Wie die Kinder: Wolfgang Schmidbauer über ein Jesuswort

Online-Dachzeile: 
Wie die Kinder: Wolfgang Schmidbauer über ein Jesuswort
Werdet wie die Kinder!
Werdet wie die Kinder!

AHAOK

Welcher biblische Vers hat Sie klüger gemacht? Der Psychologe Wolfgang Schmidbauer über Narzissten und ihre Unfähigkeit, weich zu werden.

Es ist eine alte Geschichte, / doch ist sie immer neu; / und wem sie just passieret, / dem bricht das Herz entzwei." Heinrich Heines Vers erfasst halb ironisch, halb schmerzlich die ­fatale Entwicklung einer Liebesbeziehung, die nur noch von gemeinsamen Kindern und wirtschaftlichem Druck zusammengehalten wird. Die Partner geben sich in ihrem zum Käfig gewordenen Nest kein gutes Wort mehr.

Die Frau, der Mann für sich sind im Kontakt mit dem Psychologen wertschätzend, nachdenklich, höflich – kluge Menschen, die im Beruf funktionieren, sich mit ihren Freunden verstehen. Immer wieder müssen sie schockiert feststellen, dass ausgerechnet gegenüber dem Menschen, mit dem sie besonders viel verbindet, ihre Souveränität sie völlig im Stich lässt. Kaum treffen sie aufeinander, verschwinden ihre sozialen Kompetenzen, und es gibt Streit, wann sich wer welcher Verfehlung schuldig gemacht hat.

"Verzeihen? Ich hätte sie gerne, die Seelengröße. Aber das schaffe ich nicht"

Der Therapeut sucht die Lage zu entspannen. Er macht einen Scherz. Er sagt, dass sich jeder in der Liebe den Prinzen oder die Prinzessin wünscht und nicht mit dem Frosch zufrieden ist, der sich zu ihm gesellen will. Aber nur im Märchen verwandelt sich dieser Frosch, wenn ich ihn an die Wand werfe. Im wirklichen Leben beschädigen Werfer oder Werferin den Frosch, der darüber nachdenkt, wie er den Wurf heimzahlen kann. Wie aber sonst mit der Enttäuschung fertig werden, dass sich der oder die Liebste nicht so entwickelt hat, wie es Bedürfnis und Hoffnung erwarten ließen? Man könnte das mit Humor nehmen und herausfinden, was an Versöhnung geht.

Wolfgang Schmidbauer

Wolfgang Schmidbauer arbeitet als Paar­therapeut in München. Bekannt geworden ist Schmidbauer mit den Büchern "Hilflose ­Helfer" und "Die Angst vor Nähe". Zuletzt ­erschien "Das kalte Herz. Von der Macht des Geldes und dem Verlust der Gefühle".
Volker Derlath / SZ Photo

Bisher hat der Ehemann sich über seine Frau beklagt, deren Miene immer mehr versteinert. Jetzt verstummt er und sagt: "Das bringe ich nicht. Ich verstehe, was Sie meinen. Sie haben vielleicht sogar recht. Aber um das zu schaffen, braucht man eine Seelengröße, die ich einfach nicht habe. Ich soll verzeihen, was sie mir angetan hat, ich soll es nicht ernst nehmen, soll drüber weggehen? Ich bewundere Leute, die das können. Ich hätte sie gerne, die Seelengröße, das zu leisten. Aber das schaffe ich nicht."

Wer von Seelengröße redet, ringt um ein Idealbild seiner selbst

Das Wort von der fehlenden Seelengröße scheint mir in die Gruppe der Psychoirrtümer zu gehören. Das Einfache wird kompliziert. Leistungen, die ein Kind beherrscht, ­werden schwere Forderungen, die man "wieder nicht geschafft hat", ja "einfach nicht schaffen kann": Schwächen zulassen, Gefühle zeigen, den Augenblick genießen, lachen, sich freuen, obwohl nichts und niemand perfekt ist.

Wer von Seelengröße redet, ringt um ein Idealbild ­seiner selbst und will durch gesteigerte Mühe erreichen, was 
ihm wegen der gegenwärtigen Anstrengung misslingt. Er will die Unfähigkeit, weich zu werden und nachzugeben, durch die Fantasie von noch mehr narzisstischer Größe überwinden. "Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die 
Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen", steht 
in Matthäus 18,3: Jesus stellt ein Kind in die Mitte seiner Jünger, um deren Debatte zu beenden, wer der Größte sei. Wer Seelengröße als Abschied von kindlichen Bedürf­nissen versteht, muss scheitern; umgekehrt ist die Frage nach dem Glück einfacher zu beantworten, als es scheint – das Kind handelt spontan, wo der Erwachsene verzagt.

Die Unfähigkeit zu verzeihen, wurzelt in der Angst vor einem feindlichen Gegenüber

Wären Kinder so eitel und nachtragend wie Erwach­sene, sie würden niemals den aufrechten Gang er­lernen. Stolpern, vornüber oder auf den Hintern fallen, das ­passiert doch wieder und wieder. Die Kränkung ist mal größer, mal kleiner, aber sie nimmt nicht den Mut und stoppt nicht den Versuch, es beim nächsten Mal besser zu machen. Erwachsene, die von Seelengröße reden, gehen miteinander um, als dürften sie keinen Murks, kein Versagen jemals vergessen. Wie in den Gräbern chinesischer Kaiser die Krieger aus Terrakotta, ruhen in ihrer Vergangenheit ganze Vorwurfsarmeen, jederzeit gerüstet, gegen einen Gegner zu ziehen und ihn zu überwältigen.

Muss ich groß und stark sein, um auf diese Armee verzichten zu können? Die Unfähigkeit, dem Partner zu verzeihen, wurzelt in der Angst vor einem feindlichen Gegenüber. Er überwältigt mich, wenn ich Schwäche zeige. Aber ist mein Gegner wirklich gefährlich oder wird er es erst durch meine ihm zugeschriebene Wut?

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.