Taten ohne Täter

Sexagesimae
Als nun eine große Menge beieinander war und sie aus den Städten zu ihm eilten, ­redete er in einem Gleichnis: Es ging ein Sämann aus, zu säen seinen Samen. Und indem er säte, fiel einiges auf den Weg und wurde zertreten, und die Vögel unter dem ­Himmel fraßen’s auf . . . Und einiges fiel auf gutes Land; und es ging auf und trug hundertfach Frucht. Als er das sagte, rief er: Wer Ohren hat zu hören, der höre!
Lukas 8,4–8
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Taten ohne Täter

Wissen allein garantiert noch kein Gewissen. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen nennt die Zahl der Bootsflüchtlinge, die 2014 im Mittelmeer umgekommen sind: 3 419 Menschen sind er­trunken, an Bord verdurstet oder in ­Dieselabgasen erstickt. Wissen wir etwas, wenn wir die Zahlen lesen? Sehen wir sie, wenn wir in den täglichen Bildern die Leichen auf dem Meer treiben sehen? Hören wir sie, wenn die Überlebenden von ihrer Armut erzählen? Man kann also sehen und nicht sehen, hören und nicht hören, etwas wissen und kein Gewissen haben.

Die Bibel spricht an vielen Stellen von der Seelentaubheit und Herzensblindheit der Menschen. Matthäus berichtet wie Lukas das Gleichnis vom Sämann, und er schliesst ähnlich wie er: „Mit sehenden Augen sehen sie nicht und mit hörenden Ohren hören sie nicht, und sie verstehen es nicht.“ Die Apostelgeschichte (7,51) nennt sie die „Halsstarrigen, mit verstockten Herzen und tauben Ohren“. Sie sind, wie Luther die Stelle übersetzt, „unbeschnitten an Herzen und Ohren“. Wie kommt der Mensch zu unbeschnittenen Herzen und Ohren? Wie kommt er zu Augen, die sehen und nichts wahrnehmen? Wie kommt es zur Selbstblendung?

Fulbert Steffensky

Fulbert Steffensky, Jahrgang 1933, ist einer der bekanntesten theologischen Autoren im deutschsprachigen Raum. Er lehrte Religionspädagogik und lebt in der Schweiz.
Sophie StiegerFulbert Steffensky, Theologe am Vierwaldstättersee in Luzern fotografiert.
Vor allem die eigenen Interessen organi­sieren seine Verstockung. Ja, sie organi­sieren sie, man ist nicht von selbst und wie vom Schicksal geschlagen seelentaub und herzensblind. Man braucht Er­klärungen für seine Verstocktheit. Solche Erklärungen gibt es mit vielen Argumenten. Sie können heißen: „Es sind ja nur Wirtschaftsflüchtlinge“ – ich warte darauf, dass endlich dieser Begriff zum Unwort des Jahrhunderts erklärt wird. „Das Boot ist voll“, kann die verstockende Erklärung heißen.

Es gibt kein Unrecht, das man einfach und ohne Selbstrechtfertigung begeht. Es gibt kein Unrecht, das sich nicht die Maske des Rechtes oder der Unausweichlichkeit umbindet. Der Mensch will mit sich im Reinen sein, und so sucht er sich Argumente für seine Schandtaten und wird damit vor sich selbst unkenntlich.

Wer sündigt, hat kein Gewissen

Fast aussichtslos für die Erkenntnis der Wahrheit ist es, wenn die meisten die gleiche Maske tragen und sie einstimmig sagen: „Das Boot ist voll“, und: „Wir können nichts machen.“ Was alle tun und was überall geschieht, bekommt eine fast natur­hafte Geläufigkeit. „Unsichtbar macht sich die Dummheit, indem sie große Ausmaße annimmt“, heißt es bei Bert Brecht.

Was immer so war, was täglich geschieht, was alle tun und glauben, das legitimiert sich dadurch, dass alle es tun und dass es immer so war. So entsteht die fatale Situation der Untat, die fast keine Subjekte hat; der Schuld, ohne dass sich jemand schuldig fühlt, und der Taten ohne Täter. Die Gewöhnung raubt das Gewissen. Das eben nennt die biblische Tradition Verblendung.

Sündigen heißt nicht nur, gegen die ­eigene Erkenntnis und das eigene Gewissen zu handeln. Es heißt auch, kein Gewissen zu haben. Man ist nicht nur verantwortlich vor seinem Gewissen. Verantwortlich ist man auch für sein Ge­wissen. Vielleicht wird erst die nächste ­Generation die Masken der Alten lüften, aber dann ist es für die Opfer zu spät.

Beim Propheten Jesaja (50,4) heißt es: „Gott hat mir eine Zunge gegeben, wie ­solchen, die noch lernen können, damit ich es verstehe, die Müden mit einem Wort zu stärken . . . Gott hat mir das Ohr geöffnet, damit ich höre wie die, die noch lernen können.“ Dies sagt der Leidende Gottesknecht. Das Leiden ist eine Folge des guten Gehörs – das Mitleid, diese würdigste ­aller Tugenden. 

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