EKD-Ratsvorsitzender Heinrich Bedford-Strohm über Empörung

Das ist doch nicht normal!
Wer sich öffentlich zu ­strittigen Themen äußert, muss mit Hass und Beleidigungen rechnen. Daran sollten wir uns nicht gewöhnen

Vorgelesen: Auf ein Wort "Das ist doch nicht normal!"

"Ich halte Sie für absolut charakterlos. Genießen Sie Ihre Zeit auf Erden. Ich denke, der Teufel wird Sie holen. Schönen Tag." Das ist nur ein Beispiel für die Zuschriften, die ich bekomme, wenn ich mich zu kontroversen Themen öffentlich positioniere. Ich kann damit umgehen, aber schön ist es nicht.

Heinrich Bedford-Strohm

Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm, Jahrgang 1960, ist seit 2011 Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern (ELKB) und seit 2014 Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Zuvor war er an der Universität Bamberg Professor für Systematische Theologie und theologische Gegenwartsfragen.
Thomas Meyer/Ostkreuz

Ja, sie ist auch bei uns zu spüren, die zunehmende ­Spaltung der Gesellschaft, die sich in gegenseitigen An­klagen und Herabwürdigungen äußert. In den USA hat das im Wahlkampf zur Präsidentenwahl zu einer gesellschaftlichen Polarisierung geführt, wie das Land sie vielleicht noch nie erlebt hat. In Deutschland ist das noch anders. Aber wir müssen auf der Hut sein.

Was können wir dagegen tun? Es wird oft an die ­Vernunft appelliert. Das ist auch richtig, damit wir nicht einen Zustand als Normalität empfinden, der einfach nicht normal ist. Nein, sich anzugeifern statt einander zuzu­hören, ist nicht die Art, wie wir in Zukunft miteinander kommunizieren sollten. Egal, um welche politischen Lager es geht. Aber wie sollen wir im Alltag mit den Gefühlen umgehen, die hochkommen, wenn wir uns in den täglichen Diskussionen über jemand anderen aufregen und es dann schnell persönlich wird?

Wir alle sind verletzlich

Ich kenne mindestens zwei Alternativen zur Em­pörungshaltung, die tatsächlich funktionieren. Die erste ist die Erinnerung daran, dass jeder und jede verletzlich ist. Sie leitet dazu an, den anderen nicht mehr als kon­troverses Gegenüber zu sehen, sondern als Menschen, der zu kämpfen hat. Vielleicht ist im Leben einiges schief­gelaufen, vielleicht treiben ihn existenzielle Ängste um.

Wie würden wir, wenn wir all das wüssten, mit ihm umgehen? Ich vermute: viel gnädiger, als wir das sonst tun. Verletzlichkeit gehört zum Menschsein. Und des­wegen ist es auch für unsere Kommunikation gut, ­daran erinnert zu werden. Jesus hat die Konsequenz dieses Gedankens in der berühmten "Goldenen Regel" auf den Punkt gebracht: "Alles, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch! Das ist das Gesetz und die Propheten" (Matthäus 7,12).

Zeigefingertest

Die zweite Alternative zur Empörungskultur ist der Zeigefingertest: Wo du mit einem Finger auf den an­deren zeigst, zeigen drei andere Finger auf dich zurück. Am eindrucksvollsten wird das mit einer Geschichte aus dem Alten Testament (2. Samuel 12) illustriert: Nachdem der König David seine Macht missbraucht hat, um mit der verheirateten Batseba zu schlafen, kommt der Prophet Nathan zu ihm und erzählt ihm die Geschichte von dem reichen Mann, der viele Schafe hat, und dem armen Mann, der nur ein Lamm hat und es "wie eine Tochter" hält. Als der Reiche einen Gast bewirten möchte, geht er zu dem armen Mann, nimmt ihm das Lamm und bereitet es für den Gast zu. David gerät in großen Zorn und sagt: "Der Mann ist ein Kind des Todes, der das getan hat!" Und Nathan sagt nur einen Satz: "Du bist der Mann."

Was mich an der ­Reaktion des David am meisten beunruhigt, ist seine ehrliche Empörung. Er merkt gar nicht, dass der Prophet über ihn spricht. Wie oft mag es uns auch so gehen?

Die Verletzlichkeitserinnerung und der Zeigefingertest machen uns milder. Sie ersetzen nicht die notwendigen Auseinandersetzungen um einen verantwortlichen ­Umgang mit dem Coronavirus, um die richtige Flüchtlingspolitik oder sozial gerechte Verhältnisse in der ­Gesellschaft. Aber sie helfen uns, den anderen auch dann noch als Menschen zu sehen, wenn wir seine Positionen mit Entschiedenheit zurückweisen müssen. Das ist das ­Lebenselixier einer intakten Gesellschaft. Wir können nicht darauf verzichten.

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