Wenn Opa zum Hobel griff und leise sang

Mein Opa war Schreiner. Und ein singender Mensch. Ein Sänger war er nicht. Großvater Peter hat nie Arien vorgetragen, nie in einem Chor gesungen, konnte keine Noten. Seine Stimme saß schlecht, wie es meine Oma ausdrückte. Und die musste es wissen. Schließlich war sie eine hochmusikalische Frau mit glockenreinem Alt. Als ihre Stimme mit dem Alter zittrig wurde, stellte sie das Singen ein. Manchmal setzte sie noch an, uns Kindern "Kommt ein Vogel geflogen" oder "Fuchs, du hast die Gans gestohlen" beizubringen, um schon nach dem ersten Takt abzubrechen: "Ach Kinder, es ist ein Graus. Ich kann nicht mehr singen. Aus."

Opa, der keinen Ton halten konnte, sang unverdrossen weiter

Opa, der keinen Ton halten konnte, sang unverdrossen weiter. Denn er tat es nicht für andere, sondern für sich selbst. Kirchenchoräle, Volks- und Küchenlieder begleiteten ihn durch den Tag.

Opa stand frühmorgens allein an seiner Werkbank und brummelte "Ein feste Burg ist unser Gott". Er polierte Mahagonibretter und knödelte "O Tannenbaum". Er schob Fichte in die Kreissäge und seine Lippen formten, vom Kreischen der Maschine unhörbar gemacht, "Jenseits des Tales". Er leimte einen Stuhl zusammen, zog die Schraubzwingen an und summte das Lied vom Kosaken-Ataman Stenka Rasin. Er trieb mit seinem Hammer Nägel ins Holz und ließ dazu Mariechen im Garten weinen oder unterhielt sich mit der schaurigen Moritat "Sabinchen war ein Frauenzimmer".

Aber besonders häufig und gerne, nicht nur wenn er den Hobel zur Hand nahm, stimmte mein Großvater die Hymne aller Tischler an, das Hobellied des Valentin: "Da streiten sich die Leut herum / oft um den Wert des Glücks, / der eine heißt den andern dumm / am End weiß keiner nix. / Da ist der allerärmste Mann / dem andern viel zu reich. / Das Schicksal setzt den Hobel an / und hobelt alle gleich."

Der Schauspieler Paul Hörbiger machte es in den fünfziger und sechziger Jahren zu einem Hit, der in keiner Wunschkonzertsendung fehlen durfte. Sonntagnachmittag drang das kleine Lied mit seinem unverwechselbaren Wiener Timbre knattrig über Mittelwelle aus dem Radio. Heute ist es fast vergessen.

Dieses unscheinbare Couplet aus der Feder des Wiener Volkstheater-Genies Ferdiand Raimund bündelte die Lebensmaxime meines Großvaters auf knappe acht Zeilen. Opa Peter verabscheute nichts mehr als selbstgewisse Hitzköpfe, die immer genau wissen, was das Richtige für alle ist. Wie oft waren die Raimund-Zeilen sein abschließender Kommentar zu familiären Erbstreitigkeiten, zu Klagen über Eltern oder Kinder, die falsche Entscheidungen getroffen hätten, zu leidenschaftlichen ideologischen Debatten, zu allerlei Zank und Neid.

Man muss nicht hobeln können ­- und singen eigentlich auch nicht

Das Liedchen hat sich mir so tief eingeprägt, dass es mir -­ mit Opas Stimme und seinem skeptischen Lächeln -­ ganz häufig in den Sinn kommt, wenn ich Zeuge rabiater, unnachsichtig geführter Auseinandersetzungen werde, in meiner Umgebung wie in den Medien. "Der eine heißt den andern dumm / am End weiß keiner nix" ­ das ist die schlichte Einsicht in die Vorläufigkeit menschlicher Erkenntnis, ja in die Begrenztheit unserer Möglichkeiten. Große Philosophen wie Aristoteles und Karl Popper, Theologen wie Augustinus, Thomas von Aquin und Martin Luther haben dieses Thema in ebenso umfangreichen wie tiefschürfenden Werken behandelt. Die kann man nicht ständig mit sich rumtragen.

Das Hobellied ist die geistige Notfallversion. Man kann es einfach vor sich hinsingen, ob man nun Schreiner ist oder nicht. Um es zu verstehen, muss man nicht hobeln können ­- und singen eigentlich auch nicht. Ein wenig murmeln oder nur daran denken reicht. Versuchen Sie es mal.

 

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