Landespastor Dirk Ahrens über Kain und Abel

Und Adam erkannte seine Frau Eva, und sie ward schwanger und gebar den Kain und sprach: Ich habe einen Mann gewonnen mithilfe des HERRN. Danach gebar sie Abel, seinen Bruder. Und Abel wurde ein Schäfer, Kain aber wurde ein Ackermann. Es begab sich aber nach etlicher Zeit, dass Kain dem HERRN Opfer brachte von den Früchten des Feldes. Und auch Abel brachte von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Und der HERR sah gnädig an Abel und sein Opfer, aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an. Da ergrimmte Kain sehr und senkte finster seinen Blick. Da sprach der HERR zu Kain: Warum ergrimmst du? Und warum senkst du deinen Blick? Ist's nicht so: Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie. Da sprach Kain zu seinem Bruder Abel: Lass uns aufs Feld gehen! Und es begab sich, als sie auf dem Felde waren, erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot. Da sprach der HERR zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er sprach: Ich weiß nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein? Er aber sprach: Was hast du getan? Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde. Und nun: Verflucht seist du auf der Erde, die ihr Maul hat aufgetan und deines Bruders Blut von deinen Händen empfangen. Wenn du den Acker bebauen wirst, soll er dir hinfort seinen Ertrag nicht geben. Unstet und flüchtig sollst du sein auf Erden. Kain aber sprach zu dem HERRN: Meine Strafe ist zu schwer, als dass ich sie tragen könnte. Siehe, du treibst mich heute vom Acker, und ich muss mich vor deinem Angesicht verbergen und muss unstet und flüchtig sein auf Erden. So wird mir's gehen, dass mich totschlägt, wer mich findet. Aber der HERR sprach zu ihm: Nein, sondern wer Kain totschlägt, das soll siebenfältig gerächt werden. Und der HERR machte ein Zeichen an Kain, dass ihn niemand erschlüge, der ihn fände. So ging Kain hinweg von dem Angesicht des HERRN
Online-Dachzeile: 
Landespastor Dirk Ahrens über Kain und Abel
Kain, ein gemachter Mann
Gott sieht das Opfer des Habenichts Abel gnädig an – woraufhin der Grundbesitzer Kain ergrimmt. Es kommt zum Brudermord. Und Gott greift ein

 Kain ist schon bei seiner Geburt ein gemachter Mann. Der Erstgeborene und Erbe der Menschheit. Sohn von Adam und Eva. Seine Mutter jubelt bei seiner Geburt: "Ich habe einen Mann gemacht mit Gottes ­Hilfe!" Die Geburt des Zweitgeborenen ist weniger 
aufsehenerregend: Abel heißt übersetzt "Hauch". Die ­Brüder stehen für die gesamte Menschheit: der gemachte Mann, Ackerbauer und Grundbesitzer – und der "Hauch". Kain als Typus des Erfolgsmenschen und Abel stellver­tretend für Milliarden "Nichtse", Menschen, die nichts zu sagen haben, die nicht über Vermögen und Immobilien verfügen. Die auf einem Boden leben, der nicht ihnen gehört.

Dirk Ahrens

Dirk Ahrens, 1963 in Goslar geboren, ist Landespastor und Leiter des Diakonischen Werks Hamburg. Nach dem Abitur in Celle studierte er Theologie in Hermannsburg und Wien. Von 1992 bis 1994 war er Dozent für Theologie und Pädagogik am Institut für Kirchenmusik der Universität Greifswald. Zwischen 1999 und 2001 leitete er das Theologisch-Pädagogische Institut Greifswald. Ab 2001 war er acht Jahre lang Gemeindepastor in der Kreuzkirche in Hamburg-Wandsbek. Seit 2014 schließlich hat er seine beiden aktuellen Ämter inne.
Hanna LenzDirk Ahrens: DEUTSCHLAND, HAMBURG, 17.03.2016: Landespastor Dirk Ahrens. FOTO: Hanna Lenz
Beide opfern Gott von den Früchten ihrer Arbeit. Und Gott sieht nur das Opfer Abels gnädig an. Warum? Die Geschichte von Kain und Abel gibt dafür keine Erklärung. Aber überall in der Bibel findet man Hinweise darauf, dass Gottes Liebe und Zuwendung eher den kleinen Leuten gehört, den Nichtsen, den Armen, den Abels. Dennoch: Den Grund für Gottes Wahl kennen wir nicht. Gott ist frei und keinerlei Mechanismen unterworfen, die ihn zwingen könnten, unsere Opfer und unsere religiösen Bemühungen gnädig anzusehen.
Für Kain, den gemachten Mann, ist das unerträglich. Vielleicht denkt er, dass er ein Recht auf Gottes Gnade ­habe. Ganz sicher aber ist es für ihn eine narzisstische Kränkung oder Demütigung, dass so ein Hauch, ein Nichts, ihm vorgezogen wird. Kain ergrimmt und senkt finster seinen Blick. Mit dieser Haltung kann man in ­manchen Ländern Präsident werden: einer, der sich durchsetzt und sich nicht alles bieten lässt. Aber Gottes Recht ist nicht das Recht des Stärkeren.

"Wer das Recht für den eigenen Vorteil zerstört, muss fürchten, dass sich das Recht des Stärkeren gegen ihn wendet"

Gott sieht auch Kains Not. Er bleibt ihm zugewandt und ermutigt ihn. Er traut Kain zu, Herr über die Sünde zu bleiben. Wenn der gemachte Mann schon herrschen will und muss, dann zuallererst über die Sünde, die vor seiner Tür lauert. Aber an dem Punkt ist Kain schwach. Diese Kränkung, dass ein Hauch zwischen ihm und Gottes 
Gnade stand, durfte nicht ungesühnt bleiben: "Kain ­zuerst!" Neid und Missgunst überwinden ihn und machen ihn zum Mörder.

Gut zu wissen, dass sich auch die Mächtigen vor Gott verantworten müssen: "Wo ist dein Bruder?" Kain versucht es mit zynischem Spott, aber Gott kann er nicht entgehen: "Was hast du getan?" Die dumme Rechnung des Kain geht nicht auf: Statt Gnade erntet er Fluch. Kain erkennt, dass sich das Recht des Stärkeren, jenes Recht, dem er eben noch zur Entfaltung verholfen hatte, gegen ihn wenden könnte: "Wer mich findet, wird mich totschlagen!" Das Gesetz des Dschungels war sein Gesetz, als er sich noch mächtig fühlte. Nun aber zittert er vor Angst.

Tyrannen, die Recht und Ordnung für den eigenen ­Vorteil zerstören, müssen fürchten, dass sich das Recht des Stärkeren gegen sie wendet: Wer beschützt noch ihr eigenes 
Leben, wenn erst die Institutionen des Rechts zerstört sind? Deshalb können sie nicht aufhören zu herrschen und müssen ihre Herrschaftszeit immer verlängern.

Um den drohenden Kreislauf von Willkür und Tod aufzuhalten, muss Recht gesprochen werden, wo sonst Rache walten würde. Gott straft den Kain für sein Verbrechen, aber er schützt sein Leben. Recht ist niemals gnadenlos! Das Kainsmal ist nicht Ausdruck der Schande, sondern des Schutzes. Derjenige, der gemordet hat, weil sein Opfer vor Gottes Augen keine Gnade gefunden hatte, trägt nun am tiefsten Punkt seines Lebens das Zeichen der Gnade Gottes an seinem Körper. Damit er nicht vergehen kann, wie ein Hauch – durch die Hand eines gemachten Mannes.

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