Der Psychiater Manfred Lütz über Gott und die Liebe

1. Johannesbrief 4,7-8: "Ihr Lieben, lasst uns einaner lieb haben; denn die Liebe ist von Gott, und wer liebt, der ist aus Gott geboren und kennt Gott. Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht; denn Gott ist Liebe." (Lutherbibel, revidierte Fassung von 2017)
Der Psychiater Manfred Lütz über Gott und die Liebe
Eine Frage der Liebe
Manchmal sind Atheisten die besseren Christen, findet der Psychiater Manfred Lütz

Mit 14 Jahren habe ich meinen Glauben verloren. Es war ein Bibelzitat, das mich in den Atheismus trieb: "Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen." Plötzlich wurde mir klar, wie entlarvend dieser Spruch war. Nur wenn man so blöd war, wie Kinder es sind, konnte man den ganzen Humbug glauben. Und mit 14 findet man bekanntlich kaum etwas blöder als kleine Kinder. 

Manfred Lütz

Manfred Lütz, 67, ist Psychiater, Theologe und Schriftsteller. "Gott: Eine kleine ­Geschichte des Größten" hat er 2007 veröffentlicht. ­Zuletzt erschien "Was hilft Psychotherapie, Herr Kernberg?" (Herder).
Thomas Rabsch

Viel später wurde mir klar, dass man einen Zugang zu Gott nur finden kann, wenn man den Anspruch ablegt, alles in den Griff bekommen zu wollen, wenn man sich demütig der "größeren Ehre Gottes" öffnet, wenn man auf die Knie geht und betet. Aber erst mal machte ich mich auf die Suche nach rationalen Argumenten für Gott – und fand sie. Außerdem erlebte ich echt christliche Menschen und kam mit 15, 16 Jahren zum Glauben zurück ,­studierte sogar Theologie. Aber die Frage nach Gott ließ mich nicht los, und kaum etwas tat ich lieber, als mit gescheiten ­Atheisten zu diskutieren.

Mehr und mehr fiel mir die Diskrepanz auf zwischen manchen liebenswürdigen, unglaublich engagierten un­eigennützigen Atheisten und gewissen zynischen Christen, die formal alles glaubten, was im Glaubensbekenntnis stand, aber kaltherzig und egozentrisch vor sich hinlebten. Konnte es sein, dass viel theologisches Wissen am Entscheidenden vorbeiging? 

Die Liebe ist die Benchmark

In so einer Situation fiel mir der 1. Johannesbrief in die Hände, der den unschätzbaren Vorteil hat, dass er ganz kurz ist und trotzdem aus meiner Sicht das Wesentliche des christlichen Glaubens zusammenfasst. Er ist in ­eine Zeit hineingeschrieben, in der die Gnosis die größte Gefahr für die frühe Christenheit darstellte. Nach dieser Lehre führt nur tiefes Wissen vom Göttlichen, womöglich esoterisches Geheimwissen, zum Heil einer kleinen Elite, während die dumme Masse sinnlos und unerhellt auf die ewige Verdammnis zuwankt. Genau gegen Leute, die so etwas vertreten, wurde der 1. Johannesbrief geschrieben.

"Wer liebt, der ist aus Gott geboren und kennt Gott. Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht, denn Gott ist Liebe", heißt es da. Wer also keine Ahnung von Theologie hat, nichts weiß von der Welt und auch nichts von Gott, hält sich womöglich für einen Atheisten. Aber wenn er wirklich liebt, "kennt" er Gott und ist Christ ohne Wenn und Aber. Wer aber nicht liebt – und mag er höchst gebildeter Theologe sein, engagierter christlicher Laie, Priester, Bischof, gar Papst – von dem heißt es schneidend, er "kennt Gott nicht", ist also Atheist. 

"Gott ist Liebe" – das ist für Christen jeden Tag sozu­sagen die Benchmark, das entscheidende Kriterium für ihr Christsein. Wenn ich mich über andere Menschen ärgere, gerade auch über gewisse Kirchenvertreter, kommt mir diese Herausforderung aus dem 1. Johannesbrief in den Sinn. 

Mit klugen Atheisten lässt sich gut diskutieren

Aus dieser Lebensgeschichte erklärt sich, warum mir mein Buch "Gott – Eine kleine Geschichte des ­Größten" ein ganz besonderes Anliegen war. Ich habe mir da ­einen ­gescheiten Atheisten vorgestellt und dem alle ­Argumente für den lieben Gott allgemein verständlich und unter­haltsam vorgetragen. Das hat einige sogar überzeugt, ­wobei mir klar ist, dass letztlich der Heilige Geist ­Menschen zum Glauben führt. Aber man kann vielleicht einige Vor­urteile wegräumen, um dem Heiligen Geist die Landebahn vorzubereiten.

Vor Jahren ist es mir einmal gelungen, einen Text über meinen Glauben an Gott zugleich in der eher konser­vativen katholischen Tageszeitung "Die Tagespost" und im ­früheren Flaggschiff der SED, der sozialistischen ­Tageszeitung "Neues Deutschland", zu veröffentlichen. Das war nicht einfach, denn Christen und Atheisten reden ­normalerweise sehr unterschiedlich über Gott. Der Text ging über die Geschichte vom barmherzigen Samariter, der für gläubige Juden fremder war, als es heute für ­Christen Atheisten sind, und er berief sich an entscheidender Stelle auf den 1. Johannesbrief: Wer liebt, kennt Gott.

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