dass sie im Ausland kein besseres Leben finden würden. Eine von ihnen ist mit einem Juden verheiratet. Ich habe auch eine vierjährige Tochter, Masal Klara. Masal ist ein jüdischer Name und bedeutet im Türkischen "Märchen".

So wie Ihr Bestseller.

Richtig. Beide Namen hat übrigens meine Frau ausgesucht. Sie ist Muslimin, aber sehr säkular.

Ihr Name verrät Ihre Religion. Während des Gazakriegs 2014 riefen zahlreiche Türken in den sozialen Medien zum Boykott Ihrer Bücher auf, denn diese seien "israelische Produkte".

Ich möchte mich an diese schlimme Zeit nicht erinnern, weil sie bei mir Krebs auslöste. Die Diagnose kam zwei Monate später. Aber vielleicht war das nur ein Zufall? Nach mehreren Operationen geht’s mir nun besser. Damals riefen Türken dazu auf, meine Bücher zu boykottieren, weil ich jüdisch bin. Sie unterscheiden ja nicht zwischen Israelis und Juden, aber das passiert in ganz Europa. In diesem Protest gegen Israel steckt auch Antisemitismus. Erst als sich der türkische Kulturminister Ömer Çelik öffentlich hinter mich stellte und die Attacken "ein Hassverbrechen" nannte, hörten diese auf.

Bereits am 27. Januar 2013 wurden Sie mit dem Judenhass in der Türkei konfrontiert.

Ich war sehr naiv, als ich twitterte: ‚Heute ist der Holocaust-Gedenktag, es darf nie wieder geschehen‘. Auf einmal bekam ich so viele beleidigende Tweets zurück, wie zum Beispiel: ‚Wenn es dir so schlecht geht, dann geh und bringe einige Palästinenser um‘. Was habe ich mit dem Konflikt zu tun? Zuerst wurde ich überrascht, aber dann habe ich es akzeptiert: Es gibt türkische Antisemiten. Wichtig war, dass ich nicht nur 50 beleidigende Tweets, sondern auch 50 unterstützende Tweets bekam.

Sie sagten in einem Interview: Juden in der Türkei leben nicht in Angst und können ungehindert in die Synagoge gehen. Dann ergänzten Sie: Kein Jude würde auf der Straße mit einer traditionellen Kopfbedeckung oder Kippa herumlaufen.

Noch keiner hat es versucht. Ich wollte es tun, bin aber säkular. Als 1997 Frauen mit Kopfbedeckung keinen Zutritt zu den Universitäten erhielten, unterstützte ich sie in diesem Anliegen, weil ich an Demokratie glaube und dass sie das Recht haben zu studieren. Nun dürfen sie das, und Einzelne kommen zu meinem Unterricht mit Kopftuch. Andere Dozenten verbieten das in ihren Kursen. Wenn man eines Tages die Frauen hier zwingen würde, ein Kopftuch zu tragen, so wie im Iran, werde ich definitiv in der Öffentlichkeit eine Kippa aufsetzen. Aber ich glaube nicht, dass es so weit kommt.

Gehen Sie in die Synagoge?

Nur zu Beerdigungen, Hochzeiten und am Fastentag Jom Kippur. Ich bin jüdisch im philosophischen Sinne. Die Bibel ist sehr wichtig für mich, denn die Freiheit ist die Essenz des Judentums. Gott befiehlt uns nicht zu vergessen, dass er uns aus der Sklaverei in Ägypten befreite. Mein Judentum ist der Glaube an die Freiheit, Fragen zu stellen.

Beim traditionellen Fest der Freiheit, Pessach, stellt der Jüngste am Tisch vier Fragen. Feiern Sie Pessach?

Nach dem Tod meines Vaters und der Demenzkrankheit meiner Mutter ist dies ein trauriges Fest, weil wir so wenige sind. Am ersten Abend feiern meine beiden erwachsenen Töchter bei den jüdischen Schwiegereltern. Am zweiten Abend kommen sie alle zu mir. Ich sage den Segensspruch über den Wein, und wir lesen einige Teile der Haggada, aber auf Ladino, nicht auf Hebräisch. Zwischendurch erzähle ich ihnen auf Türkisch die Geschichte von Pessach. Ich muss pragmatisch sein, um die Tradition herüberzubringen.

Beenden auch Sie das Fest mit dem Spruch "Nächstes Jahr in Jerusalem"?

Nein, denn ich glaube daran nicht. Und das trotz meiner großen Sympathie für Israel, das ich öfter besuchte. Dort leben viele Intellektuelle. Aber wenn ich eines Tages gezwungen würde auszuwandern, wäre Spanien definitiv meine erste Option. Ich habe große Sympathien für die spanische Sprache und Kultur, die mich an das Ladino meiner Kindheit erinnert.

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